Krisentalk bei Illner: Die große Euro-Koalition

Von Mathias Zschaler

Der Krisenzustand Europas bietet genug Gesprächsstoff für Maybrit Illners Talkrunde. Wer aber eine kontroverse Debatte erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Grenze zwischen populistischen Gegnern und unbeirrten Befürwortern des Euro ist durchlässiger geworden.

Die Wahl in Italien hat die Euro-Krise mit neuer, kaum geahnter Brisanz aufgeladen und sie nach längerer Pause zurück auf die Talkshow-Tagesordnung befördert. Es gibt über das Thema in der Tat erneut viel zu reden. Das wurde bei Maybrit Illner nur allzu deutlich, und nicht allein dies. Die Debatte ist auch dabei, eine neue Qualität und Schärfe zu gewinnen - was für die alternativlose Kanzlerin nicht unbedingt beruhigend sein dürfte, aber auch nicht für gewohnheitsmäßige Euro-Verteidiger und blauäugige Gemütseuropäer und für die Bürger sowieso nicht.

Denn es wird mittlerweile durchaus über Alternativen nachgedacht und gesprochen, auch wenn das mancher nicht wahrhaben möchte. Rainer Brüderle beispielsweise, der sich schon gleich zu Beginn der Veranstaltung ein seltsames Alleinstellungsmerkmal verschaffte, indem er es falsch fand, das italienische Wahlergebnis überhaupt zu bewerten.

Das war natürlich auf Peer Steinbrück und dessen Clown-Zitat gemünzt, erwies sich allerdings schon deswegen als wenig angebracht, weil es ja genau darum ging, um diese Wahl und ihre Folgen. Ein leibhaftiger Außenminister, der Luxemburger Jean Asselborn, brachte dem FDP-Mann dann aber bei, dass man sich diesbezüglich auch noch weit weniger diplomatisch äußern kann. Der nannte Berlusconi nämlich "ein politisches Schreckgespenst", das nicht in die demokratische Kultur passe.

Da man nun ohnehin schon bei den härteren Vokabeln angelangt war, nutzte Oskar Lafontaine die Gelegenheit und bezeichnete Angela Merkel als "Kurtisane der Reichen Europas", die nur die Banken rette, ohne sich um die Menschen zu kümmern. Und als Asselborn später von notwendiger Rückgewinnung des Vertrauens der Finanzmärkte sprach, fuhr ihm Duzfreund Oskar in die Parade: "Willst du das Vertrauen von Banditen?"

Das Unbehagen wächst

Mit starken Tönen ähnlicher Preislage wurde nicht gespart. Doch wer nun gedacht hatte, es werde in dieser auf den ersten Blick recht heterogenen Runde, zu der außerdem Bernd Lucke, Gründer der Anti-Euro-Partei "Alternative für Deutschland", die italienische Journalistin Flaminia Bussotti sowie Börsenexperte Dirk Müller gehörten, besonders kontrovers zugehen, erlebte etwas Überraschendes: Die Grenze zwischen strikten, schnell unter Populismusverdacht stehenden Euro-Gegnern und unbeirrten -Befürwortern ist offenkundig durchlässiger geworden, der Glaube an die Gleichsetzung von Euro und Europa ziemlich ins Wanken geraten.

Derweil wächst das Unbehagen am Agieren der deutschen Politik, die Front der Ablehnung gegen die zunehmend desaströse Sparpolitik in den südlichen Ländern wird breiter. Und jene der Deutschen gegen den Euro auch, wie Umfragen belegen.

So ergab sich immer wieder eine Art ideeller Reigen von ähnlichen Ansichten und Positionen - ausgenommen selbstverständlich jener von FDP-Mann Brüderle. Der brachte wie eh und je den deutschen Steuerzahler ins Spiel, der nicht dauernd für die Fehler anderer Staaten geradestehen könne, und empfahl Reformen nach Hartz-IV-Vorbild für Italien. Dass dort mit den Verwaltungs- und Rechtsstrukturen sowie folglich der Planungssicherheit vieles im Argen liegt, bestritt übrigens niemand.

"Wir sind nicht die Profiteure der deutschen Steuerzahler", hielt dem deutschen Parteipolitiker die Italienerin Bussotti entgegen, die in dem Votum ihrer Landsleute eine generelle Absage an die bisherige Politik sah, die von Monti ebenso wie die von Merkel - eine Einschätzung, mit der sie nicht allein stand. Von einem Warnschuss sprach Diplomat Asselborn, der vielsagend dementierte, Berlin Arroganz vorwerfen zu wollen, das Fehlen sozialer Komponenten beim bisherigen Kurs beklagte und zugleich große Sorge um den Bestand der Demokratie äußerte.

Ein bisschen rührend, ein wenig menschlich

Wie begründet die ist, wusste Börsenmann Müller aufgrund jüngster Eindrücke aus Athen lebhaft und bedrückend zu illustrieren. Dort herrsche mittlerweile ein Zustand von Verelendung und Anarchie wie in der Dritten Welt. Das Wort vom "Kaputtsparen" und von Weimarer Verhältnissen in den südlichen, unter der Austeritätspolitik darbenden Länder war dann auch sogleich im Raum.

Mit seiner These, Sparpolitik ohne gleichzeitige Konjunkturprogramme sei "Wahnsinn" und der Euro sei ein Fehler und nur durch viel Geld für die Krisenländer zu retten, erntete Müller Zustimmung von Lafontaine, der seinerseits erklärte, das System könne so, wie es sei, einfach nicht funktionieren. Da pflichtete ihm, wie auch Müller, gern der Euro-Gegner Lucke bei. Die angeblich alternativlose Merkel-Politik stehe nicht auf der Seite der Menschen, sondern der Banken.

Fast ein wenig verzweifelt versuchte Asselborn, die Flagge des Euro als "Ausdruck eines vereinten Europas" und als "Friedensprojekt" hochzuhalten, was prompt den Einwand hervorrief, auch ohne Euro habe Europa doch friedlich gelebt. Für Freihandel und offene Grenzen brauche man ihn nicht. Und ganz im Gegensatz zur Ursprungsidee erweise sich die Währung mehr und mehr und tragischerweise als "Sprengsatz" (Lafontaine). Letztendlich werde nur der Ausweg des Schuldenschnitts bleiben.

Bei all dem ließ der Luxemburger Außenminister immer wieder erkennen, wie unbehaglich auch ihm beim Blick auf das aktuelle Szenario und die weitere, nicht absehbare Entwicklung ist. Nur mochte er sich unter Hinweis auf eigene fehlende Fachkompetenz nicht allzu tief ins Technokratische begeben, sondern drückte es - beinahe ein bisschen rührend - mit Hilfe eines eher menschlichen Appells aus. Die Politik dürfe jetzt "kein kaltes Herz zeigen".

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insgesamt 349 Beiträge
hahewo 08.03.2013
Lafontaine als Profipolitiker wußte worüber er redete. Das konnte man von den beiden anderen Politprofis nicht sagen.Ein Nachdenken über irgendeine Politikänderung wird das bei den Betonköpfen der Regierung in Berlin ohnehin [...]
Lafontaine als Profipolitiker wußte worüber er redete. Das konnte man von den beiden anderen Politprofis nicht sagen.Ein Nachdenken über irgendeine Politikänderung wird das bei den Betonköpfen der Regierung in Berlin ohnehin nicht haben. Diese Art von Talkshows dienen wohl nur dazu, Dampf aus dem Kessel zu nehmen. Sonst würde er eines nicht mehr fernen Tages explodieren. Da es aber immer noch Befürworter des Berliner Politikkurses gibt, wird uns dieses stümperhafte, nur den Banken entgegenkommende Politgebaren wohl erhalten bleiben. Unsere Parteienlandschaft ist nun mal so gestrickt.
bertrebscher 08.03.2013
Hier eine kurze Personen-Bewertung: Asselmann: Ein politischer Sozialromantiker ohne erkennbare Kompetenz Brüderle: Ein arrogantes Auslaufmodell; keine Frage beantwortet, sondern nur die üblichen einstudierten Phrasen. Tschüss [...]
Hier eine kurze Personen-Bewertung: Asselmann: Ein politischer Sozialromantiker ohne erkennbare Kompetenz Brüderle: Ein arrogantes Auslaufmodell; keine Frage beantwortet, sondern nur die üblichen einstudierten Phrasen. Tschüss FDP, so eine Partei braucht keiner. Journalistin?: Sachkompentenz nicht zu erwarten – kam auch nicht. Dirk Müller: Ein Genuss den anschaulichen Erläuterungen zu folgen. Herr Müller kennt sich in der Materie aus. Raus aus dem riesigen Währungsverbund. Lasst die Banken durch die Eigner retten und im Notfall verstaatlichen, aber keine hunderte von Milliarden in die Bankenrettung stecken – ohne Gegenleistung. Und da die Banker trotz Rettung nicht einsichtig sind kann dann nur die Verstaatlichung kommen. Lafontaine: Nicht agitiert, sondern sachlich/fachlich argumentiert. Deutsche Löhne und Gehälter übermäßig anzuheben, halte ich für falsch, denn wir stehen nicht nur im Wettbewerb innerhalb der EU. Unsere Hauptmärkte liegen außerhalb dieser Gemeinschaft und übermäßig steigende Löhen und Gehälter schmälern unsere Wettbewerbsfähigkeit. Aber es darf ruhig ein bisserl merh sein. Lucke: Sachlich und fachlich fundierte Wortmeldungen. Jeder konnte nachvollziehen, weshalb Lucke eine Änderung der Rettungspolitik „Euro und Banken“ wünscht. Herr Lucke ist kein Wahlkämpfer und konnte sich gegen den Schwätzer Brüderle nur schwer durchsetzen. Aber sein Stil vermittelte Ehrlichkeit – Ehrlichkeit, die wir bei unseren Politikern total vermissen. # Herr Müller treten Sie bitte der Alternative für Deutschland bei bzw. unterstützen Sie uns. Unsere Partei benötigt Männer mit Ihrem Wissen und Auftreten. Schauen Sie sich unsere Seite im Netz an: „alternativefuer.de“. Das ist keine Schreibfehler
_meinemeinung 08.03.2013
Zitat: "Die Politik dürfe jetzt "kein kaltes Herz zeigen"." Ach, Herr Asselborn, da sind Sie bei unserer Bundesangie aber falsch...für deren Entscheidungen zählen nämlich ausschließlich die Interessen der [...]
Zitat: "Die Politik dürfe jetzt "kein kaltes Herz zeigen"." Ach, Herr Asselborn, da sind Sie bei unserer Bundesangie aber falsch...für deren Entscheidungen zählen nämlich ausschließlich die Interessen der "Märkte", Menschen sind da total egal... Im Übrigen liest sich der Artikel so, als ob da ein paar Leute, die viel mehr Einblick in die Dinge haben als der gemeine Zeitungsleser, mit tränendem Auge den nahenden Abschied vom Euro erwarten.
Spessartplato 08.03.2013
...hat sich auch mal SPON durchgerungen, diejenigen zu erwähnen, die eine Alternative gegen die "Alternativlosen" anbieten und den Gründer der "Alternative für Deutschland" Prof. Lucke zu erwähnen. In der FAZ [...]
...hat sich auch mal SPON durchgerungen, diejenigen zu erwähnen, die eine Alternative gegen die "Alternativlosen" anbieten und den Gründer der "Alternative für Deutschland" Prof. Lucke zu erwähnen. In der FAZ läuft diese Diskussion unter überwältigender Beteiligung der Leser seit einer Woche. Der Deutsche Wahlmichel hat also jetzt eine Alternative-er muß sich lediglich informieren. Er kann aber auch weiterhin Merkel bei den inzwischen wöchentlich stattfindenden "Euro-Rettungs-Gipfeln" zuschauen und zwar solange, bis der Euro alternativlos crasht. Jedenfalls kann er seinen Kindern nicht wieder wie gewohnt erklären: Davon haben wir nichts gewußt.... Danke, Prof.Lucke und viel Erfolg im ehrlichen Kampf um das Wohl des Deutschen Volkes.
vrdeutschland 08.03.2013
...wenn man dieses dümmliche Gequatsche der Regierung hört. Sei es, daß man mit dem Euro Europa rettet oder daß Deutschland allein nicht gegen die globale Welt bestehen könne. Jeder halbwegs gebildetet Schimpanse sieht, daß die EU [...]
...wenn man dieses dümmliche Gequatsche der Regierung hört. Sei es, daß man mit dem Euro Europa rettet oder daß Deutschland allein nicht gegen die globale Welt bestehen könne. Jeder halbwegs gebildetet Schimpanse sieht, daß die EU und der Euro ein Diktat der Deutschen ist und Länder wie Spanien und Italien nur Mitläufer. Des Weiteren gibt es genug Länder, die sich sehr wohl in der Welt auch ohne irgendwelche Schwachsinnsvereinigungen in der globalen Welt behaupten. Südkorea, Japan, ja sogar die Schweiz oder Neuseeland. Leider wird es Deutschland nie schaffen eine gewisse "Neutralität" herzustellen (die Diskussion gab es mal kurz nach der Wende), sondern man muß immer mit großer Fresse in Europa und in der Welt unterwegs sein. Aber die Deutschen sind ja historisch belegt immer ganz geil drauf, den Karren vor die Wand zu fahren und bei Null wieder anzufangen.
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  • Freitag, 08.03.2013 – 07:55 Uhr
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