Maria Bamford Die neue Königin der neuen Comedy

Comedy erlebt zurzeit einen Boom und mit ihm Stimmen, die nicht für alle, sondern radikal für sich sprechen. Das aufregendste Talent unter den neuen Comedians: Maria Bamford und ihre Serie "Lady Dynamite".

Maria Bamford
AFP/ Guinivan PR/ Susan Maljan

Maria Bamford


Wer in den vergangenen Jahren einen der vielen Podcasts wie "Never Not Funny" oder "Comedy Bang Bang" gehört hat, in denen Comedians über das Geschäft sprechen, weiß, dass Maria Bamford als eine der Größten gehandelt und in einem Atemzug mit dem unendlich bekannteren Louis CK genannt wird. Doch als "comedian's comedian" zu gelten, als Liebling anderer Comedians, kann Segen und Fluch zugleich zu sein: Während die Kollegen hinter der Bühne vor Begeisterung fast den Verstand verlieren, weiß das große Publikum mit ihnen oft nicht mehr anzufangen, als höflich zu schmunzeln.

Nicht im Fall von Bamford. Diese hat mit "Lady Dynamite" seit Kurzem eine eigene Comedy auf Netflix, und seit den besten Staffeln von "Seinfeld" hat kein Stand-up-Künstler mehr eine so gute Serie abgeliefert.

Eine von Bamfords Paraderollen ist eine Homeshopping-Verkäuferin mit hellblonden Haaren, perfekt falschem Lächeln und stummer Verzweiflung in den Augen. Hinzu kommen Bamfords Eltern, ihre Therapeuten, die Frau von der Krankenversicherung, das Jesuskind, ihre Hunde und diverse innere Stimmen. Zwischen ihnen springt Bamford hin und her, mit einer Eleganz, wie man sie nicht mehr gesehen hat, seit Richard Pryor in einer Nummer über einen Herzinfarkt sich selbst, sein eigenes Herz und den Notarzt gespielt hat.

Maria Bamford (2. von links) mit den Darstellern ihrer TV-Familie (von links): Mary Kay Place, Ed Begley, Jr. und Mo Collins
Netflix

Maria Bamford (2. von links) mit den Darstellern ihrer TV-Familie (von links): Mary Kay Place, Ed Begley, Jr. und Mo Collins

All diese Figuren sind Manifestationen von Bamfords diversen Ängsten, Unsicherheiten und Tics. Große Teile ihrer Comedy erzählen von ihrem Kampf um die eigene seelische Gesundheit. Ärzte haben bei ihr eine Bipolar-II-Störung diagnostiziert, bei der die manischen Episoden nicht ganz so hochschwingend und die depressiven Phasen häufiger sind. Auf der Bühne schafft Bamford es, den Ausgleich zwischen beiden Extremen zu finden und Witze über ihre schmerzhaftesten Verletzungen zu machen. Wegen der bonbonfarbenen Verpackung ihrer Comedy ist sie damit provokanter und oft verstörender als die "Welches Tabu breche ich heute?"-Attitüde vieler männlicher Kollegen. Die ernten trotzdem oft mehr Applaus, weil ihre mundgerechten Gags sich besser für Gifs und YouTube-Clips eignen als Bamfords halsbrecherische Trapezakte.

Gleich in der ersten Szene von "Lady Dynamite" tanzt sie in einer Shampoo-Werbung voller Begeisterung durch die Straßen, dreht Pirouetten und macht schlechte Überschläge, ist einfach beseelt von der richtigen Haarwäsche. Sie verliebt sich spontan in ein Fahrrad, mit dem sie romantisch essen geht und will dann in den Sonnenuntergang fahren - bis sie eine Passantin darauf aufmerksam macht, dass sie doch gar keinen Werbespot dreht, sondern eine Sitcom.

Verliere ich den Kontakt zur Wirklichkeit?

Diese vielfach verzahnten Metaebenen zeigen die Handschrift von Co-Autor Mitch Hurwitz. Was bei seiner Kultserie "Arrested Development" zuletzt etwas selbstgefällig wurde, ist in "Lady Dynamite" Teil der emotionalen Grundkonstellation: Bamford spielt Bamford, die Bamford spielt - alle drei hadern mit dem eigenen Selbstbild und der Angst davor, den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren.

Vor wenigen Jahren noch wäre so eine Serie von zahlreichen Einsprüchen der Sendeleitung verwässert und dann trotzdem nach fünf Folgen abgesetzt worden. Im aktuellen Comedy-Boom gibt es aber ein Publikum, das sich genau nach dieser kompromisslosen Verdrehtheit sehnt. Ein großer Hit wie "Seinfeld" ist aufgrund der fragmentierten Senderlandschaft und Sehgewohnheiten mittlerweile wohl unmöglich, doch das ist nicht weiter schlimm. Nicht alles für alle zu sein, sondern die möglichst ausdrucksstarke Erzählung der eigenen Geschichte mit eigener Stimme: Das ist Comedy heute.

Comedy-Legende Richard Pryor (1940 - 2005)
AP

Comedy-Legende Richard Pryor (1940 - 2005)

Ausgehend von der "Alternative Comedy"-Bewegung Anfang der Neunziger hat sich eine vitale Szene geformt, die Selbstentblößung und V-Effekt zusammenbringt, und Bamford beherrscht diesen Mix wie keine andere. Zentral in ihrer Geschichte und damit in ihrer Comedy sind ihre Eltern. In ihrem legendären "Special Special Special" trat sie nur vor ihnen in ihrem Wohnzimmer auf, in der "Lady Dynamite"-Sitcom werden sie von Mary Kay Place und Ed Begley, Jr. gespielt. Die leicht oberflächliche Minnesota-Höflichkeit der beiden kann Ungeduld und Ratlosigkeit über die vermeintlichen Kaprizen ihrer inzwischen 45-jährigen Tochter kaum verbergen. In Rückblenden wird Bamfords Zeit in einer psychiatrischen Anstalt in ihrer Heimatstadt Duluth gezeigt, der Rest der Show dreht sich um Bamfords Karriere in L.A. Ihre seelische Störung verschwindet dabei nicht, und die Serie ist kein Heilungstriumph, sondern die Geschichte kleiner Schritte, eben in Gestalt einer Meta-Sitcom.

Genau dieser scheinbar selbstverständliche Umgang mit psychischer Krankheit, die nicht melodramatisch aufgeblasen wird oder für eine "Themenfolge" herhalten muss, zeichnet die Reihe aus. Sie ist einfach Teil der DNS der Serie und ihrer Protagonistin. Damit schließt "Lady Dynamite" an eine jüngere Comedy-Generation an, die "diversity" von Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht oder, wie in ihrem Fall, seelischen Zuständen als Wert erkannt hat. Die Shows, die aus dieser Haltung heraus entstehen, sind auch eine Reaktion auf die heroischen "difficult men"-Erzählungen, die das Serienfernsehen seit Beginn des sogenannten golden age ausmachen. Und sie sind oft weiblich geprägt.

Abbi Jacobson (links) und Ilana Glazer aus "Broad City"
Comedy Central/ Walter Thompson

Abbi Jacobson (links) und Ilana Glazer aus "Broad City"

In "Broad City" präsentieren Abbi Jacobson und Ilana Glazer eine jüdische post-post-Diaspora-Identität, der jeder Assimilationsschmerz genauso abgeht wie überzogener Klischeestolz. Gerade haben sie eine ganze Folge lang das "Birthright"-Programm, mit dem junge Jüdinnen und Juden auf Rundreise durch Israel geschickt werden, parodiert. Ein verschwindend geringer Teil auch des amerikanischen Publikums weiß damit etwas anzufangen - die Serie vertraut darauf, dass genau dieser Teil die Serie schaut. Alle anderen müssen halt sehen, wo sie bleiben. Gleichzeitig positionieren sich Jacobson und Glazer, in dem sie sich über den Abendbrottisch-Zionismus ihrer Eltern lustig machen, auch politisch.

Auch die beiden Komiker Jordan Peele und Keegan-Michael Key grenzen sich von alten Identitätsangeboten ab. Sie sind Söhne weißer Mütter und schwarzer Väter und ihre gefeierte Sketch-Show "Key & Peele" wird als explizit nicht schwarz, sondern "biracial" beschrieben. Aziz Ansari wiederum bringt in seiner melancholischen Serie "Master of None" seine Erfahrungen als Sohn einer tamilisch-amerikanischen Familie in seine ansonsten eher routinierten Betrachtungen über Single-Existenzen in New York. "Inside Amy Schumer" schließlich gibt einer jungen Generation von Frauen eine Stimme, die, so der Claim, sich vor keinem der beiden F-Wörter, Fuck und Feminismus, fürchten.

Verehrung kippt in Frust um

Schumers Sketch-Show wurde für ihre Satire auf Körperideale und Sexismus in der Entertainment-Branche schnell zur feministischen Comedy erklärt. Doch Schumer ist das Paradebeispiel eines "female chauvinist pig", wie die New Yorker Autorin Ariel Levy die Frauen genannt hat, die aktiver Teil der "raunch culture" sind. In dieser Kultur des Derben setzen Frauen harte Witze und offenen Umgang mit Sex nicht ein, um ihre eigene Position stärken, sondern um von den Männern um sie herum akzeptiert zu werden.

Während Bamford in Indie-Klubs in Kalifornien auftrat, wurde Schumer im Umfeld der widerlichen New Yorker Schockradiosendung "Opie & Anthony" groß - ihre plötzliche Wendung hin zur vermeintlich feministischen Komikerin war vor allem eine Reaktion auf einen "Du bist einer der Jungs, nur mit Titten"-Spruch zu viel. Auf der Bühne erzählt sie weiterhin problematische Gags über Vergewaltigungen und Minderheiten, die keine weißen Frauen sind.

Jordan Peele (links) und Keegan-Michael Key
AP

Jordan Peele (links) und Keegan-Michael Key

"Problematisch" ist denn auch ein Schlüsselwort, wenn es um die neuen Comedys geht. Wer sich die Diskussionen und Diskurse auf tumblr und Twitter ansieht, erkennt nicht nur den Hunger nach Repräsentanz diverser bislang unterrepräsentierter Communitys. Die kultische Verehrung schlägt schnell in Enttäuschung oder Frust um, wenn die verehrten Künstlerinnen und Serien nicht so inklusiv sind, wie sie es sein könnten. Diese Art der intersektionalen Medienkritik ist oft wertvoll, verrät aber manchmal auch ein Unverständnis dafür, dass ein einzelnes Kunstwerk keine gesellschaftliche Totalität abbilden kann.

Auch Elemente von "Lady Dynamite" wurden als "problematic" diskutiert - zum Beispiel wurde die Figurenzeichnung eines bisexuellen Mannes, den Bamford kurzzeitig datet, als stereotyp kritisiert. Weil er gleich in der zweiten Folge - mit dem Titel "Bisexual because of meth" - auftaucht, gab es Stimmen auf Twitter, die sich weigerten, den Rest der Serie zu sehen. Bamford entschuldigte sich und gelobte Besserung.

Es ist glaubhaft, dass sie auf Kritik hört: Comedy spiegelt ihr Leben wider, deswegen begreift Bamford sie als Lernprozess. In zehn Jahren vielleicht werden die Tumblr-Diskussionen über problematische Gags als Geburtswehen nicht nur einer neuen Art von Comedy, sondern auch einer neuen Gesellschaft betrachtet. Dann wird "Lady Dynamite" vielleicht als wichtiger Meilenstein der Normalisierung von geistigen Erkrankungen gefeiert - oder landet, als längst überholt abgestempelt, im Mülleimer der Geschichte. So lebendig, wie Comedy zurzeit ist, ist beides möglich.


"Lady Dynamite" und "Master of None" sind auf Netflix verfügbar

"Broad City" läuft in Deutschland auf Comedy Central



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