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Maischberger-Talk zu Köln und Istanbul: "Die Mehrheit der Muslime schämt sich abgrundtief"

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Maischberger-Talk: Erhellendes zu Köln Fotos
WDR

Neuer Name, neuer Sendeplatz: In ihrer ersten Talkshow des Jahres diskutiert Sandra Maischberger mit ihren Gästen über die "Angstrepublik Deutschland". Für die erhellendsten Momente sorgt ein Kriminologe - und ein Opfer der Kölner Übergriffe.

Zur Sendung: In ihrer ersten Sendung im Jahr 2016 - auf neuem Sendeplatz und mit neuem Namen - widmete sich Sandra Maischberger den Geschehnissen in der Kölner Silvesternacht und dem jüngsten Anschlag in der Türkei. Diskutiert wurde unter dem Motto: "Angstrepublik Deutschland: Übergriffe in Köln, Terror in Istanbul".


"Maischberger" ohne Menschen - der neue Titel ist nicht die einzige Veränderung im neuen Jahr. Auf dem neuen Sendeplatz am Mittwochabend will eine angriffslustige Sandra Maischberger "politischer und aktueller" werden, also dem ZDF und damit Maybrit Illner nicht das Feld der zweiten Wochenhälfte überlassen.

So wahnsinnig aktuell allerdings ist eine Sendung nicht, die sich vornehmlich mit den Zuständen am Kölner Hauptbahnhof zum Jahreswechsel beschäftigt - auch wenn da noch Diskussionsbedarf besteht. Ob eine thematische Engführung sexualisierter Gewalt in Deutschland mit dem aktuellen Anschlag von Istanbul auch inhaltlich zielführend ist, darf bezweifelt werden.

Tatsächlich spaltet sich die Sendung unter dem Motto "Angstrepublik Deutschland" in zwei Teile auf. Die erste halbe Stunde referiert der zugeschaltete Terrorexperte Peter Neumann über die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) und die Ereignisse von Istanbul. Als "katastrophal" beklagt er die Zusammenarbeit zwischen den europäischen Sicherheitsbehörden und sagt: "Freizügigkeit heißt auch, dass perfekt und nahtlos kooperiert werden muss."

Grüne und CSU sind "beieinander" - ein bisschen

In sicherheitspolitischen Fragen sind sogar Volker Beck als innenpolitischer Sprecher der Grünen und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer "beieinander", wie man neuerdings sagt. Beck verzichtet in diesem Zusammenhang auch darauf, den bayerischen Behörden angesichts der terrorwarnungsbedingten Schließung des Münchner Hauptbahnhofs zu Silvester eine Überreaktion vorzuwerfen.

Der überparteiliche Konsens ist dahin, sobald es um Köln geht. Noch während Beck auf polizeiliche Fehler hinweist, murmelt Scheuer: "Wer ist denn verantwortlich für die Polizei? Das ist doch der Innenminister..." - und sofort tun sich die üblichen parteipolitischen Gräben auf.

In Bayern, so Scheuer, setze man auf "Deeskalation durch Stärke" sowie auf "mehr Videoüberwachung". Beck: "Wir haben Kameras am Bahnhof", worauf der Kriminologe Christian Pfeiffer einwirft: "Aber mit miserabler Beleuchtung!"

Erhellendes zu Köln

Pfeiffer ist es aber auch, der zur Erhellung der Ereignisse von Köln am meisten beiträgt. Was dort geschehen sei, interpretiert er als "Ausdruck von hochfrustrierten Männern, die in Ohnmacht" lebten und aus Kulturen kämen, in denen die Männer üblicherweise die Macht hätten.

Auf seine frühe Vermutung angesprochen, dass sich unter den Tätern auch Flüchtlinge befinden müssten, sagt Pfeiffer, dass deren Verhalten die Interpretation zulasse: "Das müssen Verlierer sein." Diesmal ist es Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime, der sich murmelnd ins Spiel bringt: "Nö, ist keine Entschuldigung, kann ich nicht gelten lassen."

Mazyek bittet Maischberger, vom "sogenannten 'Islamischen Staat'" zu sprechen, dessen meiste Opfer und auch Feinde schließlich Muslime seien. Im Hinblick auf die Täter von Köln beklagt er deren Eindruck, "hier in Deutschland könne man sowas machen, das können sie ja nicht in ihrem Herkunftsland".

Die alltägliche sexuelle Gewalt

Da grätscht ihm die Publizistin Chantal Louis von der "Emma" dazwischen und fragt nach Saudi-Arabien, nach den Taliban, nach dem Tahrir-Platz in Kairo. Mazyek unterläuft die feministische Empörung, indem er massenhafte Diskriminierung von Frauen in der muslimischen Welt als "Ammenmärchen" abtut. Er will lieber über "sexuelle Übergriffe reden, die Frauen tagtäglich erleben" und sagt: "Die absolute Mehrheit der Muslime und auch der Flüchtlinge schämt sich abgrundtief für das, was diese Muslime - zumindest auf dem Papier - da getan haben."

Als Pfeiffer wissen will, ob muslimische Verbände und Geistliche eine Verantwortung dafür übernehmen würden, die Frauenfeindlichkeit in Teilen des migrantischen Milieus abzubauen, reagiert Mazyek unwirsch: "Es ist beschämend, dass ich das überhaupt gefragt werde", was er als deutscher Muslim denn bitteschön mit Saudi-Arabien zu tun habe. Selbstverständlich sei der Islam mit "westlichen Werten" vereinbar.

Scheuer lässt nicht locker: "Algerier und Marokkaner, was machen die eigentlich hier in Deutschland? Wir holen uns zu viele Probleme ins Land, mit Leuten, die gar nicht hier sein dürften!" Worauf Maischberger, hellwach, korrigiert: "Ich glaube, wir haben die gar nicht geholt."

"Ohne das jetzt böse zu meinen"

Eine gute Hand bei der Auswahl der Gäste hat die Redaktion mit der Studentin Michelle bewiesen, die Opfer der Übergriffe in Köln geworden ist. Ihr geht es nicht um gesellschaftliche Debatten über Sexismus, nicht um Kriminalstatistiken, Parteipolitisches oder Möglichkeiten des interkulturellen Dialogs.

Sie erzählt einfach, wie ihre Gruppe sofort "von 20 bis 30 Männern" umzingelt worden sei und sie das "anfangs für einen kleinen Scherz gehalten" habe. Das feste Zupacken sei dann "einfach nicht mehr lustig gewesen". Die junge Frau meint, "normalerweise" müsse man als Frau "in Deutschland nicht so viel Angst haben".

Es seien nun einmal, "ohne das jetzt böse zu meinen", nur Ausländer gewesen in Köln: "Normalerweise sieht man nicht so eine Ansammlung von Menschen mit Migrationshintergrund." Die sexuellen Übergriffe hält sie "für Mittel zum Zweck" des Diebstahls und erklärt sich den sprunghaften Anstieg der Anzeigen mit dem Umstand, dass "es jetzt in den Medien" ist.

Dem pflichtet Pfeiffer bei. Nur 15 Prozent "richtig massiver Vergewaltigungen" würden überhaupt angezeigt: "So sind die Fakten in Deutschland", wo übrigens das Verhältnis zwischen Mann und Frau noch nicht lange so gleichberechtigt und längst nicht so harmonisch sei, wie das heute gerne dargestellt werde.

Am Ende überwiegt der Eindruck: "Maischberger" ist auch ohne Menschen so politisch und aktuell, wie man das als Zuschauer gewohnt ist. Geändert hat sich nur der Sendeplatz. Und, so das Ergebnis dieser Sendung, Deutschland.

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