Zwischenbilanz zu "Love Island" Vom Suchen und Verhindern der Liebe

Achtung, bitte nicht verwechseln: "Love Island" ist keine simple Fummelsendung, sondern ein komplexer Lehrgang in Bumsenomics, den kapitalistischen Grundformen der sogenannten Liebe. Re-Coupling, jetzt!

RTL 2

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Die Frauen töpfern Penisse. Die Männer müssen versuchen, den Frauen so viele Wiener Würstchen wie möglich ins Bikinihöschen zu stopfen. Ein ganz normales Gesprächsthema: Illegale Bräunungsspritzen auf Malloze. Ein ganz normaler Gesprächsanfang: "Hast du sie geballert?" Der beste Witz, bei dem alle in gröhlendes Gelächter verfallen: "Ich wollte ja mal studieren." Und es gibt Knutschwettbewerbe, die eher aussehen wie verzweifelte Versuche monströser Karpfen, einen anderen monströsen Karpfen mit schaufelndem Fischmaulgemalme im Ganzen zu verschlucken.

Seit zwei Wochen kann man den ungefähr zwölf RTL2-Singles bei "Love Island" auf ihrer nicht näher definierten Insel bei ihren fummlungsanbahnenden Maßnahmen zuschauen. Noch eine Woche läuft die erste deutsche Staffel des in Großbritannien schon schwerst erfolgreichen Formats, das aus der Schmiede der Dschungelcamp-Kreateure ITV stammt. Als kleines Zwischenfazit vor dem Endspurt stimmt auf jeden Fall schon einmal das: Endlich hat man den Hamster, den man sich als Kind immer wünschte und nie bekam. Und zwar gleich ein ganzes Rudel dieser Tierchen, bei denen man nie so genau weiß, was im winzigen Oberstübchen hinter den blanken Knopfaugen so vor sich geht, wenn man sie jeden Abend bei ihren Kapriolen beobachtet.

Alles stimmt, was man über Hamster liest: Sie sind nachtaktiv und drehen öfters mal am Rad. Das schöne an der LoveIslander Inkarnation: Man muss ihren Käfig nicht selbst sauber machen.

Der Cast, vor allem zeigefrohe, well-done Bizeppeln und Silikonen, ist nicht spektakulär, aber solide, und liefert auch bei handlungsärmeren Sequenzen verlässlich hübsche Dialoge ab. Unterhaltsam wird es zum Beispiel immer dann, wenn Model Antony über die Kunst spricht: "Ich liebe Kunst und bin selber künstlich, äh, künstlerisch begabt." Vorgeblich hat er ja mal "die Sixtinische Kapelle abgemalt", das würde man gerne mal sehen. Auch sonst kann man viel lernen, zum Beispiel neue Namen wie "Chethrin", eventuell "Schettrin" ausgesprochen, und neue Forschung-Fun-Facts, vorgetragen von ebenjener Chethrin: "Männer kriegen auch ihre Periode, das ist wissenschaftlich erwiesen, die bluten dann nur im Kopf."

Singles müssen gehen

Chethrin war - muss man leider sagen, denn sie ist schon raus - überhaupt eine große Aphoristikerin: "Es ist wichtig, wenn man einen Mann sieht, dass das Möschen kribbelt", sagte sie mal und flog trotzdem. Bei einer der immer wieder mal unvermutet anberaumten, wirklich sogenannten Paarungszeremonien, bei der abwechselnd Frauen und Männer ihren Gefährten oder ihre Gefährtin für die nächste Zeit wählen dürfen, mit dem sie dann zumindest schon mal rein logistisch das Lager teilen, wurde ihr He-Männchen Mike von Neuankömmling Alina entwendet. Weil Singles aber auf "Love Island" nicht vorgesehen sind, musste Chethrin gehen - eine Regel, die den wirklich interessanten Mehrwert des Formats befeuert.

Denn bei aller niederer Lust am Begaffen komischer Körper, scheinbar würdefreier Lebensführung und Wettspielchen, die wirken, als habe Ingrid Steeger zu ihren besten Klimbim-Zeiten einen Kindergeburtstag organisiert: In seinen besten Momenten ist Love Island viel mehr als das, ein Lehrstück in jenen verzweifelten Besitzstandswahrungsmanövern nämlich, die manche Menschen mit Liebe verwechseln. Hat man erst einmal seinen Partner gefunden, wird dieser nach Art eines klammerfreudigen Beuteltierbabys komplettumschlungen, und zwar körperlich wie emotional.

Es geht um Besitz, um Macht, um Status, das ganze System der Bumsenomics, in dem Liebe ein notdürftig romantisch verbrämter Aktienmarkt ist. Ständig werden neue Singles auf der Insel abgesetzt, die den Marktwert der einzelnen Fusionen wieder ins Wanken bringen: Wann soll man den möglicherweise schon fast ein bisschen geliebten Partner besser abstoßen und anderswo neu investieren? Statt Kaufen und Verkaufen heißt es auf Island Abcouplen und Recouplen, sonst ist alles gleich, und das ist in seiner komplexen Schlichtheit durchaus faszinierend zu betrachten.

Jan Böhmermann als "Caught in the Act"-Mitglied

Die Frauen bestätigen sich untereinander ihre Valuierungen ("Ist die dünner oder dicker als ich?" - "Dicker! Massive Beine!") - und preisen der Neuen im nächsten Moment den Typen der eben noch besten Freundin an, nur um selbst den eigenen Heini behalten zu können, von dem man eigentlich gar nicht wirklich weiß, ob man ihn echt so dolle findet. Vom Suchen und Verhindern der Liebe, jeden Abend neu.

Was ein solcher Merger dann wirklich wert ist, zeigt sich, wenn ein Paar als besonderen Bonus eine Nacht allein im "Liebesnest" verbringen darf. Das ist eine semidiskrete Beischlafkammer abseits des Massenbettenlagers, "die Werkbank des Glücks", wie die Off-Stimme sagt, die eine gut dosierte, so in der Trash-Kommentierung noch nicht gehörte Humorschattierung versucht, und die oft gut funktioniert. Die Sex-Darstellungen erinnern dann schwer an die nachtsichtigen Unter-der-Decke-Koalitionen aus der ersten deutschen Big-Brother-Staffel, und das ist auch schon 17 Jahre her.

Das Gejuckele und Gezappele unter den weißen Laken sieht immer noch weniger nach Erotik und mehr wie der Überlebenskampf einer Gruppe Murmeltiere aus, die von einer Lawine verschüttet wurde und nun im Todeskampf versucht, sich wieder freizubuddeln. Leider graben sie aber in die falsche Richtung. Vielleicht sind heute Abend endlich Stephi und Julian dran, sie wünschen es sich schon so lange. Die Krankenschwester ist jedenfalls fast schon ein bisschen halbverliebt in den Mann, der aussieht, als habe sich Jan Böhmermann als "Caught in the Act"-Mitglied verkleidet.

Es klingt zumindest schwer danach, wenn sie sagt: "Ich kann mir nicht vorstellen, einen anderen Mann zu couplen."



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