Islamisten-Drama in der ARD Glaube, Liebe, Gewalt

Der Sohn radikalisiert sich und reist in den Nahen Osten. Was macht das mit seiner Familie? Der ARD-Film "Macht euch keine Sorgen" ist klug und sehenswert - wenn er auch zu viele Konflikte aufmacht.

WDR/ Michael Kotschie

Von Klaus Raab


Familie Schenk sitzt am Essenstisch, und der Vater sagt ein frommes Verslein auf, während sich alle an den Händen halten. Dann klingelt es an der Haustür. Draußen steht die Störung des Reihenhauslebens und wedelt mit einem Durchsuchungsbefehl: Der Sohn der Familie, Jakob (Leonard Carow), den die Eltern im Spanienurlaub wähnen, soll sich, wie zwei LKA-Beamte erklären, dem "Islamischen Staat" angeschlossen haben und sich in Syrien aufhalten.

Die Frage, was einen jungen Mann in die Hände von Islamisten treiben kann, stand schon anderswo im Mittelpunkt, letzten November im sehr starken ARD-Zweiteiler "Brüder" etwa. Hier nun geht es weniger um die Verführungskraft der bösen Anderen mit den langen Bärten. Im Titel "Macht euch keine Sorgen", der sich im Film in einer E-Mail von Jakob wiederfindet, steckt schon ein Hinweis auf den Fokus: Wenn ein Teenager seinen Eltern schreibt, sie mögen sich keine Sorgen machen, müssen sie wohl annehmen, dass sie allen Grund dazu haben.

Die Schenks hatten sich gerade eingerichtet: Kredit abbezahlt, Arbeit vorhanden, man plaudert mit dem Nachbarn über die Hecke. Und dann macht der Junge so einen Mist, und im Umfeld schreibt sich in alle Gesichter das Misstrauen ein - in der Arbeit, in der Schule der kleinen Tochter, im Sportverein, in der privaten Umgebung. Der Vater (Jörg Schüttauf), der in Aktionismus verfällt und Jakob tatsächlich nach Hause zurückholt, und die Mutter (Ulrike C. Tscharre) verteidigen den Sohn nach außen - aber sie wissen selbst nicht mehr, was sie glauben sollen. Was treibt ihn?

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"Macht euch keine Sorgen": Misstrauen allenthalben

Die Autorinnen Kathi Liers und Jana Simon vertrauen darauf, dass sich im kleinen Drama das größere zeigt: die Angst und Verunsicherung in der gesellschaftspolitischen Debatte. Das gelingt auch. Wir sehen: eine kleine Welt, in der das, was man fürchtet, den Alltag stärker bestimmt als das, was ist.

Fast schon penetranter Hinweis

Nur: Es wimmelt von Hinweisschildern für die Zuschauer, Marke "Bitte nehmen Sie hier noch einmal den Grundkonflikt zur Kenntnis". Das beginnt schon bei den Namen der drei Kinder: Jakob, David, Marie sind übliche biblische Namen, aber in einem Film über eine gläubige Familie, der das Fundament wegen islamistischer Umtriebe unter der Couch wegbröselt, sind sie ein fast schon penetranter Hinweis darauf, wo hier die Spannungslinien verlaufen.

Egal, ob jemand freizügig aus der Dusche steigt oder die Tochter sich in der Schule selbst verschleiert malt: Die Figuren werden weniger entwickelt als vor der Folie des Themas vorgestellt. Der Vater raucht auch nicht einfach nur; er pflegt sein Laster binnen 90 Minuten in so schöner Regelmäßigkeit, dass man ahnt: Das wird noch von inhaltlicher Bedeutung sein. Ist es auch, wenn Jakob dann auch mal zieht, wie um zu zeigen, dass er seinen Kampf gegen alle weltlichen Laster aufgegeben hat.

"Macht euch keine Sorgen" ist so letztlich ein zu kurzer Film für das, was er erzählen will: die Radikalisierung des Sohnes, die Reise in den Nahen Osten, die Rückkehr, Misstrauen in allen Lebensbereichen, Polizeiermittlungen, Schläferverdacht, die Parallelgeschichte eines Freundes im Irak und vor allem die innerfamiliären Prozesse - das ist zu viel für eineinhalb Stunden, wenn man auf einigen der aufgemachten Baustellen mehr als Zweckbauten errichten will.

Dass Regisseurin Emily Atef, von der diese Woche auch "3 Tage in Quibéron" in den Kinos startet, dennoch einen sehenswerten Film gedreht hat, liegt daran, dass die großen Linien der Geschichte klug durchgespielt werden. Glauben und Zweifel, Irritation und Ordnung - das sind die Hauptkoordinaten der Entwicklung, vom Anfang bis zur letzten Szene. Zu Beginn wurde gebetet, und wo gebetet wurde, war alles bestens. Am Ende stehen Glauben und Ordnung in erheblich anderem Verhältnis zueinander.


"Macht euch keine Sorgen", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



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