Zum Ende der "Lindenstraße" Die Dramoletten-Polonäse

Woanders ist es immer schlimmer: Unsere Autorin Anja Rützel schaute über Jahre "Die Lindenstraße", um Frieden mit dem eigenen Leben zu schließen. Ein sehr persönlicher Abschiedsgruß.

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Manchmal denke ich noch an Joschi Bennarsch, den böhmischen Heimaterden-Entrepreneur. An Onkel Franz, den Gruselnazi, an den Meme-Pionier Gung, an den traurigen Raben Frank Dressler, an diesen einen, wunderschönen Ausraster von Elisabeth Dressler. Und natürlich an Matthias Steinbrück, mittels Bratpfannenbreitseite hingestreckt, unvergessen. Alles längst abgewrackte, gedankliche Überbleibsel aus einer Zeit, in der ich die "Lindenstraße" unerschütterlich liebte.

"All families are psychotic" heißt ein Roman von Douglas Coupland, aber kein Buch und keine Serie demonstrierte diesen Umstand für mich so schmerzhaft und gleichzeitig tröstlich, wie es diese Dramoletten-Polonäse seit 1985 leistete. Die "Lindenstraße", die nach Wunsch der ARD-Verantwortlichen 2020 eingestellt werden soll, und ihre Bewohner zurrten ein Koordinatensystem über das eigene Leben, auf dem man seine eigene kleine bundesdeutsche Realität relativ genau orten konnte: nicht so klemmharmonisch wie die Beimers, aber lange nicht so kaputt wie die Schildknechts. Nicht so spießig wie die Dresslers, nicht so hippiemäßig wie die Zimmermanns.

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"Lindenstraße": Aus nach 35 Jahren

Lange, bevor ich ahnte, was eine Fernsehserie sein könnte, werden könnte über all die Jahre, was sie in guten Momenten erzählerisch leisten und bildlich prägen kann, lieferte die "Lindenstraße" große Momente, die blieben. Vor allem die großen Todesfälle kann ich immer noch abrufen: Benno Zimmermanns Schneesterben, der bedrückend schöne Paarfreitod von Amelie von der Marwitz und Ernst-Hugo von Salen-Priesnitz.

Der Tod des großen Schildknechts

Am meisten nahm mich der Verlust von Franz Schildknecht mit, der elend im Hinterhof zwischen seinen bizarren Ölgemälden krepierte. Ich war damals gerade in meine erste eigene WG gezogen, die Wände waren leer, und ich schrieb dem WDR einen Brief, den ich für launig hielt, in dem ich meine Trauer zum Ausdruck brachte und fragte, ob ich nicht vielleicht eines seiner Tryptichen oder sonst eine großformatige Kleckserei haben könnte.

Ich bekam eine abschlägige Antwort und einen Satz Autogrammkarten des ganzen Ensembles. Ein paar Wochen später fand ich meinen Brief in Auszügen in der "Bild" wieder, als Teil eines Artikels über Trottel-Fans, die sich ernsthaft um die freie Wohnung bewerben, wenn in der Lindenstraße jemand auszieht, weil sie nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können.

Fand ich fies, denn damit hatte ich tatsächlich keine Schwierigkeiten. Spätestens als manche, bislang nur aus der "Lindenstraße" gekannte Probleme dann irgendwann immer ekliger und dringlicher in mein eigenes, inzwischen erwachsenes Leben krochen, begann meine Liebe zu bröckeln. Wenn der eigene Alltag nicht mehr weitgehend sorglos ist, macht es nicht mehr so viel Spaß, anderen Menschen jede Woche beim Sorgenhaben zuzuschauen - als tröstliche Jeder-hat-sein-Päckchen-zu-tragen-Identifikationsfiguren taugten mir die Münchner Jammerwesen nicht.

Ich schaute also nur noch unregelmäßig rein, als ich selbst mit miesen Hausverwaltern und grauslichen Mitbewohnern zu kämpfen hatte, die ich sonst immer nur in meiner Serie sah. Zwar wurde in meinem Leben niemand blindgeschossen oder mit der Geflügelschere kastriert, aber Arbeitslosigkeit, geplatzte Leihmutterdeals, Neonazitum, Vergiftungen und Süchte alle Art wurden mir irgendwann zu deprimierend für den Sonntag. Warum sollte ich mir dieses Elend regelmäßig anschauen? Da könnte ich ja gleich nach Berlin ziehen, dachte ich damals (in Stuttgart).

Vielleicht werde ich sie trotzdem vermissen, jetzt, wo ich weiß, dass da bald kein löchriges, zugiges Seriennest ist, in das ich jederzeit zurückkehren könnte. Falls also beim finalen Rümpeln doch noch ein paar Schildknecht-Schinken zu entsorgen sein sollten: Ich wäre noch interessiert.



insgesamt 24 Beiträge
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brooklyner 16.11.2018
1.
Wieder Mal grossartig, Frau Rützel, das mit Stuttgart wusste ich natürlich nicht, aber jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, warum ich mit Ihrem Humor so gut kann.
christian simons 16.11.2018
2. Jumping The Shark, Anno 1985
Da wir schon in Erinnerungen schwelgen: Es gab in den frühen Tagen der „Lindenstraße“ eine Szene, die symptomatisch für das prätentiöse Grauen dieses Serienbandwurms war. Der vietnamesische Migrant Gung sitzt eines Abends an den Futtertrögen der Familie Beimer, und der Mutter unterläuft ein multikulturelles Malheur mit spektakulären Auswirkungen: Sie serviert zum Nachtisch eine Eisbombe. Daraufhin erleidet Gung einen mittelschweren Nervenzusammenbruch, und erzählt, wie sein Heimatdorf einst von Bomben verwüstet wurde. Heißa, habe ich damals gedacht, jetzt habt Ihr Autoren der deutschen Wohlstandsgesellschaft mal so richtig schön Saures gegeben. Da verzeiht man schon mal den dramaturgischen Holzhammer. Und damit soll jetzt nach mehr als 33 Jahren Schluss sein? Unvorstellbar.
fottesfott 16.11.2018
3. Hmmm, auch wenn ich...
seit 1985 (damals 24) bis heute nie eine vollständige Folge der "Lindenstraße" gesehen habe - manchmal einen Anfang, manchmal ein Ende, weil man die Sendung danach sehen wollte - so kam man ja um eine gewisse Kenntnis der Charaktere nicht herum. Insofern würde ich mich vor die Alternative gestellt in Stuttgart zu leben oder 100 Folgen "Lindenstraße" schauen zu müssen dann doch für die "Lindenstraße" entscheiden... Großartiger Artikel, musste schallend lachen. Grämen Sie sich nicht wegen der Kunstwerke, der aktuelle Trend sind Bilder, die sich bim Verkauf selbst auffressen...
grundlosglücklich 16.11.2018
4. So ist es
Frau Rützel, genau so geht es mir mit dieser Serie. Ich habe es zwar schon etwas eher gemerkt (seit 1986 keine Folge mehr angeschaut), aber aus genau dem gleichen Grund. So viel Drama, so viele Schicksalsschläge waren mir am Sonntagabend einfach zu viel. Danke für Ihre Worte.
dasfred 16.11.2018
5. Als die ersten Kinder aus dem Haus waren
Da fing es an für mich sehr uninteressant zu sein. Die oben von Frau Rützel aufgezählten Charaktere haben noch meine Erinnerungen geweckt. Bis dahin habe ja noch einiges mitverfolgen können. Als dann aber die erste Generation Lindenstrassen Kinder, ich meine die, die überlebt haben, langsam erwachsen wurden, sind den Machern irgendwie die Handlungsstränge entglitten. Bewundernswert, dass doch so viele dieses künstliche Leben so lange begleiten konnten. Und Bewunderung für Frau Rützel, die in Nachtarbeit heute morgen den Katastrophenbericht über schlimme Pro 7 Shows liefern konnte und nun schon den Nachruf auf die Lindenstraße aus dem Hut zaubert. Wir wissen Nacht und Wochenendarbeit viel zu wenig zu schätzen.
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