Illner-Talk zum NSA-Abhörskandal Unruhe ist jetzt Bürgerpflicht

ZDF-Talkerin Maybrit Illner hält den transatlantischen Abhörskandal seit Wochen tapfer auf ihrer Agenda. Nun diskutierte eine illustre Runde über den größten anzunehmenden Lauschangriff - und präsentierte originelle Lösungen.

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Maybrit Illner: Talk mit respektabler journalistischer Hartnäckigkeit
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Maybrit Illner: Talk mit respektabler journalistischer Hartnäckigkeit


Es besteht weiterhin erhöhter Redebedarf zum transatlantischen Abhörskandal, diesem größten anzunehmenden Lauschangriff, der eine Art Fukushima des Digitalzeitalters darstellt. Doch nicht nur die Politik druckst herum, schweigt oder vernebelt - auch die Talkmaster von der ARD, die sonst gern den Anspruch politischer Bedeutung reklamieren, drücken sich auffällig vor jenem Thema, das angesichts seiner wahrhaft weltbewegenden Brisanz eigentlich ein Dauerbrenner sein müsste. Es ist ihnen aber offenbar zu komplex und zu anstrengend.

Abgesehen von einem pflichtschuldig absolvierten Termin bei Anne Will flüchtet man seit Wochen in zeitlose Beliebigkeiten. Aber es geht auch anders, wie Maybrit Illner beim ZDF zeigt. Sie war es, die die Affäre früh und als Erste auf ihrer Agenda hatte. Dass sie sich ihr jetzt mit respektabler journalistischer Hartnäckigkeit zum dritten Mal widmete, war gut und richtig. Und es gab sogar Lösungsvorschläge, von denen einer ziemlich originell, wenn auch nicht sehr realistisch klang.

Was jedenfalls zustande kam, war eine Sendung, die sich auf dem Level der aktuellen Nachrichtenlage bewegte, es nicht an klaren Worten mangeln ließ und vor allem eines deutlich machte: dass Unruhe jetzt erste Bürgerpflicht ist. Die hat mittlerweile im Zeichen des anschwellenden Unbehagens auch ihren Adressaten gefunden.

Angesichts des "millionenfachen Grundrechtsbruchs" habe nun endlich die Bundesregierung etwas zum Schutz ihrer Bürger zu tun, und zwar aller, forderte der Blogger und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Sascha Lobo. Er entrüstete sich darüber, dass die Kanzlerin nicht einmal die Geheimdienstberichte lese. Es gehe hier um eine Krise der Demokratie und nicht des Internets.

"Da hört die Freundschaft auf"

Letztere gibt es allerdings auch, wie Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer beim IT-Arbeitgeberverband Bitkom, sichtlich besorgt zu verstehen gab. Zumal seit bekannt ist, wie eng verquickt die großen amerikanischen Internetkonzerne mit dem Geheimdienst NSA sind und unter welchem Druck sie stehen. Die massenhafte Datenabschöpfung zerstöre das Vertrauen von Verbrauchern und Unternehmen weltweit.

Ähnlich wie Lobo, aber noch eine Spur prononcierter, legte sich Georg Mascolo ins Zeug. Gewiss sei es legitim, wenn zwecks Terrorismusbekämpfung gezielt abgehört werde und NSA und BND dabei zusammenarbeiten, sagte der frühere SPIEGEL-Chefredakteur. Doch das Abhören der gesamten Kommunikation laufe auf nichts anderes als die Abschaffung des grundgesetzlich verbrieften Telekommunikationsgeheimnisses hinaus - das Ende der Privatheit.

Die deutsche Regierung müsse blind sein, wenn sie behaupte, sie habe von all dem nichts gewusst, sagte Mascolo. Und überhaupt sei es die Frage, weshalb eigentlich Delegationen von Berlin nach Washington führen, um Aufklärung anzumahnen, und nicht umgekehrt welche aus den USA herbestellt würden. Ein Helmut Kohl hätte es in vergleichbarer Lage gewiss so gehalten.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann vermochte diese Frage erwartungsgemäß nicht zu beantworten und beließ es im Wesentlichen dabei, die USA-Reise seines Bundeskollegen und Parteifreundes Hans-Peter Friedrich als notwendige Aufklärungsmaßnahme im Zuge einer "kritischen Diskussion" zu begrüßen. Aber ganz ohne ein bisschen selektiven Alarmismus kommt im Wahljahr wohl auch die ohnehin flexible Seehofer-CSU nicht aus. Wenn selbst Regierungsstellen abgesaugt würden, "hört die Freundschaft auf", gab Hermann tapfer zu Protokoll.

"Für das Ziel der Freiheit"

Dass man mit dieser selbst in den früheren, vermeintlich harmonischeren deutsch-amerikanischen Zeiten in gewissen Kreisen nicht immer so rücksichtsvoll umging, dafür war in Gestalt von Bernd Schmidbauer ein leibhaftiger Kronzeuge zugegen. Der damalige Geheimdienstkoordinator unter Kanzler Kohl gefiel sich erkennbar in der Rolle des abgeklärten Ober-Schlapphuts a.D., den so leicht nichts mehr überraschen kann. Er habe in der Vergangenheit beobachten können, "mit welcher Kaltschnäuzigkeit hier miteinander umgegangen wird". Eigentlich sei die extensive US-Spionage nichts Neues, es gebe jetzt lediglich eine neue Technik. Und Kooperation sei nun mal wichtig, wobei sich der BND natürlich stets an die Gesetze halte.

Irgendwie wirkte Herr Schmidbauer in dieser Runde ein wenig wie aus der Zeit gefallen, um nicht zu sagen: exotisch. Das galt, wenn auch in anderem Sinne, ebenfalls für Jacob Appelbaum, den Chiffrier-Experten und Unterstützer von WikiLeaks, der kürzlich durch sein Interview mit Whistleblower Edward Snowden Aufsehen erregte - ein eher schüchtern wirkender junger Mann, der eigenem Bekunden zufolge "für das Ziel der Freiheit" kämpft, dafür persönliche Unannehmlichkeiten erträgt und sein Anliegen mit einem bisweilen anrührenden, fast naiven Idealismus verfocht - etwa, indem er sich treuherzig Asyl für Snowden in Deutschland wünschte.

Und während die Runde weitgehend Einigkeit darüber erzielte, dass die Europäer unbedingt darauf bestehen müssten, den Datenschutz in dem angestrebten Freihandelsabkommen mit den Amerikanern zu verankern, hatte Appelbaum noch seine eigene, spezielle Idee parat, wie man den Missständen beikommen könne: Merkel und Obama sollten sich öffentlich über die Spionage-Praktiken aussprechen - und zwar am besten in einer deutschen Talkshow wie jener von Frau Illner.

Übrigens: Zeitgleich mit Illners durchaus sehenswerten Sendung war bei der Konkurrenz nach längerer Pause mal wieder Soft-Talker Reinhold Beckmann aktiv, der demnächst bekanntlich aufhört. Serviert wurden Gedanken zur Entschleunigung des Lebens - das passende Sedativum für bekennende Politik-Abstinenzler in sehr bewegten Zeiten.

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insgesamt 319 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 12.07.2013
1.
Zitat von sysopZDFZDF-Talkerin Maybrit Illner hält den transatlantischen Abhörskandal seit Wochen tapfer auf ihrer Agenda. Nun diskutierte eine illustre Runde über den größten anzunehmenden Lauschangriff - und präsentierte originelle Lösungen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/maybrit-illner-talk-zum-abhoerskandal-um-die-nsa-a-910721.html
Unruhe - Bürgerpflicht?! Muuuaahhh, der Michl und die Revolution...., selten so gelacht....
orthos 12.07.2013
2. Persönliche Konsequenzen für mich:
Made in USA ist jetzt auf meiner Boykott-Liste!
rebell_am_ball 12.07.2013
3. Man könnte
die NSA auch in Daten ersäufen: Einfach alle E-Mails, Telefonate, SMS mal für ein paar Tage mit ein paar "Reizworten" versehen....
blauer-planet 12.07.2013
4. Tron
Unmut und Unruhe ist jetzt erster Top für unsere Freiheit. Die Demokratie leidet unter der Gleichgültigkeit. Wer nicht kämpft hat schon verloren!
hansepapa 12.07.2013
5. Sehenswert.
Und die erste Sendung dieser Art mit Niveau.
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