Mauerfall-Jubiläum im ZDF Der Plunder von Berlin

Am Ende fehlte nur noch Michelle Hunzikers Rückendekolleté: Die ZDF-Feier zum Mauerfall-Jubiläum geriet zu einer Kitsch-Show, in der Staatsgäste zu Statisten degradiert wurden. Irgendwann reichte Reinhard Mohr selbst der Schampus nicht mehr, um das würdelose Spektakel auszuhalten.

AP

"Wer war das?!", schreit der Offizier in Gerhard Seyfrieds berühmtem Comic, als er seinen schönen Bundeswehr-Panzer komplett zerlegt vorfindet. "Wer war das?!" wollte man auch am Montagabend vor dem Fernseher rufen. Wer ist dafür verantwortlich? Spätestens, als die fünf Schmalzköpfe von Adoro Marius-Müller Westernhagens ja auch schon nicht ganz kitschfreies Lied "Freiheit" zur süßlichen Pampe zermanscht hatten, war klar: Hier will man nun gar nichts mehr fühlen, Mauerfall hin, Brandenburger Tor her. Hier schreit die Seele nur noch: Bloß weg hier! Let's get out of this place.

Mr. Gorbatchev, please tear down this bullshit!

Statt die Gefühle des historischen Augenblicks in einer angemessen feierlichen, aber eben auch fröhlichen und mitreißenden Inszenierung zu repräsentieren, servierte uns das ZDF am Abend des 9. November ein fürchterliches Potpourri aus "Wetten dass...?", "History" und "Hallo Deutschland!"; ein auf gut zwei Stunden zerdehntes Spektakel, das keine Form fand für die Botschaft, die in all den Reden beschworen wurde.

Das war kein Fest der Freiheit, die gemeinsame Erinnerung an das Wunder von Berlin - es war der Plunder von Berlin. Ein Kessel Buntes auf dem Niveau der Samstagabendunterhaltung im deutschen Fernsehen. Warum hat man nicht gleich das Ballett des Friedrichstadtpalasts auftreten lassen, zusammen mit Karl Moik, Florian Silbereisen und Carmen Nebel?

Wer dachte, es sich mit Freunden bei einer schönen Flasche Champagner zu Hause gemütlich machen zu können, anstatt draußen im Regen zu stehen, hatte sich gründlich geirrt. Das Fernsehen kennt keine Gnade vor der Geschichte. Hemmungslos wird das real existierende Pathos zu Tode inszeniert, begraben unter einem medialen Overkill. Der Rest wird in Grund und Boden gequatscht.

Das Elend fing leider schon mit Daniel Barenboims Staatskapelle und Plácido Domingo an. Nach Wagner, Beethoven und Schönberg kam Berliner Busfahrer-Lokalkolorit Marke "Wat denn, wat denn, habense keene Oogen im Kopp?!" an die Reihe. Da sang der weltberühmte Tenor doch tatsächlich als Zugabe "Das macht die Berliner Luft Luft Luft/So mit ihrem holden Duft Duft Duft/ Wo nur selten was verpufft pufft pufft...".

Pfffft.

Das Volk spielt Publikum und die Staatsgäste sind Statisten

Hier schämte man sich nicht wie einst fürs deutsche Vaterland an sich, sondern für die Peinlichkeit seines offiziösen Selbstbildes unter tätiger Mithilfe auswärtiger Fachkräfte, auch wenn Nicholas Sarkozy brav mitklatschte. Wenig später allerdings sah man schon Silvio Berlusconi im seligen Sekundenschlaf. Wahrscheinlich träumte er von blonden italienischen Fernsehgirls, die er als nächstes zu Ministerinnen machen wird.

Die kurzen Ansprachen von Sarkozy, Gordon Brown, Hillary Clinton und dem russischen Präsidenten Medwedew vermittelten immerhin einen Hauch von Würde und Größe dieses gesamteuropäischen Augenblicks, auch wenn sie schlecht gedolmetscht wurden.

Doch schon das Auftauchen von Thomas Gottschalk machte wieder klar: Regie führt hier das Fernsehen und sonst niemand. Kulissenzauber mit Staatsgästen und Publikum, das das Volk spielen darf. Jeden Augenblick erwartete man die Saalwette und Michelle Hunziker mit Rückendekolleté und vorne rum auch recht wenig.

Stattdessen trat ein weiterer Mikrofonhalter des ZDF namens Klaas Heufer-Umlauf (früher beim Musiksender VIVA, bezeichnenderweise) ins Bild und machte eines jener unzähligen Interviews, die überflüssiger sind als ein Heizer auf der E-Lok. Sinnloses Dauergeplapper vor den Augen aller 27 europäischen Staatschefs, die wenigstens Schutz vor dem Dauerregen gefunden hatten.

Da half auch nicht mehr Jon Bon Jovi, der seine musikalische Message "We weren't born to follow" vorm Brandenburger Tor nass wie ein Dackel, aber im fast perfekten Playback sang.

Feuerwerk unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Doch was wäre ein historischer Abend im ZDF ohne Guido Knopp? Nichts und abermals nichts! Im routinierten Singsang seiner Geschichtsmanufaktur für Jedermann präsentierte er live on stage, pardon: auf dem regennassen Berliner Asphalt den ehemaligen ungarischen Premier Miklos Nemeth und Lech Walesa, den Helden von Solidarnosc, und nach einer gefühlten Ewigkeit stießen sie endlich die "Dominosteine" an, die dann auch ordentlich, einer nach dem anderen, umfielen.

"Teletubbies im Legoland" knurrte da die charmante Sitzkameradin auf dem privaten Mauerfall-Wetten-dass-Sofa daheim, und als dann Paul van Dyk seine Hymne "We are one" in den dunklen Berliner Novemberhimmel knödelte, war die Flasche Schampus längst leer. Nun mussten härtere Drogen ran, um all das auszuhalten: Rotwein aus dem Piemont. Als letzte kleine Hoffnung blieb das versprochene Feuerwerk.

Einfach nur Feuerwerk und ein bisschen schöne Musik, ein kleines bisschen Feierlichkeit, ein kleines bisschen Freude schöner Götterfunken. Ein kleines bisschen Gänsehaut. Aber wir hatten nicht mit dem ZDF gerechnet. In dem Augenblick, als das Feuerwerk begann, verabschiedete sich das ZDF aus der Live-Übertragung. Affe tot, Klappe zu. Der Sender hatte ganze Arbeit geleistet.

Vielleicht hätte man lieber gleich auf Sat.1 gehen sollen. Da lief ab 20.15 Uhr die wahre Dokusoap zur Lage der Nation: "Deutschland wird schwanger". Gute Nacht!



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 206 Beiträge
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Seite 1
mavoe 10.11.2009
1. Mannomann
Zitat von sysopAm Ende fehlte nur noch Michelle Hunzikers Rückendekolleté: Die ZDF-Feier zum Mauerfall-Jubiläum geriet zu einer Kitsch-Show, in der Staatsgäste zu Statisten degradiert wurden. Irgendwann reichte Reinhard Mohr selbst der Schampus nicht mehr, um das würdelose Spektakel auszuhalten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,660313,00.html
gottseidank hats gestern abend tierisch geregnet. Sonst wäre ich wohl auch in Versuchung geraten dorthin zu gehen. Aber so gesehen passt das ein bischen zu meiner Biographie. Vor genau 20 Jahren war ich als Student auf großer Asientour und hab die ganze "Wende" glatt verpasst. Aug. '89 bis Nov. '90. lol Gruß aus Berlin
Kassander, 10.11.2009
2. Immerhin
Ach was, das war doch eine richtig passende Sendung, passend zur geistigen Lage in Deutschland. Und wir haben endlich verstanden, wer alles wirklich die Mauer eingerissen hat, Thomas Gottschalck war also auch dabei! Das wusste ich nicht.
TheBear, 10.11.2009
3. feige
Zitat von sysopAm Ende fehlte nur noch Michelle Hunzikers Rückendekolleté: Die ZDF-Feier zum Mauerfall-Jubiläum geriet zu einer Kitsch-Show, in der Staatsgäste zu Statisten degradiert wurden. Irgendwann reichte Reinhard Mohr selbst der Schampus nicht mehr, um das würdelose Spektakel auszuhalten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,660313,00.html
So schlecht fand ich das nun wirklich nicht. Das mit den Domino Steinen war originell und passend. Dennoch waren die Veranstalter feige, als sie von anderen Mauern in der Welt sprachen, die es einzureissen gäbe, aber die Mauer, die die Israelis gerade aufbauen, nicht erwähnten.
Foul Breitner 10.11.2009
4. lustig
Ich habe das etwas nebenher auf dem Stream von Phoenix geschaut, die sich allerdings nur hier und da mal aufschalteten. Als ich Gottschalks Stimme hörte, dachte ich schon " Hmmm. " . Aber als ich dann diese Dominosteine sah und Gottschalks Stimme dazu, dachte ich an Wetten Daß. Ich glaube, das war Wetten Daß.
mischamai 10.11.2009
5. wen wunderts...?
Warum soviel Betroffenheit bei der Auswahl des Programms?Wer hatte denn da beim ZDF etwas anderes erwartet? Allgemein kennt man doch nichts anderes vom Honigkuchenschleimsender a la Pilcher/Traumschiff/Jobatai. Hier zeigt sich einfach nur was ich schon seit Jahren auf meiner Fernbedienung auf Platz 27 verlagert habe,ein Programm der öffentlich Rechtlichen Fernsehens,welches vielleicht immer gerne als Einschlafhilfe taugt.
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