Talk bei Illner: Und ewig grüßt der Krisengipfel

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Warum werden die Banken mit milliardenschweren Hilfspaketen gerettet und die Rechnung zahlen Staat und Bürger? Bei Maybrit Illners Talk ging es zu wie bei einem Euro-Gipfel. Tradierte Streitmuster haben ausgedient, die Experten sind ratlos - und wissen: Bis zum nächsten Gipfel wird es nicht lange dauern.

Moderatorin Illner mit Michael Kemmer vom Bankenverband: Die Experten wissen es auch nicht besser Zur Großansicht
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Moderatorin Illner mit Michael Kemmer vom Bankenverband: Die Experten wissen es auch nicht besser

Gewiss hat sich so mancher deutsche Kleinsparer und ganz normale Nachrichtenkonsument schon einmal gefragt, wie es eigentlich bei einem Euro-Gipfel zugeht. Womöglich ist die Antwort einfacher, als viele ahnen. Es könnte nämlich sein, dass es zwecks Mehrung einschlägiger Einsichten ausreicht, sich einfach eine der Talkshows anzuschauen, die es im mittlerweile fünften Krisenjahr nach jeder neuen Rettungstat gibt und zwischendurch oft genug auch noch. Beispielsweise die von Maybrit Illner.

Vielleicht handelt es sich bei solch einer Runde im Prinzip um nichts anderes als einen im Kleinformat nachgespielten Krisengipfel.

Man sitzt beisammen, tauscht teils gegensätzliche, teils ähnliche Ansichten aus und ist sich hier und da sogar einig. Dann geht man wieder auseinander und weiß genau, dass es nicht lange dauern wird bis zum nächsten Mal. Und das Publikum muss sich nicht einmal dafür schämen, dass es vermeintlich zu ignorant ist, um all das zu begreifen. Denn zumindest eine Erkenntnis ist ihm durchaus glaubhaft vermittelt worden: Die Experten wissen es auch nicht besser und sind genauso ratlos. Sie drücken das nur ein bisschen anders aus.

Das politische Spektrum ist auch in der jüngsten Sendung wieder angemessen überraschungsfrei abgedeckt und reicht von der Linken Sahra Wagenknecht über Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments und außerdem in der SPD ist, über BDI-Chef Hans-Peter Keitel bis hin zu Michael Kemmer vom Bankenverband. Und selbstverständlich darf auch der tapfere CDU-Mann Wolfgang Bosbach nicht fehlen, der von Frau Illner als Euro-Rebell vorgestellt wird, das aber so nicht auf sich sitzenlassen will.

"Schlimmes tun, um Schlimmeres zu verhindern"

Bekanntlich ist Bosbach ein erklärter Gegner des angeblich alternativlosen Kurses seiner Kanzlerin, und zwar aus grundsätzlichen Erwägungen. Er will nicht, dass aus der Währungsunion eine Haftungsunion wird und verweist auf seine Verantwortung als Parlamentarier angesichts der jüngsten Brüsseler Beschlüsse, die teilweise dem widersprächen, was Deutschland jahrelang erklärt habe. Bei all dem ist er bemüht, gegenüber Frau Merkel nicht illoyal zu erscheinen - und wirkt damit wie die leibhaftige Verkörperung des ganzen Dilemmas, indem nicht nur er steckt.

Im Grunde geht es dem Sozi Schulz ja nicht wesentlich besser. Kraft seines Parteibuchs müsste er eigentlich ein Kritiker der Kanzlerin sein, zumindest in den Augen eines durchschnittlichen Wahlbürgers, der immer gedacht hat, die Opposition habe eine Alternative zur amtlichen Regierungspolitik zu bieten. Aber seit Ausbruch der Krise scheint diese Konstellation der Vergangenheit anzugehören. In puncto Euro-Rettung präsentiert sich die SPD als mindestens ebenso zuverlässige Kanzlerinnen-Partei wie die Christenunion. Und jemand wie Schulz, dem das europäische Große und Ganze schon aufgrund seines Amtes besonders am Herzen liegt, vermag somit den neuesten Beschlüssen ohne weiteres etwas Positives abgewinnen, auch wenn er es nicht eben euphorisch formuliert: "Wir mussten Schlimmes tun, um Schlimmeres zu verhindern."

Wenn Bosbach und Wagenknecht einig sind

Keitel spricht mit Blick auf die beschlossenen direkten Hilfen für die Banken von einer "Verteidigungslinie, die aufgegeben wurde", und orakelt, es würden immer neue rote Linien gezogen, die dann aber nicht hielten. Auch sein Fazit klingt nicht eben optimistisch: "Es gibt keine richtige Lösung."

Dass das Thema längst viel zu komplex geworden ist, um noch in irgendeines der tradierten Streitmuster zu passen, wird spätestens deutlich, als Frau Wagenknecht in mittlerweile oft erprobter Manier zu ihrer Philippika gegen das Bankenwesen ansetzt und diesen "ganzen verqueren Kreislauf" anprangert, in dem sich die Profiteure und Spekulanten auf Kosten der Steuerzahler schadlos hielten.

Interessanterweise will niemand in der Runde die Eingangsfrage bejahen, ob denn nun Frau Merkel in Brüssel über den Tisch gezogen wurde, selbst die Linke nicht, wenn auch bei ihr einige Süffisanz anklingt, als sie behauptet, all das folge doch ohnehin jener gewissen falschen Logik, nach der stets die Banken gerettet, nicht aber den Menschen geholfen werde.

Bosbach nickt ein paar Mal zustimmend, Keitel widerspricht nicht, und als die "Kommunistin", wie Illner sie vorgestellt hat, dann auch noch auf den aktuellen Brandbrief der Ökonomen um Ifo-Chef Hans-Werner Sinn zu sprechen kommt und diesen bescheinigt, sie seien "wenigstens echte Liberale", die auch schon mal eine Bank pleitegehen lassen würden, kann sich vor allem Herr Kemmer nur wundern. Aber das ist noch längst nicht alles, was er sich stellvertretend für seine Branche anhören muss.

Bosbach äußert erhebliche Zweifel, dass jetzt nach all der fatalen Zockerei endlich Vernunft im Finanzsektor eingekehrt sei, und warnt, Investmentbanken dürften nicht zu groß werden. Da nickt Frau Wagenknecht. Und selbst der sonst eher bedächtige BDI-Präsident benutzt das Wort vom "Erpressungspotential" der Banken, das nach wie vor entschieden zu groß sei, zu dessen Verringerung allerdings auch die Staaten durch Sparen beitragen müssten.

Wo kann man mehr sparen - beim Taxi oder beim Bus?

Was dies nun betrifft, so steuert Bosbach das Bonmot des Abends bei, indem er wieder einmal prinzipiell wird. In Wahrheit sparten die Staaten ja gar nicht, sagt er, sondern die Situation sei in etwa folgende: Jemand laufe dem Bus hinterher und behaupte dann, er habe dadurch zwei Euro gespart, woraufhin ihm jemand anderes erkläre, er könne sogar zwanzig Euro sparen, wenn er einem Taxi nachrenne. So gibt es dann wenigstens ein bisschen was zu lachen.

Und zu einer kleinen menschlichen Szene kommt es auch. "Ich finde Herrn Bosbach toll", entfährt es einmal spontan Herrn Schulz, Dissens hin oder her. Gern würde er einmal öffentlich mit ihm diskutieren, zwecks Vertrauensbildung. Solch ein schwarz-roter Zweiergipfel muss nicht allzu utopisch bleiben, sondern kommt nach Lage der Dinge sogar als Dauerlösung in Betracht - wenn nicht in Brüssel, dann in Berlin.

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insgesamt 92 Beiträge
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1. Staats- UND Privatschulden ...
santaponsa 06.07.2012
... in EURO-Billionenhöhe, europaweit aufgehäuft in langen Jahren, können nur eins: ALTERNATIVLOS RATLOS machen!
2. Ich bitte Sie...
dregflow 06.07.2012
wer schaut denn heute noch solche Illner-Inszenierungen an. Das ist genauso blöd wie Bildzeitung lesen.
3. Die in der Sendung...
fatherted98 06.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesWarum werden die Banken mit milliardenschweren Hilfspaketen gerettet und die Rechnung zahlen Staat und Bürger? Bei Maybrit Illners Talk ging es zu wie bei einem Euro-Gipfel. Tradierte Streitmuster haben ausgedient, die Experten sind ratlos - und wissen: Bis zum nächsten Gipfel wird es nicht lange dauern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,842892,00.html
....anwesenden Polit-Labberer als Experten zu bezeichnen halte für eine kühne Übertreibung.
4.
159159 06.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesWarum werden die Banken mit milliardenschweren Hilfspaketen gerettet und die Rechnung zahlen Staat und Bürger? Bei Maybrit Illners Talk ging es zu wie bei einem Euro-Gipfel. Tradierte Streitmuster haben ausgedient, die Experten sind ratlos - und wissen: Bis zum nächsten Gipfel wird es nicht lange dauern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,842892,00.html
Der Satz ist doch schon falsch. Die Rechnung zahlen ausschließlich die Bürger. Der Staat veruntreut hier das Geld der Bürger. Deshalb sollte man die auch abstimmen lassen. Runden dieser Art würden sich erübrigen. Da muss man sich das Gerde des Bankmenschen anhören. Dann kommt eine Finanzberaterin und redet Tacheles. Warum nicht sofort und der Bankmensch hätte zu Hause bleiben können.
5. Frau Illner ihre Bemühungen
liebergast 06.07.2012
versuchen eine Show interessant zu machen. Wie ein Thriller bei dem man bis zum Ende wartet ob etwas passiert. Leider platzen ihre Bemühungen, da ihre Gäste entweder nichts brauchbares oder Wunschvorstellumngen äußern wie die Welt sein kann. Umgesetzt wird in der Regel das Gegenteil. Daher höchstens als Barometer, wenn Sonne scheint, sollte man sich auf Regen einstellen.
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