Lippes neue TV-Show: Heilige Einfalt!

Von Christoph Twickel

Grobe Zoten, ein Schuss Süffisanz - und viel Gekreische: "Ich liebe Deutschland", die neue Show von Jürgen von der Lippe, unterscheidet sich kaum von der Konkurrenz. Wäre da nicht die schwarzrotgeile Staffage.

Neue Lippe-Show: Aufmarsch der Schland-Boys Fotos
Sat.1

Von der "Superhitparade der Volksmusik" über "Lustige Musikanten" bis zum "Grand Prix der Volksmusik": Noch bis vor ein paar Jahren hatte die Deutschtümelei im deutschen Fernsehen einen klar abgegrenzten Platz. Heimat war, wenn das Moderatorenteam in Dirndl und Jankerl auf der Showbühne steht, wenn das silberlockige Publikum an karierten Bierbänken schunkelt, wenn die Wildecker Herzbuben oder die Amigos einheizen.

Doch dann kam Schland.

Schland hat all das krachlederne Jodelzeugs auf den Dachboden verbannt oder zum Parodie-Einspieler mit Anke Engelke und Bastian Pastewka gemacht. In Schland muss niemand Rüschenblusen und Dauerwelle tragen, um schunkeln zu dürfen, in Schland ziehst du Schlabber-T-Shirts an und darüber schwarzrotgoldene Stoffblumenketten, Perücken und aufblasbare Klatschhände. Schland ist Party, Schland ist laut, Schland macht "Unk, unk, unk" mit viel Bass und alle klatschen mit.

Und so sieht es dann in "Ich liebe Deutschland", der neue Spiel-Show mit Jürgen von der Lippe auch aus. Als Showportal dient ein etwas comichaftes Brandenburger-Tor, darüber läuft in "Bild"-Fettschrift und RAF-Kleinschreibung "ich liebe deutschland", das Publikum winkt mit Aufblas-Deutschland-Klatschhänden und die Erkennungsmelodie ist Tom Astors Mittachtziger-Fernfahrer-Hit "Hallo, guten Morgen Deutschland", leicht abgewandelt: "Hallo, guten Abend, Deutschland, ich lebe hier, weil ich dich mag".

Lars Dietrich, Rebecca Mir - kennen Sie die?

Die singenden Einheizer - die während der gesamten, quälende zwei Stunden langen Sendung Schland-Evergreens wie "Brother Louie", "Major Tom" oder "König von Deutschland" intonieren - sind als Bauarbeiter, Dirndlmächen, Matrose, Fußballspieler und Business-Girl kostümiert.

Heilige Einfalt! Gut, dass Rio Reiser das nicht mitansehen muss!

Ein DDR-Sandmännchen sitzt traurig auf der Zuschauertreppe und winkt in die Kameras. Schland hin oder her: De facto hat die Show eigentlich nur die Aufgabe, sich in das freitag- und samstagabendliche Comedy-Kontinuum auf SAT.1 einzupassen - vor "Genial Daneben", "Die dreisten Drei", "Sechserpack" und "Mensch Markus".

Das Format, 2008 von John de Mol in den Niederlanden unter dem Titel "Ik hou van Holland" entwickelt, ist eine Spielshow, in der zwei vierköpfige Promi-Teams gegeneinander antreten. Nicht nur, aber auch in Deutschland hat die Inflation dieser Shows dazu geführt, dass niemand, der irgendwann mal einen halben Hit hatte oder auf den vorderen Plätzen einer Casting-Show gelandet ist, jemals wieder aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden kann. So auch im Falle von "Ich liebe Deutschland".

Falls Sie sich nicht mehr an den Spaßrapper Bürger Lars Dietrich erinnern, falls Ihnen der Name Sonya Kraus nichts mehr sagt, falls Ihnen entfallen war, dass eine gewisse Rebecca Mir den zweiten Platz bei Germanys Next Topmodel gemacht hat: Am Freitagabend standen sie alle als "Promis" hinter den Rateknöpfen.

Die Kandidaten müssen Punkte erraten und erspielen - mit lautstarkem Support ihrer jeweiligen Publikumsseite, kollektiv in gelbe bzw. rote T-Shirts gewandet. Die Teams kämpfen für ihren Fanblock, für die Gewinnerseite gibt es einen Kugelgrill pro Zuschauer. "Der Traum vom eigenen Kugelgrill": So, wie TV-Altmeister von der Lippe das Gerät anpreist, scheint er dem Pöbel auf der Tribüne den Blech-Trash recht herzlich zu gönnen.

Ein bisschen Frieden oben ohne?

Süffisant kann von der Lippe hervorragend - und deshalb ist sein Stil für die Schland-Ästhetik durchaus passend: Ein bisschen parodistisch soll der TV-Patriotismus ja auch sein, und von daher passt der aus der kabarettistischen Bonner Republik kommende ironisch-feinsinnige Ton Lippes ganz gut. Zumal er auch vor groben Zoten nicht zurückscheut, wenn es sein muss. "Ich sehe sie noch vor mir mit dieser übergroßen weißen Gitarre", sinniert er über Nicoles "Ein bisschen Frieden" beim Eurovision Song Contest 1982. "Man kann sich ja bis heute fragen - hat sie vielleicht oben ohne gesungen?" Buahahaha!

Von der schwarzrotgeilen Staffage abgesehen unterscheidet sich "Ich liebe Deutschland" kaum von der handelsüblichen Spielshow-Stangenware. Es wird viel herumgekreischt, was die im Dauer-Fun-Modus befindliche Sonya Kraus und der bewährt tuntige Daniel Küblböck besonders gut beherrschen.

Das Team um Tagesschau-Sprecher Marc Bator mit Mario Basler, Topmodel-Vize Rebecca Mir und Ex-Spaßrapper Bürger Lars Dietrich schnitt zwar besser ab im Ratemarathon um Fragen wie die Einwohnerzahl Helgolands oder die Stadt, in der sich Tokio Hotel gegründet haben. Im Finale gewann aber doch das gelbe Team - mit Küblböck, Karl Dall und Eva Haberland durch einen Coup am Glücksrad.

Teamchefin Sonya Kraus holte sich aus dem Publikum zwei Schland-Boys mit aufblasbaren Schwarzrotgold-Händen und schrie: "Das sind die deutschen Hände - wenn die es nicht schaffen!" Tatsächlich landete das Rad bei 50 Punkten und sicherte Kraus und ihrem Team den Sieg.

Ein Sieg für Deutschland.

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insgesamt 72 Beiträge
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1.
eins_a79 16.07.2011
Gratuliere, ein sehr gelungener und treffender Artikel. Ich habe mal rein geschaltet und es war wie ein Autounfall, schlimm aber man konnte irgendwie nicht weggucken. Zum Glück habe ich dann doch noch die Fernbedienung greifen und umschalten können. Das Deutschgetümel konnte man auch wieder sehr schön bei der Frauenfußball WM beobachten. Scha la la la und klatsch klatsch klatsch, so lange man denkt, man wäre der größte. Danach kam das große Nichts. Das Prinzip Brot und Spiele aus der Römerzeit reicht bis in die heutige Zeit hinein. Auf Kommando: Spaß!
2. .
Haio Forler 16.07.2011
Zitat von sysopGrobe Zoten, ein Schuss Süffisanz - und viel Gekreische: "Ich liebe Deutschland", die neue Show von Jürgen von der Lippe, unterscheidet sich kaum von der Konkurrenz. Wäre da nicht die schwarzrotgeile Staffage. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,774802,00.html
Wie der Knuffelbär sich durchs Mittelmaß kalauert, und das seit 30 Jahren, beachtlich.
3. Pech...
Europas 16.07.2011
...dass das Sommermädchenmärchen ausfällt, das war wohl in der Planung der Macher mit drin. Und "Hallo, guten Abend, Deutschland, ich lebe hier weil ich dich mag": Das gilt ja wohl im wesentlichen für Zuwanderer, bei den allermeisten dürfte es wohl eher der Zufall des Geburtsortes (oder genauer: der Staatsbürgerschaft der Eltern) sein. Bei völlig freier Wahl der Nationalität sähe die Bevölkerungsverteilung der Welt wohl etwas anders aus.
4. Idiotischer kann eine Sendung nicht sein
Roßtäuscher 16.07.2011
Zitat von sysopGrobe Zoten, ein Schuss Süffisanz - und viel Gekreische: "Ich liebe Deutschland", die neue Show von Jürgen von der Lippe, unterscheidet sich kaum von der Konkurrenz. Wäre da nicht die schwarzrotgeile Staffage. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,774802,00.html
Nach 2 Minuten muss man die dämliche Auffuhr wegzappen, weil man es nicht mehr hören und sehen kann. Wo ist von der Lippe hier reingeraten. Typisch SAT.1 eben. Dass Kerner zu diesem Sender zurückging kann man verstehen. Für den schlagfertigen v.d.Lippe ein riesiger Imageverlust.
5.
Darjaan 16.07.2011
ich hätte es gerne mal für 5 Minuten angetestet, aber ich boykottiere grundsätzlich Sendungen mit Daniel Kübelböck...
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