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11. Januar 2013, 09:21 Uhr

Gerechtigkeitsdebatte bei Illner

Ein Talk wie eine Winterdepression

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Mehr Solidarität zwischen Reich und Arm, in Deutschland wie in Europa - das ist eines der großen Themen im Wahljahr. Die Diskutanten bei Maybrit Illner lieferten dazu eine müde Debatte. Ist es am Ende doch nicht so schlecht bestellt um die Gesellschaft? Oder lag es am miesen Wetter?

Wohin man auch hört in diesen Tagen, die Stimmung ist nicht gerade toll. Das hat gar nichts mit Politik zu tun, sondern liegt vor allem an der trüben Jahreszeit. Offenbar ist auch eine politische Talkshow nicht gegen Winterdepressionen gefeit, wie bei Maybrit Illner zu erleben war. Immerhin war es die erste Ausgabe im anbrechenden Wahljahr. Was dem Talk aber nicht ohne weiteres anzumerken war, so uninspiriert, wie die Debatte von den Beteiligten absolviert wurde. Zu deren Entschuldigung sei gesagt, dass sich aufgrund der Themenvorgabe "Reichensteuer oder Sparpaket" nicht gerade ein Feuerwerk an Originalität erwarten ließ.

Und so kam es, wie es kommen musste: nämlich zu einem Aufguss all der im vergangenen Jahr bis zum Überdruss geführten Debatten um den Euro, um Europa, die Wirtschaft, die Finanzen, die Schulden, um Deutschland, die gespaltene Gesellschaft, die Griechen, die Spanier und Italiener, die Jugendarbeitslosigkeit, die Bildung, Frau Merkel, Herrn Draghi, um den Mittelstand, um die französischen Sozialisten und folglich auch irgendwann um den Neu-Russen Gérard Depardieu.

Weil zu den Anwesenden der SPD-Chef zählte, ging es natürlich auch um die Sozialdemokratie und ihre Vorstellungen von einer Alternative zur Politik der Kanzlerin. Sigmar Gabriel trug sie vor, mehr pflichtgemäß, aber nicht unbedingt so, als würde er vor lauter Oppositionsgeist förmlich aus den Nähten platzen. Edmund Stoiber, der CSU-Ehrenvorsitzende und spätberufene Brüsseler Bürokratie-Abbau-Experte, fand seinerseits ein paar routiniert klingende lobende Worte für Angela Merkel. Aber auch für Gabriels Genossen Gerhard Schröder und dessen Agenda 2010, die er zunächst irrtümlich unter dem Stichwort Hartz IV subsumierte. Woraufhin Gabriel prompt und sichtlich erschrocken intervenierte.

So schlimm wird es schon nicht werden

Porsche-Oberbetriebsrat Uwe Hück legte Wert auf die Feststellung, dass er ebenfalls Genosse sei und daher per se die SPD gut finde, vor allem aber die Firma Porsche. Außerdem musste er selbstverständlich wieder einmal zu Protokoll geben, wie sehr ihm an der Schaffung einer insgesamt besseren, gerechteren Welt gelegen ist. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte vor den Steuerplänen der SPD, hatte aber auch etliches an der schwarz-gelben Regierung auszusetzen. Er äußerte sich mit Genugtuung über die deutsche Tarifpartnerschaft, aber ablehnend zu den von den anderen geforderten kräftigen Lohnerhöhungen.

Hätte man von jedem dieser vier die eine oder andere Äußerung genommen und sich dann einen Menschen gedacht, zu dem sie allesamt passen würden, so wäre dabei vermutlich jemand wie der sturmerprobte Börsenexperte Frank Lehmann herausgekommen. Praktischerweise war der auch leibhaftig zugegen und konnte somit nahezu perfekt das Substrat dieser Sendung in einer Person verkörpern. Das da lautete: So schlimm wird es schon nicht werden. Wenn auch nicht alles gut sein mag, so gibt es doch Hoffnung und jedenfalls keinen Grund zur Panik. Und zwar trotz der ominösen Giftliste des Finanzministers Schäuble für die Zeit nach der Wahl, von der ja heute noch keiner weiß, wie sie konkret umgesetzt wird.

Eine Sendung wie die politische Landschaft: ein bisschen langweilig

Gegen Ende hin beschlich den Zuschauer die leise Ahnung, dass der Charakter dieser merkwürdig müde mäandernden Talkshow mit all ihren Déjà-vu-Effekten und in ihrer ganzen konturenschwachen Unübersichtlichkeit womöglich nicht allein auf den Winter und seine negativen psychosozialen Einflüsse zurückzuführen sein könnte. Vielmehr spiegelte sie ziemlich exakt den aktuellen Zustand der politischen Landschaft wider. So geht es eben zu, wenn es an richtig schweren Konflikten mangelt und jeder irgendwie recht hat und nicht völlig unvernünftig ist: ein bisschen langweilig.

Ganz ließ es sich nicht vermeiden, dass auch ein paar Bemerkungen über Peer Steinbrück gemacht wurden. Die waren teilweise etwas mokant, aber nicht wirklich schlimm. Der SPD-Vorsitzende nutzte die Gelegenheit, um erstens auf den bevorstehenden 150. Geburtstag seiner Partei hinzuweisen und zweitens auf den Gründervater Ferdinand Lassalle, an dessen Beispiel sich lernen lasse, dass auch Wohlhabende sich glaubwürdig für die Schwachen einsetzen könnten.

Als der Genosse Hück gefragt wurde, ob er sich nicht lieber einen anderen Kanzlerkandidaten wünsche, gab er zur Antwort, er habe nicht die Absicht, sich über Steinbrück zur äußern. Sigmar Gabriel sei aber auf jeden Fall "ein geiler, guter Typ". So kam dann doch noch ein wenig Heiterkeit auf.

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