Maischberger-Talk zum Schicksal der Kanzlerin Freunde von links - Attacken von rechts

Die Kritik am Kurs der Kanzlerin wächst, und Sandra Maischberger wollte von ihren Gästen wissen: "Scheitert Merkel?" Die Antworten fielen ganz unterschiedlich aus, es wurde ein Abend der Spötteleien und steilen Thesen.

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WDR/ Max Kohr

Zur Sendung: Seit zehn Jahren ist Angela Merkel Kanzlerin. Lange galt sie als unanfechtbar - das hat sich spätestens mit der Flüchtlingskrise geändert. Die Kritik an der Regierungschefin wird lauter, und das wird vor allem mit Blick auf den Bundesparteitag der Christdemokraten am 14. und 15. Dezember in Karlsruhe spannend. Sandra Maischberger nahm die Situation zum Anlass für ihre aktuelle Talkrunde. Titel der Sendung: "Das Schicksalsjahr der Kanzlerin: Scheitert Merkel?"


Jürgen Trittin, dessen Lächeln schon immer nicht nur die reine Freundlichkeit verhieß, mischte als einer der "Menschen bei Maischberger" noch eine Extraportion Süffisanz bei und sprach von einer "amüsanten Situation". Das mochte vielleicht nicht ganz dem Ernst der Lage entsprechen, es ging schließlich um die Frage, ob Angela Merkel es denn nun schaffe, nicht zu scheitern.

Aber der Abend bot für derlei Spötteleien nun mal allzu verlockende Steilvorlagen. Und für mancherlei steile Thesen auch. Darunter auch die, dass die schwer in Bedrängnis geratene Flüchtlingskanzlerin aus dem Osten im Grunde völlig unpolitisch sei und in gar keine Partei passe - vorgetragen vom langjährigen ZDF-Journalisten Wolfgang Herles.

Klöckners Dauerlächeln, Seehofers "Notwehr"

In seiner ersten Zwischenbilanz mokierte sich der Grünen-Oldie darüber, dass da mit der CDU-Vizechefin und rheinland-pfälzischen Spitzenkandidatin Julia Klöckner eine Frau sitze, die selbst nach dem Kanzleramt schiele; dazu ausgerechnet ein SPIEGEL-Autor, Markus Feldenkirchen, als entschiedenster Merkel-Verteidiger und dann noch ein gewisser David Bendels von der CSU. Zu diesem Zeitpunkt hatte Letzterer bereits für Momente gesorgt, die man nicht unbedingt nur als erheiternd empfinden konnte.

Etwa indem er die Rede der Kanzlerin vor dem CSU-Parteitag eine "Frechheit" nannte und Seehofers düpierenden Umgang mit ihr zum Akt der "Notwehr" umdeutete.

Da fiel es sogar Klöckner schwer, ihr Dauerlächeln durchzuhalten, mit dem sie nach der Devise "Bitte nicht alles so dramatisch sehen" die Probleme möglichst klein zu halten suchte. Probleme, über die der junge Mann aus Bayern, seines Zeichens Mitbegründer des sogenannten Konservativen Aufbruchs, unverhohlen äußerte, die Kanzlerin sei ein Teil davon und keineswegs die Lösung.

Klöckner sagt Nein

Und um den Einblick in diese Denkwelt zu komplettieren, lieferte er nicht nur rhetorische Kostproben, die wie O-Töne aus AfD-Reihen oder noch trüberen Kreisen klangen, sondern wollte auch nicht ausschließen, dass die AfD auf Bundesebene für Koalitionen mit der Union in Frage komme.

Hier war für Klöckner, die sich tapfer mühte, die Flagge innerparteilicher Diskussionsfreude hochzuhalten und sich sogar mit neueren demoskopischen Befunden über eine eher links der Mitte zu verortende CDU anfreunden konnte, aber nun wirklich der Punkt für ein deutliches Nein erreicht. Dennoch durfte natürlich auch der Hinweis nicht fehlen, dass nicht jeder, der Fragen stelle, gleich als Rechtspopulist abgestempelt werden dürfe. Und es gebe ja schließlich auch die bösen Linksradikalen, die gegen TTIP demonstrierten.

Dass die Moderatorin dann per Einspieler auch noch mit speziellen Merkel-Fans wie Alt-Punker Campino, dem linken Griechen Varoufakis und Joschka Fischer (Trittin: "Ich würde dem Joschka durchaus zustimmen") aufwartete, half in der Sache, also bezüglich der Lage der Kanzlerin, indes auch nicht viel weiter. Die stellte sich nun mal, egal ob von rechts oder links betrachtet, als ziemlich heikel dar.

Merkel - "Mythos" und "Legende"

Ohne Scheu vor großen Worten und gewagten Griffen in die Metaphernkiste sprach Alt-Bundesrepublikaner Herles vom "Mythos" und der "Legende" Merkel, die ihre Partei ("ein blutleerer Zombie"), ihr Land und Europa gespalten habe. Nun gleiche sie einem Einarmigen, der in einen Kirschbaum steige und nur die Chance habe, entweder zu pflücken oder herunterzufallen. Politisch sei sie am Ende, wenn auch mangels Alternative nicht als Kanzlerin.

Eine Nummer kleiner, dafür deutlich analytischer, machten es Trittin und vor allem Feldenkirchen. Sie bemühten sich um eher nüchterne Einschätzungen: In ihrer Partei sei Merkel immer ein Fremdkörper geblieben, meinte der SPIEGEL-Redakteur - in den Augen der konservativen Männer "ein Betriebsunfall". Und wenn nun nicht nur am rechten Rand, sondern auch in der Mitte der CDU das Gefühl des "Verrats" wachse, drohe es gefährlich für sie zu werden. Auch gebe es "Rachegelüste" im Gefolge der Griechenland-Krise.

Der Grüne Trittin, selbst einst in frühen niedersächsischen Ministerjahren mit Flüchtlingsproblemen befasst, sah Parallelen zwischen Merkel und seinem einstigen Agenda-Kanzler Schröder, aber auch zwischen den Entwicklungen nach rechts in Europa sowie innerhalb der Unionsparteien. Das Schengen-Dublin-Konzept sei gescheitert, genau wie alle Versuche, sich gegen die Globalisierung abzuschotten.

Und wenn die Kanzlerin nun in der Realität ankomme, sei das nur gut so.



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