Maischberger-Talk zu Prostitution: Ein Königreich für echte Fakten!

Von Christoph Twickel

Ein Beruf wie jeder andere - oder Unterdrückung der Frau? Bei Sandra Maischberger stritten sich die Gäste über das Thema Prostitution so leidenschaftlich wie lange nicht mehr. Vor allem Alice Schwarzer war in ihrem Furor kaum zu stoppen, auch nicht von so etwas Lästigem wie Fakten.

Talk-Runde bei Maischberger: Zank wie in den Neunzigern Fotos
WDR

Hui, da war Leben in der Bude! Und das ausgerechnet bei einem Thema, das im deutschen Talkshow-Geschäft seit Jahren als abgefrühstückt gilt: "Ob Billigsex oder Edelpuff: Schafft Prostitution ab!" Klingt nach neunziger Jahre? Lockt keinen mehr hinterm Ofen hervor? Pustekuchen! Bei Sandra Maischberger fielen sich die Gäste so leidenschaftlich ins Wort, als gäbe es "Schreinemakers live" noch und Klaus Kinski diskutiere mit Karin Struck über Abtreibung.

Tatsächlich hatte die Moderatorin eine Gästeschar um sich versammelt, deren Zusammensetzung schwer an die Neunziger erinnerte: Da gab's den braungebrannten Jürgen Rudloff, Betreiber des Mega-Puffs "Paradise" in Stuttgart, die selbstbewusste Prostituierte Kyra, die Sozialarbeiterin Sabine Constabel, den Grünen-Politiker Volker Beck - und? Fehlt da nicht jemand? Alice Schwarzer natürlich! In der zweiten Hälfte gesellte sich noch eine verheiratete Frau namens Regina Braun dazu, deren Ehe durch die Bordellbesuche ihres Mannes eine schwere Krise zu durchstehen hatte: "Da werden Familien zerstört, weil es so einfach ist in Deutschland, ins Bordell zu gehen."

Das war Talkshow wie früher! Gäste aus dem Milieu, Betroffene, Praktiker, ein Politiker und die "Emma"-Herausgeberin als unwidersprechliche Kämpferin wider die Unterdrückung der Frau. Das Problem: Die Gegenwart des Gewerbes, über das zu diskutieren war, passte so gar nicht zur Besetzung der Talkrunde, worüber denn auch bald weitgehend Einigkeit herrschte. Die Sozialarbeiterin erklärte, die blonde Kyra, die von ihrem unabhängigen, auskömmlichen Hurendasein berichtete, könnte keinesfalls als repräsentativ gelten, denn etwa 80 Prozent der Prostituierten seien nichtdeutsch, die meisten kämen aus Osteuropa. Hier hätte Maischberger der Informationspflicht halber mal fallen lassen können, dass es keine repräsentativen Studien zum Thema gibt, dass solche Daten also Schätzungen sind.

Dennoch: Kyra mochte gerne zugestehen, dass sie die Ausnahme von der Regel ist. Und auch der reichlich defensive Grüne Beck widersprach nicht, als Constabel erklärte, das unter Rot-Grün verabschiedete Prostitutionsgesetz sei auf die autonome deutsche Prostituierte zugeschnitten - und trage damit nicht den prekären Verhältnissen Rechnung, unter denen die nichtdeutsche Mehrzahl der Prostituierten heute in Deutschland arbeiteten.

Grüne als Prostitutions-Vorreiter?

Beck kam kaum dazu, einzuwenden, dass Migrantinnen auch in "haushaltsnahen Tätigkeiten" schlimme Ausbeutungsverhältnisse zu ertragen haben - da fuhr ihm Alice Schwarzer vehement über den Mund. Der Vorwurf: Die Grünen hätten Prostitution zu einem "Beruf wie jeden anderen" machen wollen, und auch die Rede von der "sexuellen Dienstleistung" sei der nackte Zynismus, denn in Wahrheit gehe es überhaupt nicht um Sex: "Es geht um Macht."

Sprich: Die Talkrunde kam über das empörte Durcheinandergeschnatter nicht hinaus, weil niemand zugegen war, die oder der Alice Schwarzer hätte Paroli bieten können. Bedauerlicherweise - denn die Law-and-Order-Position der "Emma"-Chefin zur Prostitution hat in Fachkreisen immer wieder heftigen Widerspruch provoziert und ist auch unter Feministinnen umstritten.

Bei Maischberger aber konnte Schwarzer relativ unwidersprochen die "Ächtung" der Prostitution fordern, Menschenhandel und Prostitution für "untrennbar miteinander verbunden" und Deutschland zur "Drehscheibe des Menschenhandels" erklären. Schützenhilfe bekam sie von Frau Constabel, die, legitimiert durch zwei Jahrzehnte Sozialarbeit beim Gesundheitsamt Stuttgart, zu berichten wusste, osteuropäische Prostituierte würden von ihren daheimgebliebenen Familien "wie ein EC-Automat" angesehen.

So gab es im Verlauf der Sendung eine Menge krasse Sprachbilder für den Umstand, dass das Wohlstandsgefälle zwischen Deutschland und den östlichen EU-Ländern sich auch auf dem Markt für sexuelle Dienstleistungen zeigt. Den bedenkenswertesten Satz über die armen osteuropäischen Frauen, zu deren Schutz Alice Schwarzer die Prostitution verbieten lassen will, sagte die deutsche Kollegin Kyra: "Die bringen diese Probleme ja schon mit, die sehen die Prostitution als Ausweg, da rauszukommen."

Dabei zeigen Sperrgebiets- oder Kontaktverbotsverordnungen für Freier schon heute, dass Illegalisierung vor allem dazu führt, dass Sexarbeit von öffentlichen Orten in dunkle Gewerbegebiete oder Hinterzimmer abwandert, was die Situation der Frauen nicht eben verbessert. Volker Beck mühte sich etwas halbherzig, Schwarzer dieses Argument entgegenzuhalten - doch eine ernsthafte Debatte kam nicht zustande. Stattdessen gab's kindische Polemiken wie "Gehen Sie doch einfach mal an den Bahnhof, Herr Beck!"

Und am Ende waren sich die durch den Bordellbesuch des Mannes tief verletzte Frau Braun und Alice Schwarzer einig: Wären sexuelle Dienstleistungen verboten und geächtet, wäre der Gatte brav zu Haus geblieben. "Ihr Ehemann wäre vermutlich nicht ins Bordell gegangen", so Schwarzer. "Er lebt aber in einem Land, wo es heißt: Wieso, es ist doch nichts dabei!" Ein Königreich für einen Faktencheck!

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insgesamt 397 Beiträge
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1. kein titel
sven17 14.03.2012
Zitat von sysopEin Beruf wie jeder andere - oder Unterdrückung der Frau? Bei Sandra Maischberger stritten sich die Gäste über das Thema Prostitution so leidenschaftlich wie lange nicht mehr. Vor allem Alice Schwarzer war in ihrem Furor kaum zu stoppen, auch nicht von so etwas Lästigem wie Fakten. Maischberger-Talk zu Prostitution: Ein Königreich für echte Fakten! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821231,00.html)
Alles andere wäre bei Frau Schwarzer auch eine Überraschung gewesen.
2.
ID Fake 14.03.2012
Zitat von sysop[...]Wären sexuelle Dienstleistungen verboten und geächtet, wäre der Gatte brav zu Haus geblieben. "Ihr Ehemann wäre vermutlich nicht ins Bordell gegangen"
Ja klar. Und wäre "normales" fremdgehen verboten und geächtet, würden die Leute bestimmt auch aufhören fremdzugehen. Wie naiv kann man eigentlich sein. Da man der Schwarzer allerdings eine Menge unterstellen kann, aber bestimmt nicht Naivität, muss sich dahinter eine andere Absicht verbergen.
3.
eduardschulz 14.03.2012
Zitat von sysopEin Beruf wie jeder andere - oder Unterdrückung der Frau? Bei Sandra Maischberger stritten sich die Gäste über das Thema Prostitution so leidenschaftlich wie lange nicht mehr. Vor allem Alice Schwarzer war in ihrem Furor kaum zu stoppen, auch nicht von so etwas Lästigem wie Fakten. Maischberger-Talk zu Prostitution: Ein Königreich für echte Fakten! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821231,00.html)
Ausnahmsweise muss ich Frau Schwarzer hier einmal zustimmen. Es gibt in Deutschland so viele Gesetze, die nicht eingehalten werden und trotzdem werden sie nicht abgeschafft. Warum sollte man gerade in einem Bereich, der, was Konsens sein dürfte, die Mehrzahl der Prostituierten im Elend belässt, oder sie sogar erst dorthin führt, nicht endlich mal wenigstens den Versuch starten, dies zu verhindern? Zumal es ein Beispiel dafür gibt, dass ein Verbot wirksam sein kann. Prostitutionsverbot in Schweden: "Glückliche Huren gibt es nicht" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,515779,00.html)
4.
B.Lebowski 14.03.2012
Zitat von sysopEin Beruf wie jeder andere - oder Unterdrückung der Frau? Bei Sandra Maischberger stritten sich die Gäste über das Thema Prostitution so leidenschaftlich wie lange nicht mehr. Vor allem Alice Schwarzer war in ihrem Furor kaum zu stoppen, auch nicht von so etwas Lästigem wie Fakten. Maischberger-Talk zu Prostitution: Ein Königreich für echte Fakten! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,821231,00.html)
Da zetert eine Ehefrau im Gleichklang mit der Ober-Emanze, weil ein Ehemann lieber in ein Bordell gegangen ist, als mit seinem Hintern zu hause zu bleiben ? Ein Glück, dass ich mir das Trauerspiel nicht ansehen musste. Der Ehemann ist selbst schuld, er hätte sich eine Frau suchen sollen, die mit ihm sexuell auf einer Wellenlänge ist, dann hätte er sich das viele Geld sparen können.
5. überflüssiger Artikel
christenheit 14.03.2012
hätte man sich sparen können, wie die sendung gestern, so viel quatsch auf einmal hatte ich schon lang nicht mehr gehört, die schwarzer weiß ja gar nicht mehr was sie redet...ist die eigentlich senil oder so?
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