Sendung für Flüchtlinge "Ich will Tipps, wie ich einen Job in Deutschland bekomme"

Die deutsch-arabische n-tv-Sendung "Marhaba" richtet sich an Flüchtlinge. Wie kommt sie bei ihnen an? Eine syrische Familie schaut zu und findet nicht alles an der Sendung gelungen.

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    Narin Shaikh-Ali, 33 (hier mit Familie), arbeitete als Lehrerin in Kobane und kam im Januar 2015 nach Deutschland. Zuvor war sie mit ihrer Familie über das Mittelmeer von der Türkei nach Italien geflohen - mit dem Geisterfrachter "Ezadeen", auf dem Schlepper Hunderte Flüchtlinge auf hoher See ihrem Schicksal überließen.
Narin Shaikh-Ali kennt Angela Merkel, aber nicht ihr "Wir schaffen das". Sie hat nicht von der "Lügenpresse" gehört und sie weiß nicht, wer die AfD ist. Pegida kennt sie. "Hitler, oder?", sagt sie.

Um kurz nach fünf fliegen in den Fernsehnachrichten von n-tv Bilder von einem übernächtigten Martin Schulz vorbei, der vom Flüchtlingsgipfel in Brüssel berichtet, von Menschenmassen, die in den Niederlanden gegen ein Flüchtlingsheim protestieren. Shaikh-Ali sitzt in ihrem Wohnzimmer, in dem vom Teppichboden bis zur Couchgarnitur alles beige ist. Schweigt. Weil der Sprachkurs erst seit zwei Monaten geht, dreht sich das Deutschland im Fernsehen um sie, aber nicht mit ihr.

Seit knapp einem Jahr lebt Shaikh-Ali, 33, syrische Kurdin aus Kobane, mit ihrem Mann und zwei Kindern in Deutschland. Nach der Flucht über das Mittelmeer neun Monate in Flüchtlingsheimen, seit drei Monaten durch viel Glück in einer Backsteindoppelhaushälfte am Rande Hamburgs. Über 1000 Sender Auswahl hat sie dank Internet. Wenn Sie Zeit hat, schaut Shaikh-Ali den kurdischen Sender Ronahi TV, manchmal Fußball auf beIN Sports, dem Sportsender von Al Jazeera. Einmal suchte sie auf YouTube nach deutschen Filmen und fand "Das Leben der Anderen", es soll ein guter Film sein, hatte ihr jemand erzählt. Nach zehn Minuten gab sie auf. "Keine Chance ohne Untertitel."

Heute ist etwas anders im deutschen Fernsehen: Zum ersten Mal, gleich nach den 5-Uhr-Nachrichten, läuft "Marhaba" auf n-tv, eine deutsch-arabische Sendung des Journalisten Constantin Schreiber. Seit September produziert Schreiber, der fließend arabisch spricht und unter anderem in Syrien, Ägypten und Dubai arbeitete, kurze Internet-Clips, die sich an Flüchtlinge richten: "Wir Deutschen benutzen Mobiltelefone nicht beim Autofahren. Wir achten üblicherweise auf rote Ampeln", erklärt Schreiber da etwa. Manchmal klingt er bisschen zu sehr nach einem mahnendem Erklärbär. Weil man das Gefühl bekommt, dass in den Clips Integration vor allem als Anpassung verstanden wird. In Shaikh-Alis Wohnzimmer steht ein blinkender Plastikweihnachtsbaum, das hatte die Familie in Syrien nicht, es gibt Schweinsohren als Snacks. Aber noch immer soviel Zucker in den Schwarztee, dass es westeuropäische Zähne kaum aushalten.

Endlose Schuttberge, alles kaputt unter blauem Himmel

In der TV-Sondersendung heute mixt Schreiber 50 Minuten lang Flüchtlingsporträts mit Talk, interviewt die MTV-Moderatorin Wana Limar, die 1990 aus Afghanistan nach Deutschland kam, aber auch Politiker wie Hans-Christian Ströbele. Wenn Schreiber deutsch spricht, gibt es meist arabische Untertitel, wenn er arabisch spricht, deutsche. Als Schreiber mit Yasmin Taylor spricht, die vor 30 Jahren aus dem Iran nach Deutschland kam und heute erfolgreich ein Reisebüro leitet, lächelt Shaikh-Ali still und sagt: "Ich möchte das auch." In Syrien war sie Lehrerin, in Deutschland hat es sie tief beeindruckt, dass hier Frauen als Busfahrerinnen und Mechanikerinnen arbeiten; nach dem Deutschkurs hat sie große Pläne. Aber auch eine große Unsicherheit, deshalb ist das Lächeln verzagt. Nur bis 2018 können sie sicher bleiben.

Etwas verschwimmt an diesem Abend. Weil so vieles, was Schreiber auf dem Bildschirm mit den Flüchtlingen bespricht, hier im Hamburger Wohnzimmer eine Entsprechung findet: Als es um Schlepperboote auf dem Mittelmeer geht, horcht Shaikh-Ali auf. "Das Wort "Mittelmeer" vergesse ich nicht", sagt sie. Shaikh-Ali reiste zehn Tage auf einem Frachter von der Türkei nach Italien, quetschte, als es kein Trinkwasser mehr gab, am Ende für die Kinder Zitronen tropfenweise aus. Ihr Mann erzählt, dass er nicht mehr hinschaut, wenn im Fernsehen Bilder aus Syrien kommen; sie sind zu nah dran in ihm. Er zeigt seine eigenen Bilder auf seinem Handy, seine Straße in Kobane. Endlose Schuttberge, alles kaputt unter blauem Himmel. Er schweigt. Dann sagt er: "Ich habe vergessen."

Später diskutiert Schreiber mit Hans-Christian Ströbele und dem CDU-Bundestagsabgeordneten Patrick Sensburg über die Verantwortung des Staats in der Flüchtlingskrise, ein Gespräch ohne arabische Untertitel. "Gehört der alte Mann zu Angela Merkels Partei?", will Shaikh-Ali wissen. Sie sagt, sie würde sich für die nächste "Marhaba"-Sendung wünschen, dass Schreiber ein Flüchtlingsheim besucht. "Und ich will Tipps, Hilfe dazu, wie ich einen Job in Deutschland bekomme."

Im Moment geht es im Wohnzimmer bei dieser Sondersendung von "Marhaba" aber noch nicht um Hilfe. Auch der eigene Groll über die Erklärbärigkeit hat keinen Platz.

Worum geht es dann? Vielleicht um eine Möglichkeit mehr, ins Gespräch zu kommen. Als sich Schreiber verabschiedet, merken wir das nur am Rande, weil wir längst woanders sind. Darüber sprechen, wer Hans-Christian Ströbele ist und wer die Grünen. Suchen Schreiber auf Twitter, jetzt um 6 wird er im Fernsehen wieder abgelöst von den deutschen Nachrichten, von dem zermürbten Martin Schulz, den knüppelnden Polizisten.

Und auch von Pep Guardiola, der zu diesem Zeitpunkt vermutlich Bayern München verlassen will. "Pep Guardiola hat in sechs Monaten Deutsch gelernt", sagt Narin Shaikh-Ali. Sie hat vergessen, wo sie das gelesen hat.

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