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"Menschen 2013" im ZDF: Politik? Aber nicht mit Lanz!

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ZDF-Jahresrückblick: Wirres Allerlei Fotos
Getty Images

Viel Betroffenheit, ein bisschen Schleimen vor den Stars und keinerlei gesellschaftspolitische Relevanz: So kam der Jahresrückblick von Markus Lanz im ZDF daher. Einen Auftritt von vier Jungpolitikern hatte man aus der Sendung geschnitten.

Ja, es war ein tolles Jahr, dieses 2013, schon allein deswegen, weil in ihm so viele tolle, wunderbare, eindrucksvolle Menschen etwas getan haben, das sie dazu prädestinierte, sich anschließend von Markus Lanz darüber befragen zu lassen, was sie dabei gedacht haben, wie das denn war, in diesem Moment, wie sich das anfühlte.

Menschen, die laut ZDF-Ankündigung das Jahr "als außergewöhnliche Persönlichkeiten mit ihren Geschichten geprägt haben", wie beispielsweise die korpulente Frau, die an einer Bushaltestelle in Großbritannien tanzend mit dem Hintern wackelte, sowie jene andere, die dies filmte und das Video ins Netz stellte. So etwas reichte locker für einen Auftritt bei Lanz. Erst recht reichte es für kleine Kinder, sofern sie gut Fußball spielen oder Lustiges zum Thema Carsharing erzählen konnten.

Alternativ durfte es aber auch eine Preisverleihung sein, egal ob passiv oder aktiv, Hauptsache, die Szene gab's im Mainzer Archiv. Auf diese Weise geriet dann sogar noch Horst Seehofer per Einspieler kurz in die Sendung, obwohl er diese wegen der Sache mit Gabriel und Slomka ausdrücklich boykottiert hatte. Aber er hat nun mal einen Preis an Ruth Maria Kubitschek verliehen, die Gelegenheit bekam, auf ein besonders gutes Jahr zurückzublicken, ähnlich wie Didi Hallervorden oder Jungschauspieler Max von der Groeben, die noch einmal erzählen mussten, wie das denn nun war, als sie die Goldene Kamera überreicht bekamen.

Wirr zusammengemixtes retrospektives Allerlei

Umso Bedeutenderes wurde im Wege der werbenden Einblendung für kommende Tage angekündigt, etwa die große Weihnachtsshow mit Frau Fischer oder auch der satirische Jahresrückblick des ZDF-Magazins "Frontal 21".

Letzteres ließ sich zwar als wohltuende Unterbrechung des wirr zusammengemixten retrospektiven Allerlei empfinden, erzeugte beim Zuschauer jedoch auch eine gewisse Frustration. Denn wenn man gerade dachte, es würde jetzt vielleicht doch mal etwas geistreich - vor allem, als dann plötzlich auch noch eine kurze Passage zum NSA-Lauschskandal mit Gernot Hassknecht von der "heute-show" gezeigt wurde -, war es auch schon wieder vorbei, so dass Lanz ungehindert mit seiner Fragerei fortfahren konnte, nicht ohne zuvor fast entschuldigend die messerscharfe Diagnose gestellt zu haben, dies sei eben, nun ja, schwarzer Humor.

"Wie fühlt sich das an?", jetzt, mit Bastian Schweinsteigers Bein?

Fernab von diesem steigerte er sich im Beisein diverser Beteiligter lieber in eine wahre Emphase über die sensationellen Leistungen des deutschen Sports, vor allem des Fußballs und insbesondere des FC Bayern München, heischte Auskunft darüber, "wie sich das anfühlt", jetzt, mit Bastian Schweinsteigers Bein, und verwendete dann den Personalwechsel im Vatikan als Vorlage, um Heino ins Spiel zu bringen, der im Unterschied zum vorigen Papst noch gar nicht daran denke, in Pension zu gehen.

Irgendwann dann die Ankündigung: "Wir kommen jetzt zur Politik." Das sah dann so aus, dass erstens wieder die "Frontal 21"-Kollegen beworben wurden und zweitens eine Femen-Aktivistin zu Wort kam, die sich als CDU-Anhängerin outete, was Lanz offenkundig ungeheuer originell fand. Für echte Politgespräche war da dann einfach kein Platz mehr.

Jungpolitiker rausgeschnitten

Dabei waren nach Information von SPIEGEL ONLINE zur Aufzeichnung extra vier frischgewählte Bundestagsabgeordnete - Johannes Steiniger, CDU, Mahmut Özdemir, SPD, Susanna Karawanskij, Linke, Luise Amtsberg, Grüne - eingeladen worden. Mit den Bundestagsfrischlingen war ein Quiz und ein ausführlicher Talk geplant, am Ende fiel beides komplett aus der Sendung.

Nach dem verheerend schlechten Jauch-Rückblick auf RTL am vergangenen Sonntag zeichnete sich nun also auch die ZDF-Jahresbilanz durch das Fehlen jeglichen politischen Bewusstseins aus. Mag man das bei den Privaten noch hinnehmen, muss man einen öffentlich-rechtlichen Sender dafür scharf kritisieren.

Statt das Jahr auf seine politischen Ereignisse abzuklopfen - immerhin hat 2013 auch eine Bundestagswahl stattgefunden, der Prozess der Regierungsbildung ist noch voll im Gange - fuhr Lanz dann eben doch nur das ganze Repertoire an Betroffenheit für menschliche Schicksale auf. Und eine geradezu infantile Begeisterung angesichts der angekarrten Promis.

Vor Til Schweiger kriegte sich Lanz vor Freude über dessen angeblichen Erfolg gar nicht wieder ein und jubilierte, für den Schauspieler, der vor allem auch wegen der Trennung von seiner Lebensgefährtin in den Schlagzeilen gewesen ist, sei dies ja doch wohl "ein großartiges Jahr" gewesen. Schweiger korrigierte allerdings, dass er eigentlich gar nichts weiter gemacht habe bis auf einen "Tatort".

Und dann saß da noch Semiya Simsek, die Tochter des ersten Opfers der Mordserie, die von der rechtsterroristischen NSU verübt wurde und gegenwärtig vor Gericht verhandelt wird. Ihr Auftritt war der vielleicht wichtigste an diesem Abend und man hätte sich ein Gespräch mit dieser bemerkenswerten Frau in einem anderen Rahmen gewünscht, geführt von jemand anderem als Markus Lanz.

Direkt danach folgte ein Schnitt. In einer Fußgängerzone wurden Passanten animiert, ihren Song des Jahres zum Besten zu geben. Wie lustig.

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