ZDF-Talk Populismus ohne Viagra

Das ZDF hat mit "Illner intensiv" ein sehr sachorientiertes Talk-Magazin. Eigentlich gibt es hier wenig Gelegenheit zur Eskalation. Christian Lindner fällt trotzdem unangenehm auf.

Joachim Herrmann, Aydan Özoguz, Christian Lindner
ZDF/ Svea Pietschmann

Joachim Herrmann, Aydan Özoguz, Christian Lindner

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Nein, der Populismus ist nicht in jedem Fall das "Viagra einer erschlafften Demokratie", um das Bonmot des Populismus-affinen Sat1-Moderators Claus Strunz zu zitieren. Der AfD-Landesvorsitzende von Sachsen-Anhalt André Poggenburg zum Beispiel ist einfach zu sehr Langweiler, als dass er im Kreis etablierter Parteipolitiker für kleinere oder größere Eklats sorgen könnte.

Poggenburg war am Donnerstagabend Ersatzspieler für die AfD-Vorsitzende Alice Weidel, die ihre Teilnahme an der Talkshow "Illner Intensiv" ohne Angabe von Gründen abgesagt hatte, nachdem sie am Vorabend mit großer Geste aus einer Talkshow gerauscht war, um hernach via Facebook Moderatorin Marietta Slomka vorzuwerfen, "zutiefst unprofessionell" moderiert zu haben.

Nun ist Poggenburg, was die Affinität zum Rechtsradikalismus angeht, ein deutlich schlimmerer Finger - er hat gemeinsam mit Björn Höcke die sogenannte "Erfurter Resolution" verfasst und schon mal in einem Tweet nach dem Amoklauf von München die "Merkel-Einheitspartei" für "Terror" verantwortlich gemacht. Aber als er da so mopsig freundlich vor der Kamera saß, mochten ihm seine Kontrahenten den Rechtsradikalen offensichtlich nicht so recht abnehmen. Da ist Alice Weidel in ihrer hochfahrenden, arroganten Art doch die deutlich effektivere Vertreterin aller beleidigten Nationalkonservativen.

"Angst vor Armut und Krankheit - wer schützt uns im Alter?" fragte Maybrit Illner in der zweiten Runde ihrer Sendung "Illner intensiv", in der zum Wahlkampf jeweils drei Politiker für eine halbe Stunde zu einem Thema befragt und aufeinander losgelassen werden. Schön an dem Format ist, dass es eine sachorientierte Antwort auf die Generalabrechungs-Großrunden ist, die den TV-Wahlkampf dominieren. Nachteilig ist, dass mit drei Politikern (von denen immer zwei von SPD und CDU sind), die kleinen Parteien tendenziell auf der Strecke bleiben. Am Donnerstagabend zum Beispiel kamen Grüne und Linke nicht zu Wort.

Das Altersthema ist nun keines, das als Steilvorlage für AfD-Polemik taugt. Jedenfalls fiel Poggenburg irgendwie nicht ein, wie man einen Zusammenhang zwischen Genderwahn, Multikulturalismus, Überfremdung und Altersarmut herstellen könnte. Einzig, dass Flüchtlinge überwiegend erst mal nicht als Beitragszahler für die Rentenkassen zur Verfügung standen, kam dem AfD-Mann in den Sinn - wofür Manuela Schwesig (SPD) ihn auch gleich abzuwatschen versuchte, mit mäßigem Erfolg.

Zurück zu "den Regeln"

Überhaupt - und das ist vielleicht die Erkenntnis aus dem neuen Debattenformat, mit dem das ZDF und Illner den Wahlkampf begleiten - ergeben sich aus fachpolitischen Diskussionen deutlich seltener Eklat-taugliche Situationen. Das mag auch daran liegen, dass Sozial- und Christdemokraten in der Sache so nah beieinander liegen, dass jeder größere Streit konstruiert und inszeniert wirkt. Schwesig versuchte mit der Behauptung zu punkten, die SPD sei die "einzige Partei mit einem schlüssigen Rentenkonzept". Aber ihr Gegenüber Karl-Josef Laumann, CDU-Minister für Arbeit, Soziales und Gesundheit in der schwarz-gelben NRW-Regierung, wirkte dann doch zu fachpolitisch sortiert und kenntnisreich, als dass diese Behauptung hätte greifen können.

Da ging es in der ersten Runde von "Illner intensiv" zum Thema " Flucht, Einwanderung, Integration - wer hat ein Konzept?" deutlich aufgeregter zu. Nein, das lag diesmal nicht an der AfD, die gar nicht eingeladen war. Es lag vor allem an der Art, wie der FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner zu diskutieren pflegt. Unterbrechen, ins Wort fallen, nicht an sich halten können und erregt dem Gegenüber seine angeblichen Fehler vorhalten, während dieses noch redet: Solche Grobheiten mögen Sinn machen, wenn es um handfeste Gegensätze geht oder die Mitdiskutanten Unverschämtheiten auftischen.

In Sachen Integration und Flüchtlingspolitik gibt es die aber zwischen SPD, CDU und FDP nicht wirklich - auch Lindner gestand gleich zu Beginn der Runde zu, dass Merkel mit der Grenzöffnung im Sommer 2015 einfach auf eine unhaltbare Situation reagiert habe, dass man danach aber zügig "zu den Regeln" hätte zurückkehren müssen.

Als Aydan Özoguz zu erklären versuchte, warum es angesichts der Zustände in Italien und Griechenlang damals schwer möglich gewesen sei, bellte Lindner die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung permanent von der Seite an. So ging es die ganze halbe Stunde, der Eifer des FDP-Spitzenmannes wirkte präpotent und hochfahrend.

Das immerhin könnten die sogenannten etablierten Parteien doch entspannt der AfD überlassen: die Rolle des keifenden Unsympathen.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version hatten wir fälschlicherweise geschrieben, dass André Poggenburg AfD-Landesvorsitzender von Sachsen sei. Außerdem war Björn Höcke ein falscher Vorname zugeordnet.



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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
moritz27 08.09.2017
1. Christian Lindner,
hat, wenn man in der Lage war in Ruhe zuzuhören, die gute Frau Özuguz geradezu vorgeführt. Die kennt die europäischen Regeln zu ihrem ureigensten Themenberich gar nicht.
n.a.i.s 08.09.2017
2. Naja Hr. Twickel
Ihre Wertung von Lindners Diskussionsstil ist wohl eher Ihrer grundsätzlichen Abneigung der FDP gegenüber geschuldet. Ich habe die Sendung auch gesehen, so wars einfach nicht.
mostly_harmless 08.09.2017
3.
Am interessantesten fand ich, dass Slomka Poggenburg mit seinen vom Wahlprogramm der AfD massivst abweichenden Positionen zur Rente davonkommen liess. Beschlusslage der AfD ist das Wahlprogramm. Die Positionen Poggenburgs zur Rente sind privat und somit irrelevant. In dem Wahlprogramm der AfD steht, dass die AfD die Rente nur bei 45 (!) Jahre Arbeitszeit ungekürzt auszahlen will. Was schlicht und ergreifend eine riesige Rentenkürzung für fast alle Arbeitnehmer bedeutet.
sarandanon 08.09.2017
4.
Lindner fällt eigentlich immer unangenehm auf. Das ist halt seine narzistische Art.
citizen01 08.09.2017
5. Die Beschreibung der Diskussionsteilnehmer läßt
einfach die notwendige journalistische Minimaldistanz für Berichterstattung oder auch ernstzunehmende Kommentierung vermissen. Damit ist der Inhalt schon erledigt.
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