Nachruf auf Manfred Krug Der feinfühlige Raubauz

Man nannte ihn Zonen-Marlon-Brando, er war lange beliebtester "Tatort"-Kommissar, der Anwalt in "Liebling Kreuzberg" die Rolle seines Lebens. Als Sänger und Rezitator prägte er Generationen. Dabei war er immer nur: Manfred Krug.

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Die Ansagen. Es waren vor allem die Ansagen zwischen den Liedern, die Manfred Krug populär gemacht haben. Da gab es noch die DDR, und er lebte mittendrin. Da stand einer auf der Bühne, der ganz unzweideutig gegen "rote Barone" stichelte. Der mit viel Witz die gleichgeschalteten Kulturkritiker der SED-Gazetten in ihre Schranken wies und ohne den geringsten Anflug von Respekt sagte, was ihm nicht passte. Eine Identifikationsfigur, jemand der was konnte.

Die Menschen strömten in die Kulturpaläste der Bezirks- und Provinzhauptstädte, weil er einer von ihnen war. Auf seinen Konzerten verkörperte er das, was er später auch auf der Leinwand darstellte. Einen unangepassten, undogmatischen, konsequenten Charakterkopf. Kein vorgesetzter Staatskünstler.

Längst bevor feststand, ob Manfred Krug Schauspieler oder Musiker oder beides war, feierte ihn das Publikum als einen vorzüglichen Jazzsänger, von denen es in der DDR nicht viele gab. Schon 1962 ging er mit den Berliner Jazzoptimisten, einer munter swingenden Dixieland-Combo, zum Jazzfestival nach Prag und auf Konzertreise nach Polen. Aus dieser Zeit stammen auch die frühesten Schallplattenaufnahmen. Parallel dazu hatte Krug gerade den ersten großen Erfolg als Schauspieler in dem Film "Auf der Sonnenseite" - einer autobiografischen Abhandlung, in der ebenfalls viel gesungen wurde.

Pralles Leben

Eine autobiografische Abhandlung mit noch nicht mal 25 Jahren? Krug konnte sich das leisten, war sein Leben doch schon so früh so prall, dass es einen Rückblick rechtfertigte. 1937 wurde er in Duisburg geboren, sein Vater war Stahlbauingenieur, die Mutter Hausfrau. Als er drei Jahre alt war, zog er mit der Familie nach Hennigsdorf bei Berlin, weil der Senior das dortige Stahlwerk leiten sollte.

Nach dem Krieg trennten sich die Eltern, der Vater blieb im Osten, übernahm eine Gießerei in Leipzig und später das Stahlwerk in Brandenburg, Krug pendelte als Kind zwischen Leipzig, Brandenburg und seiner Geburtsstadt hin und her, wohin die Mutter zurückgegangen und die Oma geblieben war. Sie verehrte er sehr, ihr setzte er in seinem späteren Buch "Mein schönes Leben" ein Denkmal.

Auf Geheiß des Vaters absolvierte auch Krug jr. eine Lehre als Stahlkocher. Aus dieser Zeit stammt die markante Narbe auf seiner Stirn, die entstand, nachdem ihn ein glühender Stahlspitzer traf. Als irgendwann einmal ein DEFA-Filmteam an seinem Schmelzofen in Brandenburg an der Havel auftauchte, beschloss der junge Krug, Schauspieler zu werden.

Zu verlockend erschien ihm die Aussicht, für so wenig Aufwand so viel Geld, Anerkennung und Popularität zu bekommen. Zwar blieb die Staatliche Schauspielschule im Berliner Osten eine Episode, nach eineinhalb Jahren flog er aus disziplinarischen Gründen wieder raus. Doch Bertolt Brecht ließ sich davon nicht beirren, erkannte das Talent und engagierte Krug 1955 als Eleve am Berliner Ensemble.

Der Glaube an die Idee des Sozialismus

In der DDR war Krug ein gefragter Schauspieler, der bis weit in die Siebzigerjahre hinein gern für Rollen sozialistischer Helden, Parteifunktionäre oder zupackender Arbeiter gebucht wurde. Er verkörperte sie glaubwürdig, glaubte er doch lange selbst an die Idee des Sozialismus, dieses "gewaltige Experiment", wie er sagte. Als 1961 die Mauer gebaut wurde, war Krug gerade in Duisburg. Er hätte bleiben können, er kam zurück.

Dieser Glaube an "die Alternative" wurde erstmals erschüttert, als 1966 der Film "Spur der Steine" des Regisseurs Frank Beyer unter tosendem Gegröle und Buhrufen vor Stasi-Publikum uraufgeführt wurde und danach bis zur Wende im Giftschrank verschwand.

Beyer und Krug hatten es gewagt, dem von Krug gespielten Zimmermanns-Brigadier Hannes Balla einen eigenen Kopf zu verpassen, der Parteisekretären auch verklickert, was im Sozialismus alles nicht funktioniert und der Volkspolizisten in den Dorfteich befördert, wenn sie ihm zu dumm kommen. Ein Mann also, der sich mit der Obrigkeit anlegte.

Fortan sollte das auch das Markenzeichen des realen Manfred Krug sein.

Krug, Günther Fischer und die Stasi

Mit der Reihe "Jazz, Lyrik und Prosa" beeindruckte Krug als Rezitator von Geschichten und Gedichten, die oft zwischen den Zeilen Systemkritik transportierten. Legendär ist inflationär, doch hier trifft dieses oft missbrauchte Prädikat tatsächlich zu: Krugs Interpretationen von "Die Kuh im Propeller" des russischen Schriftstellers Michail Soschtschenko oder "Die sieben Sachen" können viele ehemalige DDR-Bürger heute noch jederzeit fehlerfrei und original prononciert aufsagen.

Den stärksten Eindruck als Sänger hinterließ Krug jedoch in der Zusammenarbeit mit dem Bandleader Günther Fischer, von dem sich später herausstellte, dass er Krug jahrelang für die Stasi ausspioniert hat (lesen Sie hier eine Abrechnung Krugs mit Fischer aus dem Jahr 1993). Mit ihm zelebrierte er eine Musik, die es in der DDR so eigentlich gar nicht geben durfte.

Nur wenige haben so glaubwürdig, aber dennoch publikumswirksam den Versuch unternommen, westliche - gar amerikanische - Einflüsse in das musikalische DDR-Einerlei zu mischen. Drei von insgesamt vier Alben trugen die textliche Handschrift Krugs, der unter dem Pseudonym Clemens Kerber seine Lyrics oft selbst schrieb.

Es ging fast immer um Zuneigung, Abneigung, Glücksgefühle, Liebeskummer, Verlangen oder Eifersucht - Empfindungen, die man vom Raubauz Krug eigentlich gar nicht erwartete. Empfindungen, die sowohl im Ost-Soul wie im West-Soul von Bedeutung sind. Rührende Geschichten, wie sie das Leben spielt: Da wird ein Hochzeitstag vergessen, ein Liebender fragt sich zu Beginn der Leidenschaft grübelnd, wie diese wohl in zwanzig Jahren aussehen würde, und eine andere Romanze gipfelt binnen 2,37 Minuten Lieddauer im Heiratsantrag. "Reizend war der Abend, so erfrischend und so labend. Wir tanzten barfuß Beat nach Walzern von Herrn Strauß. Ich gefiel dir gut und so fasste ich mir Mut und nach dem Heiratsantrag bracht ich dich nach Haus." Es waren Texte von simpler, aber wahrhaftiger Aussage, im besten Sinne poetisch.

Zu einer fünften Krug/Fischer-Platte sollte es nicht mehr kommen. Die Biermann-Ausbürgerung 1976 beendete Krugs Karriere in der DDR abrupt. Er hatte die Protesterklärung gegen die Verbannung unterschrieben, wollte verhindern, dass sich das "Ausbürgern einbürgert", wie er später in seinem Bestseller "Abgehauen" schrieb - aus heutiger Sicht ein historisches Dokument. Das Buch basierte auf heimlichen Tonbandmitschnitten aus seinem Haus, in das er die Nomenklatura aus Politik und Kultur der DDR einlud, um mit ihnen zu verhandeln, wie es weitergehen soll.

Er begann im Westen jenseits der 40 neu

Sein Widerstand brachte die Kulturverordner des Politbüros derart in Rage, dass sie ihm quasi Berufsverbot erteilten - und er nach über 60 Kino- und Fernsehfilmen sowie einem Dutzend LPs in der DDR schließlich selbst ausreiste. Ein Schritt, mit dem er durchaus haderte: Im Osten war er lange Zeit privilegiert, besaß eine schicke Villa, konnte seiner Sammelleidenschaft von Oldtimern und Antiquitäten ungestört nachgehen, hatte ein großes treues Publikum. "Mir ging es gut, kaum einem besser." Unmittelbar nach dem Grenzübertritt interviewte ihn der ZDF-Korrespondent Dirk Sager, was ihm wohl am meisten fehlen würde. Krug stiegen die Tränen in die Augen, er musste das Gespräch abbrechen.

Im Westen begann er jenseits der 40 wieder bei null. Und ihm war bange. "Damals kannte mich noch keiner, und die Leute haben alle mit Recht auf Milva gehört und geguckt. Und nicht auf diesen etwas dicklichen Glatzkopf aus der Zone", sagte Krug einmal.

Doch das Wagnis gelang. Anfangs mit kleineren Rollen in der "Sesamstraße" oder dem "Detektivbüro Roth" - den Durchbruch schaffte er mit der Vorabendserie "Auf Achse", in der er den knorrigen Trucker Franz Meersdonk mimte und die ihn endlich in die ganze Welt führte, eine Welt, die vorher unerreichbar war: Griechenland, Türkei, Tunesien, Algerien, Südafrika, Iran, Thailand, Chile oder Mexiko waren nur einige Schauplätze der Serie.

Im Video: Manfred Krug mit Zigarre am Set ("Der Blaue" 1993)

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Der Hamburger "Tatort"

Den meisten Menschen wird Krug aber als "Tatort"-Kommissar Paul Stoever und als Kiez-Anwalt Robert Liebling aus der Serie "Liebling Kreuzberg" in Erinnerung bleiben. Den "Tatort" mit ihm und seinem Kompagnon Peter Brockmöller (Charles Brauer) gab es zwischen 1984 und 2001 41 Mal, "Liebling Kreuzberg" zwischen 1986 und 1998 58 Folgen lang.

Geschrieben hat die meisten "Liebling-Kreuzberg"-Episoden Krugs bester Freund, der Schriftsteller Jurek Becker. Beide waren ein derart vertrautes und verspieltes Duo, dass es ihnen in einer seltenen Lässigkeit gelang, dem deutschen Fernsehen zu wahren Sternstunden zu verhelfen. Mit ihrer feinen Beobachtungsgabe sezierten sie den West-Berliner Alltag und machten die Serie zu einer der populärsten.

Krug verkörperte den leicht phlegmatischen und Wackelpudding essenden Anwalt Liebling, der mit einer Mischung aus Menschenfreundlichkeit und Eigennutz versucht, im Kreuzberger Kiez die "Verhältnisse kapitalistischer Klassenjustiz etwas zum Tanzen zu bringen", wie ein Kritiker schrieb. Belohnt wurden Krug und Becker, die eine Lebensliebe verband, mit dem Grimme-Preis in Gold.

Nach dem Abschied von "Liebling Kreuzberg" und dem "Tatort" zog sich Krug ins Privatleben zurück. Er wollte ein klassischer "Rentner" sein, der nach einem erfüllten Berufsleben seinen Enkelkindern Märchenbücher vorliest und maximal den zweiten Band von "Mein schönes Leben" plante. Ab und an trat er noch mal als Sänger auf, das Publikum, vorwiegend das ostdeutsche, feierte ihn, wohl in der Ahnung, dass er bald fehlen würde. Die Gesundheit machte nicht mehr so recht mit. Ein Leben voller Genuss mit Zigarren und viel leiblichem Wohl forderte seinen Tribut.

Im Jahr 2015 bekam Krug in der Dresdner Frauenkirche den Europäischen Kulturpreis für sein Lebenswerk überreicht. Da hatte Krug gerade eine schwere Herzklappenkrankheit überstanden. In der Kirche saßen Honoratioren aus Kultur und Politik. Hans-Dietrich Genscher war da, alte und neue Ministerpräsidenten, die Produzentin Regina Ziegler. Krug sinnierte über Bekanntheit, Popularität und Vergänglichkeit und darüber, wie flüchtig alles ist. In seiner Dankesrede erzählte er dann diese Geschichte: Gerade habe er noch im Hotelzimmer eine Tasse Kaffee bestellt. Als Krug sie bezahlen wollte, sagte der Kellner, ungefähr 25 Jahre alt: "Den Kaffee brauchen Sie nicht bezahlen. Sie gehören doch sicher zur Truppe von dem Genscher, oder?"

Wo andere Schauspieler pikiert gewesen wären, in ihrer Eitelkeit gekränkt, weil man sie nicht erkannte, war Krug nur amüsiert. Er hat den jungen Mann nicht aufgeklärt.

Am 21. Oktober ist Manfred Krug im Kreise seiner Familie gestorben.

dbate-Interview


insgesamt 43 Beiträge
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Axel Schön 27.10.2016
1. Traurige alte Wahrheit
Hilft ja alles nichts und ist leider auch achso absehbar - und dennoch sperren wir uns unbeirrbar und störrisch gegen die bittere und grausame Wahrheit, immer wieder und immerfort um dann irgendwann, wenn es wieder mal einen geliebten oder geehrten Menschen trifft, wenn es unleugbar wird, ganz entsetzt und überrascht festzustellen, was wir doch die ganze Zeit wussten und bequem verdrängten: dass der Mensch sterblich ist - ja sogar so ein berühmter...
fraihait 27.10.2016
2. R.i.p.
sehr gut geschriebener nachruf. ruhe in frieden lieber manfred. ich hoffe du bringst auch "die da oben" zum lachen.
christa.hans 27.10.2016
3. Es gibt wohl nur,.............
in meiner Generation, sehr wenige Menschen in Deutschland denen Manfred Krug kein Begriff ist. Viele schöne Abende und vor allem auch viele Denkanstöße habe ich ihm zu verdanken. Danke!
niska 27.10.2016
4.
Er war einer der wenigen wirklich guten deutschen Schauspieler. Er kam ohne theatrales Overacting aus. Sehr schöner Nachruf. Nur die "Rolle seines Lebens" hat wohl jeder anders wahrgenommen. Für mich ganz klar Franz Meersdonk. Wir werden heut abend zur Erinnerung mal wieder die DVDs hervorkramen.
fd53 27.10.2016
5. Schritte
war der Titel einer Musikkasette mit Musikaufnahmen von Manne Krug. Die Titel darauf gefallen mir noch heute - nach rund 40 Jahren. In Erinnerung wird Manne mir bleiben durch "Wege übers Land". er spielte die Rolle ehrlich und überzeugend. Dagegen war er für mich als Winkeladvokat absolut unglaubwürdig. Erlebt habe ich ihn nur einmal. Das war bei einem Auftritt um 1974 im großen Hörsaal der THI, wo er zusammen mit G. Fischer und "auf der Wiese habe ich gelegen" auftrat. Seinen Weggang verstand damals kaum jemand in der DDR, wo er doch der typische Vertreter für die maximale Privilegien der DDR-Künstlerelite war. Schade, wir hatten Karten bestellt für ein angekündigte Konzert.
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