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Serienstar Lucy Liu als Regisseurin

"Ich habe das Gefühl, dass mich nichts mehr schrecken kann"

Von "Ally McBeal" bis "Elementary": Als Schauspielerin ist Lucy Liu kaum aus dem TV wegzudenken. Nun hat sie bei der Netflix-Serie "Luke Cage" Regie geführt. Ein Gespräch über kleine Rollen und große Herausforderungen.

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Montag, 25.06.2018   19:48 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Miss Liu, Sie stehen seit mehr als 25 Jahren als Schauspielerin vor der Kamera. Nun haben Sie bei der Superhelden-Serie "Luke Cage" Regie geführt. War das etwas, wovon Sie immer geträumt haben?

Lucy Liu: Es war eher so, dass über die Jahre schleichend eine wachsende Neugier entstand für diesen Beruf, mit dem ich tagtäglich zu tun hatte. Je mehr Erfahrungen ich als Schauspielerin hatte, desto häufiger kam es vor, dass ich Entscheidungen meiner Regisseure und Regisseurinnen hinterfragt habe und mir überlegte, wie ich es wohl anders machen würde. Aber mich um eigene Jobs als Regisseurin zu bemühen, fing erst an, nachdem ich einen Kurzfilm drehte.

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SPIEGEL ONLINE: Das war 2012 "Meena", der von einem Mädchen in Indien handelt, das als 8-jährige an ein Bordell verkauft wird. War der Film damals Ihre Idee?

Liu: Nein, ich wurde gefragt, ob ich den übernehmen wolle. Es ging darum, einen prominenten Namen für das Projekt zu gewinnen. Zunächst war der Film als Dokumentation gedacht, dann wurde eine Art Doku-Drama daraus. Freunde von mir schrieben das Drehbuch, dann fuhren wir nach Indien und drehten gemeinsam diesen kleinen Film. Damals habe ich richtig Lust auf Regie bekommen.

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SPIEGEL ONLINE: Allerdings inszenierten Sie anschließend keine Dokumentarfilme, sondern zunächst einmal Episoden der Serie "Elementary", in der Sie die Hauptrolle spielen...

Liu: Das war für mich der nächste logische Schritt, denn "Elementary" bot mir eine Geborgenheit, die ich anderswo als Regie-Neuling nicht bekommen hätte. Was ich allerdings nicht bedacht hatte, war die Schwierigkeit, dass ich gleichzeitig inszenieren und mitspielen musste. Ein unglaublicher Stress, der mich beim ersten Mal fast überforderte. Das war eine Bewährungsprobe, seitdem habe ich das Gefühl, dass mich nichts mehr schrecken kann.

SPIEGEL ONLINE: Das klassische Bild des Regisseurs ist das des Auteur - also, wenn jemand seine künstlerische Vision Wirklichkeit werden lassen will, seine eigene Geschichte erzählen und vom Casting angefangen alles nach eigenen Vorstellungen umsetzen möchte. Die Inszenierung einer Serienfolge könnte davon kaum weiter entfernt sein. Worin also liegt die kreative Erfüllung?

Liu: Ihre Frage klingt, als sei ein Kinofilm ein Drei-Gänge-Menü, das aufwändig gekocht werden muss, während eine Serien-Episode ein Mikrowellen-Gericht ist, das sich praktisch von allein zubereitet. Aber ganz so ist es dann doch nicht. Ohne Regisseur oder Regisseurin kann auch eine solche Folge nicht entstehen. Denn es ist nun nicht so, dass beim Inszenieren einer Serie gar keine Entscheidungen mehr getroffen werden müssen. Klar, die Hauptdarsteller stehen fest. Aber dafür kann ich zum Beispiel die Gastrollen besetzen. Und auch sonst ist es meine Verantwortung als Regisseurin, den Zuschauer in das Geschehen einzubinden und aus dieser einen Folge ein Ereignis zu machen. Gerade dass sie Teil eines größeren Ganzen ist, ist für mich das Reizvolle. Und ich bin mir sicher, dass jemand, der einen "Star Wars"-Film inszeniert, auch eine künstlerische Vision umsetzt, unabhängig davon, dass einst ein anderer diese Welt geschaffen hat.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem würde es Sie doch sicher auch reizen, mal einen eigenen Film zu inszenieren, oder?

Liu: Klar, das würde mir gut gefallen. Auch Produzieren würde ich gerne mal. Einen Film von der ersten Idee bis zum Kinostart selbst zu verantworten - das ist in meiner Vorstellung eine großartige Aufgabe. Irgendwann werde ich das sicher machen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Schauspielerei dafür aufgeben?

Liu: Das glaube ich eher nicht, dazu liebe ich den Job zu sehr. Ich empfinde eine große Leidenschaft für die Schauspielerei, die nicht dadurch gemindert wird, dass ich mich auch anderen Beschäftigungen widme. In mehr als 25 Jahren bin ich jedenfalls nie morgens aufgewacht und hatte keine Lust mehr auf meinen Beruf.

SPIEGEL ONLINE: Auch nicht am Anfang Ihrer Karriere, als Sie Rollen spielen mussten wie Frau #3 in "Hör' mal, wer da hämmert" oder eine namenlose Prostituierte in dem Film "Bang"?

Liu: Das fühlt sich fast an, als sei es gestern gewesen. Jede einzelne Rolle habe ich damals geliebt und zu schätzen gewusst, selbst wenn ich nur fünf Worte sagen durfte. Aber immerhin durfte ich beim Fernsehen arbeiten! Jeder Tag vor der Kamera war für jemanden wie mich, der nicht die geringsten Berührungspunkte mit der Branche hatte und entsprechend bei Null anfing, ein riesiger Schritt.

SPIEGEL ONLINE: Gab es damals unter all diesen kleinen Rollen die eine oder andere, die sich als Schlüssel zum Erfolg entpuppte?

Liu: So etwas lässt sich, wenn überhaupt, nur im Nachhinein beurteilen. Im Moment selbst ging ich jede Rolle so an, als könnte sie den großen Durchbruch bringen. Oder eben meine letzte sein. Und selbst die Jobs, die dann tatsächlich zu Schlüsselrollen werden, fangen oft ganz unscheinbar an. In "Ally McBeal" zum Beispiel sollte ich eigentlich nur ein paar Folgen mitspielen, aber plötzlich wurde daraus eine große Sache, der ich mit Sicherheit auch die Rolle in "Drei Engel für Charlie" verdanke.

SPIEGEL ONLINE: Da im amerikanischen Fernsehen gerade alles wiederbelebt wird, was früher mal erfolgreich war: Hat man Sie schon wegen eines "Ally McBeal"-Revivals angesprochen?

Liu: Nein, und irgendwie rechne ich auch nicht damit. Damals war die Serie unglaublich modern und ihrer Zeit voraus, aus emanzipatorischen Gesichtspunkten genauso wie in Sachen Spezialeffekte. Aber das Seriengeschäft hat sich seither enorm verändert. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass "Ally McBeal" heute noch einmal die gleiche Wirkung entfalten würde wie damals.

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