"Love Island"-Finale Schauderschön simpel

Das Finale von "Love Island" vertreibt uns nach drei Wochen aus einem schlichten Paradies - und lässt uns allein mit unseren Träumen von einer Welt, so überschaubar wie im Englischlehrbuch für Anfänger.

RTL II/ Magdalena Possert

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Ja ja, Marcellino und Tracy haben "Love Island" gewonnen. Schon klar, dass eigentlich Marcellino und Tobias den Traumpaartitel hätten einheimsen müssen (und dass es keine Diskussion darüber geben kann, dass die beiden dringend ins nächstjährige "Sommerhaus der Stars" einfahren sollten, der einzigen Institution zermürbender, frustrierender Paarrealität, die diese schwitzig-klebrige Bros-4-life-Installation brechen kann). Dass das Finale der insgesamt prächtigen zweiten Staffel absolut fade geriet, lag allerdings weniger an diesen vorhersehbaren Befunden, sondern vor allem daran, dass ein stützender dramaturgischer Faktor tags zuvor im Halbfinale eliminiert worden war: Menschmuskel Sebastian, genannt der Hulk - der schiefe Brummton im vielstimmigen Säuselchor des "Love Island"-Ensembles.

Wie ein Streufahrzeug mit riesigem Rollsplitttank pflügte er in den letzten Tagen durch die schmalzglatte Oberfläche aus schlecht geschauspielerten Liebesschwüren und Unendlichkeitsfantasien. Schmuserte zwar an seiner ihm anvercoupelten Gespielin Jessica herum, gab aber als Einziger der Schmierentruppe unverhohlen zu bedenken, dass es "draußen", im echten Leben, wahrscheinlich nicht mit den beiden klappen würde, umständehalber, ja mei, man wird es schon überleben, sorry Jessi, jetzt wein halt nicht, Hauptsache, er wäre bald wieder zu Hause bei seinem bitterlich vermissten Hund, bei dem es sich übrigens, wie man bei Instagram sehen kann, um einen winzigen Chihuahua handelt. Und diese Bilder des ochsenfroschig auftrainierten Über-Mannes mit seinem geliebten Winztierchen sind konkurrenzlos das Rührendste, Herzgratinierendste, das man in drei Wochen Liebeszwitschershow so gesehen hat.

Schon klar, dass Sebastian für seine erfrischende Ehrlichkeit nicht mit dem Finaleinzug belohnt wird, es wäre auch zu schön und schlau gewesen. Doch selbst ein Hulk ist machtlos gegen das Diktat der bürgerlichen Spießbeziehung, dem auf "Love Island" alles so gnadenlos unterknutet wird. "Wer alleine bleibt, fliegt", lautet die meistzitierte Oberregel dieses Formats, das die Sendung zur grusligst denkbaren Dystopie aller glücklich unverpaarten Zuschauer macht: Die Idee einer Gesellschaft, in der ein Leben allein nicht vorgesehen ist und in sofortiger Vertreibung resultiert. Schauder.

Die nun beendete Staffel vollzog noch ein anderes, interessantes Gesellschaftsexperiment: Was wäre, wenn man die mitunter so schmerzhafte Hochkomplexität unserer Kommunikation einfach wieder auf menschliche Werkseinstellung resetten würde? Wenn wir also alle wieder so sprechen würden wie die Menschen in den Anfängerlehrbüchern unseres Englisch- und Französischkurses? Wenn das Leben wirklich so einfach wäre wie die Existenzen in diesen Simpelfibeln? Claudine est a la piscine. Let's have a barbecue! Viel komplexer wurde es nicht in den vergangenen "Love Island"-Wochen, und man darf sich ruhig darüber erschrecken, wie erholsam man das beim Zuschauen mitunter fand.

Eine Welt aus groben Bauklötzen, mit extra-schlichten Handlungssträngen. Seit etwa einer Woche sind Tracy und Marcellino ein "Couple", im Finale kommen ihre Mütter zu Besuch in die Villa, schenken ein Paar Babyschuhe und hoffen mit Nachdruck auf Enkelkinder. "Tracy, du bist noch viel hübscher als im Fernsehen", gurrt die Marcello-Mutter, und in dieser Parallelwelt genügt dieser Umstand dann tatsächlich schon für ein Happily-ever-after. "Für mich seid ihr alle Sieger, weil man kann nur im Herzen siegen", sagt die Mutter, und alle nickten ernsthaft und bewegt.

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"Wir haben uns kennengelernt, ohne uns kennenzulernen, weißte, was ich mein'?", sagt dann noch Natascha zu Tobias. Unter der "Love Island"-Glocke klingt das wie ein absoluter Glückszustand.



insgesamt 3 Beiträge
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dasfred 02.10.2018
1. Der Ochsenfroschartig aufgepumpte Übermann
mit Winztierchen hat bei mir sofort unangenehme Erinnerungen geweckt. Das mag der Grund sein, dass diese Spezies heute nur rasiert anzutreffen ist. Ich war ja schon schlimm auf Entzug. Tagelang Frühstück ohne Rützel Kolumne, aber die heutige hat mich wieder so erheitert, dass das Wetter draußen vollkommen egal ist. Schade, dass dafür erst soviele paarungswillige Männchen und Weibchen unbeschält in den Alltag zurückkehren mussten. So kann RTL den Geburtenrückgang nicht aufhalten.
haiti 02.10.2018
2. Reset
Ja, zurück zur einfachen Sprache, Gedankengängen, Beziehungsparadigmen. Kann man machen, wenn Muskelmaniacs, Vorallemgutaussehnwollende und RTL-Scripting zusammentreffen. Ausgenommen der Aspekt der Dystopie „Singles raus aus dem Paradies“ (Danke Anja!), war das mit das Langweiligste im TV der letzten Monate. Aber ein SiFi, der sich mit dem Thema beschäftigt, könnte großartig werden. Z.B. Orwell.
Alexis_Saint-Craque 02.10.2018
3. Geil
Tagelang Frühstück ohne Rützel Kolumne, aber die heutige hat mich wieder so erheitert, dass das Wetter draußen vollkommen egal ist.
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