Deniz Yücel bei "Maybrit Illner" "So lasse ich nicht mit mir umgehen. So billig ist mein Leben nicht"

Maybrit Illner ließ über "Erdogans Willkür" diskutieren, Hauptgast der Sendung war Deniz Yücel. Der Journalist sprach darüber, wie er die Haft in der Türkei überstanden hat - und erhob Vorwürfe gegen deutsche Unternehmen.

Deniz Yücel bei Maybrit Illner
Jule Roehr/ZDF

Deniz Yücel bei Maybrit Illner

Von Klaus Raab


Deniz Yücel braucht einen Moment, bevor er Maybrit Illners erste Frage beantworten kann. Er tritt in der Talkshow zum ersten Mal ausführlich im deutschen Fernsehen auf, nachdem er Mitte Februar nach mehr als einjähriger Isolationshaft in der Türkei freigelassen worden war - sieht man von einem kürzeren Beitrag in der ARD ab. Und er muss erst einmal schlucken, nachdem er die Bilder von Solidaritätsveranstaltungen gesehen hat, die für ihn stattfanden. Diese Unterstützung, sagt er, sei eine "ganz große Hilfe dabei" gewesen, "diese Zeit zu überstehen".

"Erdogans Willkür - wie erpressbar ist Europa?" - Darüber spricht Illner im Anschluss an das Einzelinterview mit Yücel mit ihren anderen Gästen: mit Claudia Roth von den Grünen, der "Zeit"-Journalistin Özlem Topcu und Norbert Röttgen (CDU), dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. Diese Diskussion dient aber vor allem dazu, das "aus Sicherheitsgründen" vorab aufgezeichnete Interview mit dem deutsch-türkischen "Welt"-Korrespondenten in den größeren Rahmen eines Talks einzufügen.

Der Hauptgast der Sendung heißt: Deniz Yücel.

Er nutzt die Gelegenheit, um auch deutlich zu sagen, wessen Unterstützung er vermisst habe: "Ich hätte mir zum Beispiel eine Anzeige oder eine Wortmeldung gewünscht von führenden Vertretern der deutschen Wirtschaft, die in der Türkei ja auch sehr stark engagiert sind", sagt er. "Es ist nicht so, dass es da nicht auch Versuche gegeben hätte, diese Damen und Herren auch zu einem Statement zu bewegen."

Er wisse, dass Unternehmen keine NGOs seien, sagt Yücel, und doch hätten sie "auch eine gesellschaftliche Verantwortung". Druck von ihrer Seite sei die Sprache, die das Regime von Recep Tayyip Erdogan verstehe: "Das sind zwar Islamisten und Nationalisten und so, aber das sind sie alles hobbymäßig. Hauptberuflich sind sie Gangster."

Er lasse so nicht mit sich umgehen, sagt Yücel an anderer Stelle. "So billig ist mein Leben nicht, so billig ist das Leben meiner Frau nicht, die das ganze Jahr an meiner Seite gestanden hat."

Claudia Roth greift Yücels Kritik später auf. Man könne den Verdacht haben, die deutschen Firmen seien froh über den türkischen Ausnahmezustand - es gebe deshalb kein Streikrecht. Das sei freilich "böse", sagt sie selbst. Um was es ihr geht: dass man sich nicht hinter Akten und Bilanzen wegducken dürfe. Sie findet, dass die Unternehmen "Farbe bekennen, Gesicht zeigen" müssten.

Auch als es um den sogenannten Flüchtlingsdeal zwischen der Türkei und der EU geht, verlangt Roth klare Linien: Man sehe hier, dass die EU nicht willens zu einer humanitären Flüchtlingspolitik sei. Die Türkei habe mehr Menschen aufgenommen als irgendein anderes Land. Die europäischen Länder machen sich hier laut Roth einen schlanken Fuß, sie spricht von einem "Wettlauf der Schäbigkeit".

Auch Özlem Topcu sagt, die Türkei sei in der Umsetzung dieses Flüchtlingsabkommens ein verlässlicher Partner. Es gibt also Grautöne. Aber es ist keine kontroverse Diskussion.

Kein Erdogan-Verteidiger sitzt am Tisch. Niemand grätscht dazwischen, um Relativierungen anzubringen, die eh nicht ernst zu nehmen wären. Die Prämissen sind klar: Die Türkei verabschiedet sich von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Deniz Yücel hatte gar gesagt, die Türkei sei "nicht einmal ein Gesetzesstaat" - was Özlem Topcu bestätigt: Yücel hätte selbst nach türkischem Recht nicht festgenommen werden dürfen, sagt sie. Dass soeben 15 Mitarbeiter der Zeitung "Cumhuriyet" zu teils langen Haftstrafen verurteilt wurden, spricht ebenfalls Bände.

Von links: Roth, Illner, Röttgen, Topcu
Jule Roehr/ZDF

Von links: Roth, Illner, Röttgen, Topcu

Welche Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit der Türkei aber gibt es dann?

  • Rüstungsexporte einstellen? Zwischen dem 20. Januar, als die türkische Offensive gegen kurdische Milizen im nordsyrischen Afrin begann, und März genehmigte Deutschland, so heißt es bei "Maybrit Illner", Exporte im Wert von 4,4 Millionen Euro - mehr als im Vorjahreszeitraum. Waffenlieferungen während dieser "völkerrechtswidrigen Invasion" seien unvertretbar, sagt Röttgen. Ansonsten aber sei die Türkei Nato-Partner, da müsse man auch Rüstungsgüter exportieren. Özlem Topcu pflichtet bei, langfristig könne man das nicht aussetzen, auch damit sich die Türkei nicht Russland zuwende. Roth dagegen sagt: "Es gibt keinen Blankoscheck für Nato-Mitglieder. Gibt es nicht."
  • Die Türkei aus der Nato werfen? Das sei "supereinfach" (Roth). Und würde nichts besser machen, weil sich das Land dann Russland und Iran zuwenden könnte (Röttgen).
  • Hermes-Bürgschaften einstellen? Warum würden "die Daumenschrauben nicht angezogen", fragt Illner. "Wir tun das ja", sagt Röttgen. Aber doch nicht in einem schmerzhaften Umgang, erwidert Roth.
  • EU-Beitrittsgespräche beenden? Sie halte das für grundfalsch, sagt Roth. Man müsse gerade die demokratischen Kräfte in der Türkei unterstützen.
  • Wahlkampfauftritte der Erdogan-Regierung in Deutschland vor der nächsten Wahl im Juni verhindern? Nein, stoisch aushalten, sagt Topcu. Eine Störung des friedlichen Zusammenlebens in Deutschland wie vor dem türkischen Referendum 2017 sei nicht im deutschen Interesse, widerspricht Röttgen. Dafür bekommt er Applaus.

Spätestens im Wahlkampf darf mit einer Wiederauflage des Themas gerechnet werden. Zu befürchten ist, dass die Prämissen dann noch dieselben sind.

insgesamt 73 Beiträge
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nebutzermane 27.04.2018
1. Frechheit.
Wie immer. Es sollen sich gefälligst die "Unternehmen" drum kümmern, damit die Politik in Ruhe weiterdämmern kann.
Lankoron 27.04.2018
2. Waffenexporte für 2 Mio Dollar
monatlich...was haben die gekauft, ein bisschen Munition? Dafür so einen Aufriss? Und EU- Beitrittsgespräche nicht ausetzen wegen der Unterstützung demokratischer Kräfte? Wo sind denn welche auch nur annähernd in Sicht? Wo sind die Hilfen für Griechenland und Italien für die Flüchtlingskrise? Wann wird das Dublin-Übereinkommen, das seit Jahren gescheitert ist, endlich überarbeitet? Und wer kontrolliert, das EU-Flüchtlingsgelder tatsächlich für Flüchtlinge ausgegeben werden, nicht nur in der Türkei, sondern auch im Libanon, in Nordafrika und sonstwo....
m.breitkopf 27.04.2018
3. Schwach
Die Sendung von Illner ist wie der Spiegel. Es gibt kaum noch echte Kontroversen. Einer dient als Feigenblatt. Beim Spiegel ist das Herr Fleischhauer. Bei Illner war es diesmal, nun ja, Röttgen! Ist man inzwischen so schwach geworden, dass man keine konträr anderen Meinungen mehr dulden kann. Da ist kein Selbstbewußtsein.
plainchampagne 27.04.2018
4. Häh!?
Warum sollten sich deutsche Unternehmen für die Freilassung eines durchaus umstrittenen Journalisten einsetzen? Das ist doch wirklich Aufgabe unserer zahlreichen, gut bezahlten Politiker und Behörden.
dekorte 27.04.2018
5. Deutsche Unternehmen
Das ist doch nichts neues, dass sich deutsche Unternehmen in repressiven Staaten pudelwohl fühlen. Das ist sozusagen ihr Kerngeschäft. Diese Traumbedingungen (z.B. kein Streikrecht) hätten sie auch gerne in DE. Sie ziehen ja auch beim Lobbyismus alle Register. Wer sich so gegen den Mindestlohn stellt oder Menschen für 3€ die Stunde Schweine schlachten lässt, der würde auch einen Schritt weiter gehen. Traumbedingungen gab es für deutsche Unternehmen vor 80 Jahren. Aber immerhin gibts ja die EU als Absatzmarkt.
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