Zweite Staffel "Master of None" Meister des Nichts, Bringer der Freude

Aziz Ansari kehrt mit seiner Netflix-Serie "Master of None" zurück - und bricht wieder mit allen Serienklischees. Da stört es auch nicht, dass man eigentlich nur Hipstern bei der Sinnsuche zuguckt.


In "Master of None", der Netflix-Serie des amerikanisch-indischen Komikers Aziz Ansari, geht es um Nichts. Höchstens um die Frage, wie man glücklich wird in einem Leben, das eigentlich alles für einen bereithält: gutes Essen, coole Freunde, leichte Jobs.

Dass die Serie, deren zweite Staffel seit diesem Freitag verfügbar ist, dennoch unterhält, liegt daran, dass es ihr dermaßen gut gelingt, den Zeitgeist einzufangen, dass man sich als Zuschauer regelrecht erwischt fühlt. In der ersten Staffel gab es so einen Moment, in dem Dev (Ansari) so viel Zeit damit verbringt, im Internet nach dem "besten Taco der Stadt" zu recherchieren, dass am Ende, wenn er fündig wird, schon lange alle Tacos ausverkauft sind.

Auch die zweite Staffel hat so einen Taco-Moment. Dev hat eine Frau kennengelernt, die er unbedingt wiedersehen will, nur hat er ihre Nummer verloren. Er weiß nichts über sie außer ihren Namen, ihren Beruf und in welcher Stadt sie lebt. Also fragt er einfach Google: "Sara finance New York". Natürlich ohne Erfolg.

Figuren und Darsteller sind zum Verwechseln ähnlich

Dev sucht vor allem deshalb so verzweifelt nach der Frau, weil Liebe eine mögliche Antwort auf die Frage nach seinem Glück zu sein scheint. Am Ende der ersten Staffel hatte es mit der fast perfekten Partnerin Rachel (Noel Wells) ja nicht geklappt. Daraufhin war Dev nach Italien gezogen, um zu lernen, wie man Pasta macht. Dort findet man ihn zu Beginn der zweiten Staffel, es ist eine mutige erste Folge, weil schwierig für den Zuschauer. In einer Hommage an Vittorio de Sicas "Fahrraddiebe" ist die Episode in schwarz-weiß gehalten, gesprochen wird praktisch nur Italienisch.

Ansari hatte nach dem Ende der ersten Staffel seine eh schon nicht zu leugnende Ähnlichkeit mit seiner Serienfigur auf die Spitze getrieben und war selber nach Italien gezogen, um Italienisch zu lernen, Pasta zu machen und italienische Filme zu gucken.

Das italienische Thema durchzieht nun die ganze Staffel, es gibt Referenzen auf Antonioni und Fellini - und im Hintergrund trällert die italienische Sängerin Mina ständig etwas über Liebe. Die Begeisterung der Serienmacher für italienisches Kino und Musik passt perfekt zum Hipster-Vibe seiner Protagonisten. "Master of None" wirkt auch deswegen so lebensnah, weil seine Figuren und ihre Darsteller sich zum Verwechseln ähnlich sind.

Und dann ist da noch Francesca, gespielt von der charismatischen Alessandra Mastronardi, mit der Dev sich in Italien angefreundet hat. Wenn er nach zwei Folgen in Italien wieder nach New York zurückkehrt, reist sie ihm hinterher. Leider hat sie ihren Verlobten im Gepäck, was Devs Glücksfindung markant im Weg steht. Das ist der eine, mehrere Folgen übergreifende Handlungsstrang. Der andere beschäftigt sich mit Devs beruflicher Entwicklung: Nachdem in der ersten Staffel seine Karriere als Schauspieler nicht richtig Fahrt aufnehmen wollte, wird er jetzt Moderator einer "Koch-Show" mit dem Titel "Clash of the Cupcakes".

Sammlung schlauer kleiner Kurzgeschichten

Das war es dann aber mit den seriellen Elementen. Der Rest sind zehn für sich stehende Folgen, von denen jede Einzelne glänzt und funkelt. Wenn Serien wie "Die Sopranos" oder "Breaking Bad" die Romane der heutigen Zeit sein sollen, dann sind Serien wie "Louie" von Louis C.K. und eben "Master of None" Sammlungen schlauer kleiner Kurzgeschichten.

Serienmacher Aziz Ansari und Alan Yang experimentieren viel mit Erzählperspektive und -Struktur. Sei es in der Folge "First Date", in der wir simultan an mehreren zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfindenden Tinder-Dates von Dev beiwohnen; oder in "Thanksgiving", in der es nicht um Dev geht, sondern um seine lesbische Freundin Denise (Lena Waithe). Über eine Zeitspanne von 20 Jahren nimmt das Publikum an verschiedenen Thanksgiving-Essen teil, in denen sich Denise allmählich vor ihrer stolzen Mutter (Angela Basset) outet - das geheime Highlight der Staffel.

Es war das erklärte Ziel der beiden jungen Serienmacher, dass die neue Staffel strukturell und ästhetisch ambitionierter werden sollte als die erste. Das ist in jedem Fall gelungen. Oder wie Ansari gegenüber dem"New York Magazine" sagte: "Wenn jemand (Netflix) Vertrauen in dich hat und dich machen lässt, was du willst, dann machst du besser verrückten Scheiß."

Figuren, die man nur selten im Fernsehen zu sehen bekommt

Dieser crazy shit funktioniert vor

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Zweite Staffel "Master of None":: Meister des Nichts, Bringer der Freude

allem über die liebenswerten Charaktere, die divers und einzigartig sind. So wie Denise, die bedeutend mehr Erfolg bei Frauen hat als die männliche Hauptfigur. Oder Devs bester Freund Arnold (Eric Wareheim), ein großer, dicker Riese und der "token white charakter", wie Ansari ihn nennt, der Quotenweiße in einem Freundeskreis mit dunkler Haut. Aber vor allem trägt Ansari die Serie mit seiner Figur Dev.

Der ist so stylisch, wie er witzig ist, so liebenswert wie warm. Seine Hauptmotivation ist für einen Seriencharakter eher klischeehaft, er will beruflich erfolgreich sein - und das Mädchen kriegen. Dabei ignoriert Ansari aber alles, was eine solche Figur im Fernsehen normalerweise ausmacht. Obwohl Dev klein und dünn ist und eine hohe Stimme hat, zieht die Serie in keinem Moment ihren Humor daraus, dass Dev an typischen Männlichkeitsbildern scheitert. Die Antithese dazu wären die vier Nerds aus "The Big Bang Theory" - da entsteht der Witz nur aus der Unmännlichkeit der Charaktere.

Kurz: Ansari nimmt seine Figur (und damit sich selbst) ernst - wenn man Mitleid mit Dev hat, dann nie, weil er klein und dünn ist, sondern einfach, weil er nicht glücklich werden kann. Oder weil er es so dringend sein will?

Auch in der zweiten Staffel "Master of None" spielt Essen wieder eine sehr große Rolle im Leben von Dev. Das ist kein Zufall, denn in einem Leben, das alles bietet, aber trotzdem dauernd enttäuscht, scheint gutes Essen einer der wenigen verlässlichen Lieferanten von Zufriedenheit zu sein. Aber das ist natürlich eine Falle, und da liegt das Drama von Dev. Das ganze gute Essen stopft das Loch nicht, das er innerlich fühlt. Klingt nach Hipster-Existenzialismus. Ist es auch. Und es macht große Freude.


"Master of None" Staffeln 1 und 2 sind auf Netflix verfügbar

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