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Talk bei Maybrit Illner: "Nennen wir die Flüchtlinge doch Vertriebene"

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Illner-Talk: Zum Glück kein Pro-Kontra-Proporz Fotos
ZDF

In Maybrit Illners Runde gab es klare Worte zum neuen Terrorismus von rechts ebenso wie zur Einwanderungspolitik. Ein CSU-Minister sorgte daraufhin für einige entlarvende Momente.

Polizeibeamte, die eines gewalttätigen Pöbels nicht Herr werden können oder vielleicht auch gar nicht wollen. Politiker einer sich christlich und sozial nennenden Partei, deren Parolen von jenen der NPD kaum zu unterscheiden sind. Einheimische, die dümmlich-aggressiv in Mikrofone brabbeln: Nein, es ist am Ende dieses unschönen deutschen Sommers nicht schwer, eine Talkshow zur Flüchtlingspolitik mit wirklich trostlosen Einspielern zu illustrieren, so wie Maybrit Illner, zurück aus der Pause, das tat. Immerhin erzählten die Bilder nur die halbe Wahrheit.

Den anderen Teil der Wahrheit steuerten Gäste bei, deren Auswahl glücklicherweise nicht nach Pro-Kontra-Proporz erfolgt war. Denn ernsthaft lässt sich ja kaum noch darüber streiten, was falsch gelaufen und zur Schande geworden ist in Form eines immer weniger verhüllten rassistischen Hasses.

So wurde es ein Abend, an dem nicht nur klare Worte gesprochen, sondern auch konstruktive Taten thematisiert und Perspektiven zivilgesellschaftlichen Handelns aufgezeigt wurden. Und da auch jemand von der besagten CSU zugegen war, gab es noch einige Momente, die sich auf ganz spezielle Weise als erhellend, um nicht zu sagen entlarvend, erwiesen.

"Vielen fehlt einfach die humanitäre Haltung"

Doch zunächst das Positive, personifiziert vor allem durch Ines Kummer, Grünen-Stadträtin in Freital nahe Heidenau, die einen Jungen aus Ghana aufgenommen hat, sowie durch den CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt, der sich um zwei Flüchtlinge aus Eritrea kümmert. Der sprach von einem "riesigen gesellschaftlichen Problem, das Politik und Zivilgesellschaft nur gemeinsam lösen können", mehr Entwicklungshilfe inklusive, und damit war, wenn auch ein wenig formelhaft, eigentlich alles gesagt.

Ein kleiner, eher stiller Satz von Frau Kummer brachte es so auf den Punkt: "Vielen fehlt einfach die humanitäre Haltung." Damit waren insbesondere die bis dato vermeintlich netten Nachbarn gemeint, deren Gesinnung sich erst im Feuerschein brennender Flüchtlingsunterkünfte offenbarte.

Was Gesinnung und Stimmung betrifft, so war es vor allem Sascha Lobo, Blogger und SPIEGEL ONLINE-Kolumnist, der die Dimensionen der drohenden gesellschaftlichen Fehlentwicklung vehement benannte und vor dem Entstehen eines neuen "völkischen Terrorismus" und "NSU 2.0" warnte, im Netz wie auf der Straße, befördert zudem von einer politischen Rhetorik, durch die er sich oft noch bestätigt fühle.

Letzteres musste Bayerns Innenminister Joachim Herrmann natürlich prompt zurückweisen, auch wenn es bezüglich der Einordnung der Gewalt Konsens gab. Doch dem markigen Wort von deren "Unerträglichkeit" ließ er dann gleich wieder den Ruf nach der "Kurskorrektur" folgen, und zwar die "Völkerwanderung" betreffend.

"Wer ein Asylbewerberheim ansteckt, ist ein Terrorist"

Zum bislang oft zögerlichen Agieren des Rechtsstaats hatte Kripo-Gewerkschafter André Schulz anzumerken, dass es fast allenthalben Personalabbau bei der Polizei gegeben habe und überdies die geltende Terrorismus-Definition zu eng greife. Dabei sei klar: "Wer ein Asylbewerberheim ansteckt, ist ein Terrorist."

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und Lobo waren es, die immer wieder den Blick darauf lenkten, was politisch zu tun ist, nämlich per Gesetz für legale Einwanderungsmöglichkeiten zu sorgen. Deutschland brauche pro Jahr um die 500.000 Zuwanderer, rechnete Lobo vor. Was der Bayern-Minister davon hielt, war allein schon an seinem Mienenspiel abzulesen. Und richtig interessant wurde es, nachdem die Grüne gemahnt hatte: "Machen Sie keine Stimmung, indem Sie von Asylmissbrauch reden." Da sollte Herr Herrmann nämlich erklären, worin eigentlich der Missbrauch bestehe, wenn Menschen von einem Grundrecht Gebrauch machten - egal, ob ihr Antrag später abgelehnt werde oder nicht.

Die Antwort blieb er schuldig, was allerdings wenig überraschte.

Dafür wusste er mit einer anderen Replik umso mehr aufhorchen zu lassen. Als Lobo vorschlug: "Nennen wir die Flüchtlinge doch Vertriebene", kam vom Christsozialen umgehend der Einwand, dies sei "eine Beleidigung", wenn man sich nur ansehe, wer da vom Balkan alles herkommen wolle.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Grober Schnitzer
Eduschu 28.08.2015
Niemand macht von einem Grundrecht Gebrauch, der Asyl begehrt, ohne politisch verfolgt zu sein. Deshalb erhält dieser Jemand auch kein Asyl. So weit klar? Hoffe, geholfen haben zu können.
2. Mit anderen Worten...
Tyler85 28.08.2015
Mit anderen Worten, es ging mal wieder nicht um die wirklich wichtigen Fragen wie z.B. nach den Ursachen der Flüchtlingsströme, sondern um einzelne Symptome wie Fremdenablehnung im Osten, die unweigerlich in so einer Situation auftreten. Das politisch-mediale Establishment wirft weiter fleissig Blendgranaten.
3. Ausnahmsweise
suedbaden6 28.08.2015
hat der Herrmann mit dem Schlusssatz dieses Artikels wohl recht gehabt. Im übrigen spürt man hinter der Schlagworthuberei von Lobo und Göhring-E. kein Lösungsbestreben, sondern die Erregung und den politischen Willen - wie bei den ganzen Sprücheklopfern in der Debatte, die Argumente durch emotionsgetränkte Schlagwörter als Schlagwaffen ersetzen. Das stößt ab. Man kann die Realität ignorieren. MAn kann aber nicht die Kosequenzen der ignorierten Realität ignorieren.
4. Die Politik macht sich schuldig
kevin_alsbeck 28.08.2015
Ich will eigentlich den Tod der 50 Menschen, die elendig in einem LKW in Österreich verreckt sind kommentieren, der mich wütend und fassungslos macht. Letztlich ist die ungleiche Behandlung der Flüchtlinge innerhalb der EU doch für diesen Massentod verantwortlich. Und was sind das für unfähige Politiker, die es nicht hinkriegen, gleiche Bedingungen für Flüchtlinge in allen EU-Ländern zu schaffen. Denn wenn diese ungleichen Bedingungen innerhalb der EU wegfallen würden, würde kein Flüchtling unbedingt nach Deutschland oder Skandinavien wollen und müsste nicht auch noch innerhalb der EU skrupellose Schlepper bezahlen. Wenn es um den Euro geht, können auch die pleitebedrohtesten Länder integriert werden, dafür ist Geld bis zum abwinken da. Aber wenn es darum geht, gleichwertige Versorgung für Flüchtlinge innerhalb der EU zu schaffen, da versagt die Polit-Elite auf ganzer Linie. Was machen schon 50 tote Menschen aus gegen eine möglicherweise bankrotte Bank, die mit Milliarden gerettet wird...? Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich finde die jetzige Regierung schäbig, und schäme mich dafür!
5. Ich finde, das haben Sie schön zusammengefasst, Herr Zschaler.
tsitsinotis 28.08.2015
Mir kam der Gedanke während der Sendung, warum wir eigentlich die vielen staatlichen Dienste haben, die von nichts ahnten. - Als einfacher Zeitungsleser oder Online-Nutzer war einem doch schon lange klar, daß angesichts der vielen Kriege baldigst die Flüchtlinge kommen werden, oder? - Aber bei allem Beschämenden hat die Sache auch etwas "Gutes": Endlich lernt man seine Nachbarn richtig kennen...
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