ARD-Mediendrama "Männertreu" Hinter dieser Zeitung steckt ein geiler Tropf

Er intrigiert, manipuliert und vögelt alles, was ihm vor die Hose kommt: In "Männertreu" spielt Matthias Brandt einen Machtmenschen aus der Medienbranche. In seiner Explizität ist dieser Film ein starkes Stück - er ist nur leider falsch gebaut.

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Sie kennen das aus "House of Cards": Wenn die Machtbestie angeschlagen ist, bringen nur noch Rotwein und Zigaretten Linderung. Dann wird gesoffen und geraucht, bis man im Morgengrauen endlich weiß, wie man die aus der Kontrolle geratene Situation bereinigt und unliebsame Kollegen aus dem Weg schafft. So wie in der US-Politserie sitzt auch das Ehepaar in dem deutschen Mediendrama "Männertreu" einige Male zusammen, um die gefährlich wackelnden Machtoptionen für den Mann durchzuspielen. Auf Kontrollverlust folgt Kontrollwahn.

Der konservative Meinungsmacher Georg Sahl (Matthias Brandt) ist nämlich gerade auf dem Weg, Bundespräsident zu werden. Leider ist ihm sein Triebleben dazwischengekommen, denn er vögelt nun mal alles, was ihm vor den stets tadellos geknöpften Anzug kommt. Seine kluge, liebende Frau Franziska (Suzanne von Borsody) kümmert sich um Schadensbegrenzung; gerade muss sie die Wohnung einer im Koma liegenden Geliebten von Spuren ihres Mannes befreien. Geilheit vergeht, Macht hält zusammen.

"Männertreu" ist für einen deutschen Fernsehfilm zur besten Sendezeit schon in seiner Explizität ein starkes Stück. Die Verantwortlichen legen aber noch einen drauf: Der Meinungsmacher, der hier säftelnd und süffisant dozierend durch den deutschen Polit- und Medienbetrieb gockelt, erinnert in vielerlei Hinsicht an den im Juni verstorbenen Frank Schirrmacher. Wie der arbeitet Sahl als Herausgeber einer Frankfurter Qualitätszeitung, und wie Schirrmacher ist auch Sahl, so heißt es gleich am Anfang, "einer der letzten großen bürgerlichen Liberalen".

Der Film beginnt damit, dass die Kunstfigur Sahl den "Ludwig-Börne-Preis" überreicht bekommt - so wie ihn einst der reale Schirrmacher erhalten hat. Der "FAZ", Hochachtung, gelingt übrigens in der eigenen, sehr langen Besprechung auf der Medienseite das kleine Kunststück, nicht einmal den Namen Schirrmacher zu nennen.

Schlüpferstürmer mit Kant und Kleist im Gepäck

Ist "Männertreu", geschrieben von der um starke Thesen nie verlegenen Schriftstellerin und Publizistin Thea Dorn, ein Schlüsselfilm über die deutsche Meinungselite geworden? Irgendwie ja. Und irgendwie auch nein. Denn stets machen die Verantwortlichen der HR-Produktion sofort ängstlich Rückzieher, sobald die Fährten in die deutsche Medienwirklichkeit zu eindeutig werden. Jeder verfängliche Hinweis auf reale Personen wird dann durch immer neue Wendungen verwischt.

Dabei spielt Matthias Brandt den Schlüpferstürmer mit Kant, Kleist und Praktikantinnenstellen im Gepäck über Strecken mit verführerischer Doppelbödigkeit. Doch irgendwann verliert sich seine Figur im Dickicht der widersprüchlichen Verweise: Formal gemahnt Sahl an den manischen, frei formulierenden Gedankenschrauber Schirrmacher, aber wenn er spricht, dann denkt man eher an die schwerfälligen Freiheitsstanzen von Bundespräsident Gauck. Und der Frauenverbrauch erinnert an den, der Matthias Brandts Vater Willy während seiner Amtzeit als Bundeskanzler nachgesagt wurde.

Was also will der Film eigentlich? Regisseurin Hermine Huntgeburth (adaptierte mit etwas mehr Glück Sven Regeners "Neue Vahr Süd") lässt das Publikum irgendwann alleine im Chaos der Triebe und Intrigen zurück. Einmal wird der Zuschauer Zeuge, wie der Frankfurter Zeitungsmacher, nachdem er sich vor der Kamera in Stimmung salbadert hat, eine Talkshow-Moderatorin (Claudia Michelsen als aufgeknöpfte Mixtur aus Will und Maischberger) in der Umkleide an den Rock geht. Motto: Hinter dieser Zeitung steckt ein geiler Tropf.

Doch als Kolportage funktioniert "Männertreu" am Ende so wenig wie als Mentalitätsstudie aus dem Richter-und-Denker-Milieu zwischen Frankfurter Paulskirche und Hamburger und Kölner TV-Studios. Und auch als Lehrstück über die Doppelmoral in der deutschen Aufmerksamkeitsökonomie geht der Film nicht auf: Erst wird Brandts Möchtegern-Bundespräsident als egomanisches Sexmonster eingeführt, dann soll ihm der Zuschauer dabei folgen, wie er in der Öffentlichkeit aufrecht darum kämpft, trotz seiner Eskapaden als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten ernst genommen zu werden. Berater mit ihren verlogenen Strategien schickt er stolz in der Wüste.

Die Frage der Filmemacherinnen könnte lauten: Was hat das Sexleben eines Politikers mit seinen Fähigkeiten für das angestrebte Amt zu tun? Ein interessanter, radikaler Dreh - der allerdings nicht wirklich funktioniert. Dafür ist der Film falsch aufgebaut. Denn wie sollte man sich einen Menschen in Amt und vor allem in Würden wünschen, der kalt dabei zuschaut, wie seine Geliebte vor ein fahrendes Auto flüchtet und ins Koma fällt, nachdem er ihr mal wieder an die Wäsche wollte?

Da sind die Filmemacherinnen Dorn und Huntgeburth dann doch ein bisschen sehr dem egomanisch interpretierten Freiheitsbegriff ihres Hose-runter-Helden verfallen.


"Männertreu", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
lukretia 29.07.2014
1. Die Realität
ist voll solcher Soziopathen, gerade in der Wirtschaft. Gewinnen Preise, können sich verbal sehr gut vernebeln (oft das Einzige, was sie wirklich gut können), kaputtes Privatleben - wobei mich eigentlich nur wundert, warum soviele (Ehe-) Frauen das überhaupt mitmachen.
yast2000 29.07.2014
2.
Die innere Logik eines Charakters und der sich daraus abspinnenden Story ist nicht gerade die große Stärke einer Drehbuchautorin, das ist allgemein bekannt: "Hey, wir stampfen mit dem Fuß auf und zeigen mal was ganz Böses mit Macht und Männern, die Plots klauen wir aus 'House of Cards' (devote, kinderlose Ehefrau), 'Das Leben der Anderen' (Geliebte rennt vor Auto und verunglückt) und aus der bundesdeutschen Fernsehrealität (asexuelle Moderatorin quatscht Langweiler besoffen und wird dann angemacht)." In anderen Ländern gilt philosophisches Denken und menschliche Reife als Qualitätsausweis für das Schreiben, in Deutschland tun das aber ausnahmlos erwachsene Kinder, weil der Neurotiker hier als originelles Opfer gilt, das etwas Lustiges erzählen will, was keinen Sinn ergibt. Vielleicht sollte man eben doch die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten in ihrer jetzigen Form auflösen und neu gründen, damit endlich wieder mal etwas Vernünftiges erzählt wird. Als gezwungene Gebührenzahler haben wir das demokratische Recht, Leistung einzufordern.
chris4you 29.07.2014
3. Was will man(n),
da auch schon erwarten, wenn sich eine Publizistin/Schriftstellerin und eine Regisseurin zusammetun? Da müssen schon alle Vorurteile herhalten (die gute liebende Eherfrau, der Böse Macht/Rammelmann)... Irgendwie auch immer das gleiche, ob es jetzt Game of Thron heisst, oder Dallas... die Zuschauer und Reaktionen sind vorhersehbar... Wie wäre es mal mit einem schönen Abrechenfilm über so manch andere gefallen Ikone, die gibt es auch bei den Feministinne, aktuelles Beispiel eine gewisse Alice (Ich bin das Gesetzt... ;o)...
crewmitglied27 29.07.2014
4. Mir ist jeder
Politiker,Medienmensch oder auch sonstwer, der gerne Sex hat, viel sympathischer als diese bigotten, ehrenwerten, die Soldaten in den Krieg schicken. Wo ist also das Problem mit diesem Film? Das ein Mann schöne Frauen mag? Oder fehlen in der Show einfach die Leichen und das Blut?
sinasina 29.07.2014
5. unterhaltsam
Fühlt sich da jemand auf die Füße getreten? Beim Lesen des Artikels könnte man dies denken. Ich empfehle den Film "In guten Händen" - und ja, es hat eine Weile gedauert, bis ich dahinter kam, warum die Praxis so gut besucht war. Der Film ist politisch unkorrekt, ansatzweise opulent, teilweise kitschig, kritisch - und unterhaltsam.
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