SPIEGEL ONLINE: Herr Mikos, Sie richten am Erich Pommer Institut in Babelsberg erstmalig ein "European TV Drama Series Lab" für Fernsehmacher aus, um die Produktion von hochwertigen Serien in Europa voranzutreiben. War der Leidensdruck der Zuschauer so groß?
Mikos: Nein, die Nachfrage kam eher von Seiten der Kreativen. 2010 haben wir einen Workshop für deutsche Fernsehdrehbuchautoren ausgerichtet und dort die Arbeitsstrukturen der US-Serien vorgestellt - also das gemeinsame Schreiben im Writers' Room und die Funktion des Showrunner, der die Serie kreativ verantwortet. Diese Strukturen sind auch auf europäischer Ebene kaum verbreitet. Deshalb erschien es uns sinnvoll, das Seminar international auszurichten.
SPIEGEL ONLINE: Was für einen Unterschied machen Writers' Room und Showrunner genau?
Mikos: Die meisten deutschen Serien schreibt ein einziger Autor. Das hat zwei Nachteile: Niemand geht noch mal über die Bücher. Und es gilt der Anspruch, der Autor schaffe ein Kunstwerk. Aber Kunst ist nicht zwingend gutes Fernsehen. Im Writers' Room dagegen ergänzen sich die Autoren. Nicht jeder kann sowohl gut Dialoge schreiben als auch Geschichten entwickeln. Der Showrunner hält das Ganze zusammen und ist das Verbindungsglied zum Sender. So entsteht eine im Vergleich zur deutschen Produktionsweise hierarchischere Struktur, die aber gleichzeitig mehr Teamarbeit erfordert.
SPIEGEL ONLINE: Lassen sich die US-Strukturen denn auf Deutschland übertragen?
Mikos: Das ist auch eine Frage des Budgets: Ein einzelner Autor ist einfach billiger als ein Team. Wenn höhere Qualität aber ein größeres Budget wieder einspielt, hat sich die Investition gelohnt. Gerade die Öffentlich-Rechtlichen, die einen Qualitätsauftrag haben, sollten für solche Modelle offener sein.
SPIEGEL ONLINE: Um europäische TV-Serien steht es im Vergleich zu den USA schlecht. Wie groß ist das Interesse hiesiger Sender und Produktionsfirmen an einer stärkeren Vernetzung und Professionalisierung?
Mikos: Von Produzentenseite aus stoßen wir auf großes Interesse. Autoren berichten uns aber, dass es in den Sendern Widerstände gibt, nach dem US-Modell zu arbeiten. Was deren Interessen sind, weiß man nie so genau - außer mit möglichst wenig Aufwand und Diskussionen die Budgets zu verteilen und dabei ein einigermaßen vernünftiges Programm hinzubekommen. Innovativ sind Sender eher selten.
SPIEGEL ONLINE: Bereiten Sie dann im "TV Drama Series Lab" Sachen vor, an denen die Sender gar nicht interessiert sind?
Mikos: Nein, "Borgia" zum Beispiel, die hier im ZDF lief, ist bereits nach US-Prinzipien entstanden und sehr erfolgreich gelaufen. Je mehr es solche Erfolge gibt, desto größer wird die Bereitschaft der Sender sein, sich stärker auf diesem Feld zu engagieren.
SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich den Erfolg von "Borgia"?
Mikos: Hier wurde erkannt, dass man auf internationale Co-Produktion setzen muss, um die Budgets für wirklich hochwertiges Fernsehen zu stemmen. Der Showrunner von "Borgia", Tom Fontana, kam übrigens aus den USA.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit den Stoffen aus? Kann sich Europa inhaltlich nur auf Geschichte einigen?
Mikos: Nein, dieselbe Produktionsfirma, die "Borgia" gemacht hat, hat auch "Transporter", eine Action-Serie, die RTL co-finanziert und die ein ähnliches Budget zur Verfügung hat, angeschoben - allerdings ist die Produktion inzwischen gestoppt worden. Die meisten skandinavischen Krimis - von "Wallander" bis zur "Millennium"-Trilogie - sind übrigens auch sehr erfolgreiche Co-Produktionen.
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