Kultur

Illner-Talk zu Jamaika

So wird das nichts mit dem Sondieren

Kein Weg führt nach Jamaika: Bei Maybrit Illner setzten die Spitzenleute der CSU, der Grünen und der FDP den Wahlkampf fort.

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Freitag, 06.10.2017   10:22 Uhr

Vielleicht hätte man doch lieber kurzfristig das Sturmtief "Xavier" zum Diskussionsthema machen sollen? Oder die Verwerfungen rund um das Autonomie-Referendum in Katalonien? Talkshows sind jedenfalls keineswegs das geeignete Format, um komplizierte Koalitionsgespräche zu sondieren. Es war die sechste Talkshow seit der Wahl, die den Wahlausgang zum Thema hatte und die dritte, die "Jamaika" im Titel trug. "Es wäre ganz schön, wenn wir mal anfangen könnten mit Reden!" rief Katrin Göring-Eckardt gegen Ende der Sendung aus.

Ein Stoßseufzer mit Fug und Recht.

ARD und ZDF sollten sich ein Jamaika-Moratorium auferlegen - schon allein aus Verantwortung für Christian Lindner. Wie sonst soll der FDP-Chef jemals aus dem Wahlkampfmodus herauskommen? "Wenn Sie aufhören, die Unwahrheit über die FDP zu sagen, höre ich auf, die Wahrheit über die Grünen zu erzählen", erklärte Lindner und ließ auch ansonsten keine Gelegenheit aus, sich als den idealen Kanzlerkandidaten zu präsentieren. Das war zwar bisweilen witzig, aber auf die Frage "Klappt das mit Jamaika?", die Maybrit Illner am Donnerstagabend stellte, erhält man so keine Antworten.

Interessant war Lindners geografische Einordnung des Wahlausgangs: Man habe im politischen Spektrum die "Mitte freigelassen" und "deshalb hat sich am rechten Rand eine neue Partei gebildet". Logisch, oder? Journalist Bernd Ulrich lieferte eine andere originelle Interpretation des Wahlergebnisses: Es habe gar nicht an den Flüchtlingen gelegen, dass die AfD so gut abschnitt, "sondern am September". Die Wähler seien "unglaublich verunsichert gewesen", so der Politikchef der "Zeit", "und sie erleben einen Wahlkampf, der nicht im vernünftigen Verhältnis zu den Ängsten der Leute steht." Am Ende habe das der AfD genützt.

Immerhin mag das erklären, warum die CSU nun - quasi nachholend - über nichts anderes mehr sprechen mag als über die Einwanderungsobergrenze. Auch Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe in der Unionsfraktion, mochte nicht an Übertreibungen sparen: Menschen seien "an die Grenzen ihrer Belastung" gekommen, erklärte er mit Blick auf die Flüchtlingspolitik - was in der Tat eine witzige Übertreibung ist, schließlich erzielt die AfD ja gerade in den Wahlkreisen Spitzenergebnisse, in denen muslimische Flüchtlinge, die für die angebliche "Islamisierung" und "Überfremdung" des Landes stehen sollen, kaum zu finden sind.

Egal. Man habe in Deutschland eben viele Menschen, "die sich in den politischen Debatten nicht wiedergefunden haben", so Dobrindt, und aus diesem "Aussperren entsteht Protest". Katrin Göring-Eckardt bemühte das Beispiel Niedersachsen, um die Rechtsruck-Argumente der CSU zu entkräften: Dort habe sich die CDU entschieden, in die Mitte zu gehen - und die AfD habe mit 8 Prozent eher schlecht abgeschnitten.

Erste Bürgerpflicht: Vorerst keine Jamaika-Talks

Einmal mehr war der Schlagabtausch um das Thema Zuwanderung sehr unerquicklich. Dobrindt und Lindner waren sich schrecklich einig darin, dass wirtschaftliche Gründe "kein Fluchtgrund" sind. "Es gibt kein Recht darauf, dass man ein besseres Leben in Deutschland führen kann", erklärte Dobrindt, und Lindner bestand darauf, man müsse eine "Wahrheit" aussprechen: "Es gibt Menschen, die sind qualifiziert, und es gibt welche, die bedroht sind", so der FDP-Mann. "Aber es gibt auch welche, die nicht bedroht oder qualifiziert sind."

Soll heißen: Wenn du unbedroht, aber qualifiziert bist, ist man in Deutschland bereit, von dem Grundsatz abzusehen, dass wirtschaftliche Gründe keine Fluchtgründe sind.

Grundsätzlich gilt - einmal mehr der Formulierungsgigant Christian Lindner: "Rechtspopulisten macht man klein mit Problemlösungen". Ob das auf dem Weg zur Jamaikakoalition hilft? Bekanntlich sind Probleme nur dornige Chancen - und die lauern in den anstehenden Koalitionsgesprächen keineswegs nur an der Obergrenze. In Klimaschutzfragen müssen sich Grüne und FDP zusammenraufen - hier machte Lindner im Illner-Talk einen kernigen Anfang. Es sei "abwegig", was die Grünen über die Liberalen erzählten: "Wir sind nicht Partei der Kohle", so Lindner, "wir haben sie abgeschafft!"

Das Fazit: So wird das nichts mit der Schwampel. Aus Sorge um Deutschland sollte in den Talkshow-Redaktionen nun erste Bürgerpflicht sein, das Jamaika-Thema auszusparen. Schließlich braucht das Land eine Regierung, oder etwa nicht? Und wegen der Talkshow-Dichte finden CDU, Grüne und FDP schon seit anderthalb Wochen keine Termine für Sondierungsgespräche. Vielleicht ist das nur eine Meldung des "Postillon". Vielleicht ist aber auch was dran.

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