Krisen-Talk bei Illner "Krim-Sekt ohne schlechtes Gewissen"

"Dass Putin ein Demokrat ist, habe ich nie geglaubt." Bei Maybrit Illner trafen ein entspannter deutscher Ost-Politiker a.D. und ein eher wortkarger Gesandter Putins aufeinander. Der beschwichtigte: Der russische Bär bleibt in der Taiga.

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Putin, die Ukraine-Krise und kein Ende. Abermals nahm sich Maybrit Illner das derzeitige Talkshow-Dauerthema vor. Mittlerweile scheint es nicht mehr ganz so einfach zu sein, ihm immer neuen Streitstoff abzuringen - es sei denn, die Kanzlerin persönlich liefert ihn, sodass die Moderatorin nur noch zuzugreifen braucht.

Mit Merkels jüngsten Warnungen vor einem "Flächenbrand" aufgrund Moskaus Streben nach Sicherung seiner "Einflusssphäre" waren die Stichworte gegeben, um nach "Putins Machthunger" zu fragen. Entsprechend fiel denn auch die Anmoderation aus - ein ziemlich düsteres Szenario vom Zugriff Moskaus auf weitere Staaten wie Serbien, Georgien und Moldawien, vorgetragen mit leicht dramatischem Timbre.

Aber ganz so schlimm kam es dann doch nicht, zumindest gesprächstechnisch. Vielmehr entwickelte sich eine bemerkenswert sachliche Diskussion, deutlich in den Positionen zwar, aber doch eher dämpfend und differenzierend und teilweise sogar munter, was nicht zuletzt einem recht betagten Teilnehmer zu verdanken war. Der hieß Egon Bahr und verkörperte an diesem Abend mit seinen 92 Jahren nicht nur etliche Jahrzehnte aktiver Ostpolitik und Zeitgeschichte, sondern als Sozi zusammen mit Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) auch die Große Koalition.

Dabei fiel es Altmaier zu, die neue verschärfte Tonart seiner Chefin zu erläutern. Es bestehe Sorge vor einem Rückfall Russlands in alte UdSSR-Gewohnheiten, ließ dieser wissen und bekräftigte noch einmal den im Kern bislang unstrittigen westlichen Kurs: "Gespräche ja - aber klare Ansagen", Sanktionen inklusive. Es könne nicht hingenommen werden, dass das Recht des Stärkeren gelte.

Russischer Bär will in der Taiga bleiben

Dass es hier ums Prinzip geht, um die freie Entscheidungsfähigkeit sich westlich orientierender Länder, den Bestand ihrer Grenzen, das Völkerrecht und die Wahrung der Friedensordnung Europas - darüber herrschte weitgehend Einvernehmen in der Runde. Insbesondere Janusz Reiter, Polens früherer Deutschland-Botschafter, fand hier sehr klare Worte, erinnerte an das Teilungsschicksal seines eigenen Landes unter Druck von außen und pochte auf Einhaltung der "Spielregeln" durch die großen ebenso wie die kleineren Staaten.

Oleg Krasnitskiy, der russische Gesandte mit dem stets sehr betroffen anmutenden Blick, gab sich derweil wortkarg, wurde von der Gastgeberin auch kaum gefragt und beschränkte sich wieder einmal darauf, das große Interesse seines Landes an einer Verhandlungslösung zu unterstreichen. Zusätzlich beteuerte er, dass Russland "keine Feinde" kenne und sinnierte beschwichtigend, dass es seit dem Ende jenes Kalten Krieges, dessen Rückkehr momentan so viele befürchten, ja auch schon andere bewältigte Krisen gegeben habe, etwa auf dem Balkan und in Georgien. Jedenfalls habe der russische Bär nicht die Absicht, sich aus der Taiga Richtung Süden zu begeben, versicherte er, auf die Illnersche Metaphorik eingehend.

Den Satz "Der Klügere gibt nach" fand niemand wirklich gut

Zweimal hatte Putins Diplomat dann aber doch Gelegenheit, ein bisschen anders zu gucken als gewohnt. Jan Techau von der US-Denkfabrik Carnegie lobte zwar ausdrücklich die nun härtere Gangart der Bundesregierung und des Westens insgesamt, räumte aber ein, dass Präsident Obama einen großen Fehler gemacht habe, als er Russland minus Ukraine als "Regionalmacht" bezeichnete. Egon Bahr ging in seinem Verständnis für das Weltmachtverlust-Trauma zunächst sogar so weit zu behaupten, für Russland bedeute die Ukraine etwa das Gleiche wie das Ruhrgebiet seinerzeit für die alte BRD, nahm das aber später dann doch lieber zurück.

Und natürlich kam auch der etwas eigenwillige Vorschlag von Matthias Platzeck, dem Vorsitzenden des Deutsch-Russischen Forums, zur Sprache, der Westen solle die Krim-Annexion einfach anerkennen und somit nach der Devise "Der Klügere gibt nach" das Problem aus der Welt schaffen. Wirklich gut fand den niemand, außer vermutlich insgeheim der russische Gesandte, aber Bahr nahm ihn zum Anlass für einen etwas überraschenden Griff in die Zeithistorie. Wie das Beispiel der völkerrechtlich von Bonn nie anerkannten DDR zeige, lasse sich ein Zustand auch ohne Völkerrecht über lange Zeit akzeptieren, gab der vergleichsweise entspannt wirkende Entspannungs-Veteran zu bedenken. Man müsse nur einen langen Atem haben und könne dann "weiter ohne schlechtes Gewissen Krim-Sekt trinken."

Fest stehe ohnehin, dass es Sicherheit ohne oder gegen Russland nicht geben könne, was ja außer Kissinger, Schmidt und Genscher selbst Kohl sage - und Schröder sowieso. Der Westen brauche Russland nun mal, auch hinsichtlich des islamistischen Terrors. Krieg werde es wegen der derzeitigen Ost-West-Krise sowieso nicht geben - "der Putin braucht keine Angst zu haben."

Eins musste Bahr im Dissens zu dem Genossen Schröder dann aber auch loswerden: "Dass Putin ein Demokrat ist, habe ich nie geglaubt."



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insgesamt 125 Beiträge
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Seite 1
iman.kant 21.11.2014
1. Es wurde
ein wichtiger Punkt in der Rezension vergessen. Die Gruppe hat sich am Rande verständigt dass die Wünsche und Einstellungen der jungen Menschen von Bedeutung ist wenn es darum geht zu beurteilen wohin sich ein Land bewegt.All diese Artikel die wir in der letzten Zeit gelesen haben, die sich mit der Hinwendung einzelner Länder an Russland beschäftigen übersehen dies leider. Ein Land wie Serbien usw. wird sich nicht mehr den Diktat Russlands unterwerfen. Dafür sorgt die Stimmung unter den Jugendlichen und jungen Menschen. Die ist überwiegend pro europäisch.
kritischer-spiegelleser 21.11.2014
2. Eine kompetente Runde
die Merkel schlecht aussehen lässt. Denn sie plappert nur den Nato-Interessen nach. Das ist ein Streit der USA, Nato und EU mit Russland um Einflusszonen. Und keiner will nachgeben. Die EU lockt mit Geld, Russland droht mit Sanktionen. Aber Stabilität in Europa gibt es nicht ohne Russland. Also wäre es sinnvoll, diese ganze Spiegelfechterei und Muskelprotzerei zu beenden.
haraldhenn 21.11.2014
3.
Der Artikel gibt im wesentlichen den Verlauf der Sendung korrekt wieder. Jedoch: dass Oleg Krasnitzky "wortkarg" gewesen sei, ist ja nun Blödsinn. Er wurde schlicht zu wenig drangenommen. Illner blieb teils ihrer Ankündigung, ihm als uebernaechstem gleich eine Frage zu stellen, einfach nicht treu und machte mit anderen in der Runde weiter. Vergesslichkeit? Kalkül? Dabei hätte ich persönlich sehr gern mehr ueber die Position Russlands erfahren, um den Konflikt im Kern zu verstehen. Krasnitzky widerfuhr das gleiche wie schon so oft, wenn er in oeffentlich-rechtlichen Talkshows auftritt. Die Chance,ihn zu hoeren, wird nicht genutzt.
kuac 21.11.2014
4.
Zitat von kritischer-spiegelleserdie Merkel schlecht aussehen lässt. Denn sie plappert nur den Nato-Interessen nach. Das ist ein Streit der USA, Nato und EU mit Russland um Einflusszonen. Und keiner will nachgeben. Die EU lockt mit Geld, Russland droht mit Sanktionen. Aber Stabilität in Europa gibt es nicht ohne Russland. Also wäre es sinnvoll, diese ganze Spiegelfechterei und Muskelprotzerei zu beenden.
Wie soll denn die Lösung nach Ihrer Meinung aussehen?
Ossifriese 21.11.2014
5. Anti
Zitat von iman.kantein wichtiger Punkt in der Rezension vergessen. Die Gruppe hat sich am Rande verständigt dass die Wünsche und Einstellungen der jungen Menschen von Bedeutung ist wenn es darum geht zu beurteilen wohin sich ein Land bewegt.All diese Artikel die wir in der letzten Zeit gelesen haben, die sich mit der Hinwendung einzelner Länder an Russland beschäftigen übersehen dies leider. Ein Land wie Serbien usw. wird sich nicht mehr den Diktat Russlands unterwerfen. Dafür sorgt die Stimmung unter den Jugendlichen und jungen Menschen. Die ist überwiegend pro europäisch.
Kein Wunder. Schließlich ist Jugoslawien ein Teil Europas. Die Frage ist nur, sind sie auch antirussisch?
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