Euro-Misere bei Illner: Spardiktat für Krisen-Talks!

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Rückkehr der Schuldenkrise, Europas Aufstand gegen Merkels Sparkurs: In Maybrit Illners TV-Runde sollten hochkomplexe Fragen beantwortet werden. Doch die Sendung geriet zu einem heillosen Tohuwabohu. Jetzt hilft nur noch ein Sparpaket für den ZDF-Talk.

Moderatorin Illner, Talk-Gäste: "Bleiben Sie heiter" Zur Großansicht
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Moderatorin Illner, Talk-Gäste: "Bleiben Sie heiter"

Hamburg - Es gab Zeiten, da verabschiedete Maybrit Illner ihre Zuschauer mit der Aufforderung, diese mögen die soeben gewonnenen Einsichten nicht nur vermehren, sondern dabei auch noch Spaß haben. Diesmal jedoch schien die ZDF-Moderatorin zu ahnen, dass es da wenig zu vermehren gab. Und so beendete sie die Sendung mit dem schlappen Appell, heiter zu bleiben. Dazu hätte Illner allerdings durchaus aktiv beitragen können - indem sie sich vor laufender Kamera verpflichtet hätte, nie wieder eine Talkrunde zum Thema Euro-Krise einzuberufen.

Denn was Illners Schlussworten am Donnerstagabend vorausgegangen war, lässt sich nur als heil- und sinnloses Tohuwabohu bezeichnen. Den versammelten Gästen nebst Moderatorin gelang es im Verlauf einer Stunde nicht einmal, sich darauf zu einigen, worüber genau man eigentlich sprechen wollte. Das Thema "Rückkehr der Euro-Krise - Aus für Merkels Spardiktat?" half jedenfalls nicht weiter: War die Krise denn jemals verschwunden? Und was haben die neuerdings wieder bedrohlich ansteigenden Schuldzinsen für Spanien mit den Aussichten für den europäischen Fiskalpakt zu tun, den die Kanzlerin so vehement verteidigt?

So interpretierten die geladenen Gäste die schwammige Vorgabe "Irgendwas zur Euro-Krise" folgerichtig als Aufforderung, sich jeweils mit einer Botschaft ihrer Wahl zu positionieren - für den Zuschauer erschloss sich aber kaum, was diese miteinander zu tun haben könnten. Finanzstaatssekretär und CDU-Mann Steffen Kampeter befand, mit der maßgeblich von der Regierung Merkel skizzierten Krisenpolitik sei man absolut auf dem richtigen Weg. Sitznachbar und SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte einen Marschall-Plan für Europa. Schließlich müsse man ja "die Menschen mitnehmen". Politische Phrasendreschmaschinen unter sich.

Ein Halbsatz für den Schuldentilgungspakt

Die Ökonomin Beatrice Weder di Mauro plädierte für einen Schuldentilgungspakt, ein Konzept, das sie als frühere Wirtschaftsweise mitentwickelt hat. Jürgen Stark, Ex-Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), beklagte den Verstoß gegen die Maßgabe des Maastricht-Vertrags, dass kein Staat für einen anderen haften dürfe. Konstruktives aber hatte er nicht zu bieten. Und der bei diesem Thema anscheinend unvermeidliche Börsenhändler und Buchautor Dirk Müller predigte die Alternativlosigkeit der Vereinigten Staaten von Europa.

Man konnte ahnen, dass die drei Ökonomen im Prinzip das Spektrum der unterschiedlichen Ansichten über den Grad der europäischen Integration vertraten. Diese Erkenntnis brachte allerdings auch keinen Mehrwert. Denn streiten wollten sie sich darüber nicht, ebenso wenig wie Gabriel und Kampeter. Stattdessen redeten alle Beteiligten munter aneinander vorbei. Im Dunkeln blieb auch, was ein spanisch-deutscher Blogger eigentlich in der Sendung sollte - außer zu klagen, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien eher bei 50 Prozent liege als bei den amtlich angegebenen 46 Prozent.

Zuschauer, die sich nicht täglich mit der Euro-Krise beschäftigen, dürften von Anfang an hoffnungslos überfordert gewesen sein. Selbst die Ökonomin Weder di Mauro - ansonsten die Einzige, die sich bemühte, Ordnung in das Redechaos zu bringen - packte die recht komplizierte Idee des Schuldentilgungspakts in einen einzigen Halbsatz. Wer das Konzept noch nicht kannte, dem musste es ein Rätsel bleiben.

Das falsche Format für die Euro-Krise

Geradezu grotesk scheiterte die Moderatorin daran, die aktuellen Entwicklungen der inzwischen schon zwei Jahre andauernden Krise ins Spiel zu bringen. Etwa die scherzhaft "Dicke Bertha" genannte Finanzspritze, mit der die EZB die europäischen Banken mit etwa einer Billion Euro vollpumpt. Zweimal ignorierte Ex-Notenbanker Stark entsprechende Fragen Illners, dann gab sie auf. Und auf ein gegen Ende eingeblendetes Schaubild, das den Effekt gemeinsamer europäischer Staatsanleihen darstellte, reagierte SPD-Chef Gabriel mit dem ebenso impulsiven wie sachfremden Einwurf, nun müssten aber in Deutschland die Löhne steigen, damit hier Produkte aus den kriselnden Euro-Staaten gekauft werden könnten. Da hatte Illner schon resigniert.

Zugegeben, es gibt einfachere Aufgaben als die Euro-Krise zu erklären. Sie ist inzwischen dermaßen komplex geworden, dass selbst redliche Wirtschaftsjournalisten manchmal verzweifeln, wenn sie die Zusammenhänge präzise und zugleich anschaulich darstellen wollen. Dennoch müssen sie es versuchen - zu umfassend und tiefgreifend sind die Folgen der Krise für die Bürger Europas.

Dass sich Talkshows für diese Aufgabe denkbar schlecht eignen, hat die Illner-Sendung erneut bewiesen. Zu sehr steht das Format für Konfrontation und grobschlächtige Vereinfachungen, die der Euro-Krise nicht gerecht werden. Und wo Redebeiträge selten länger als eine Minute dauern, ist kein Platz für notwendige Erklärungen. Um es im Krisensprech auszudrücken: Talkshow-Redaktionen sollten sich dieses Thema künftig sparen.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. .
frubi 27.04.2012
Zitat von sysopDPARückkehr der Schuldenkrise, Europas Aufstand gegen Merkels Sparkurs: In Maybrit Illners TV-Runde sollten dicke Bretter gebohrt werden. Doch die Sendung geriet zu einem heillosen Tohuwabohu. Jetzt hilft nur noch ein Sparpaket für den ZDF-Talk. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,830070,00.html
Sobald in der TV-Zeitung bei Talkshows etwas mit "Euro" steht weis ich bereits vorher, dass ich mir diese mediale Folter nicht antun werde. Der eine sagt dies, der andere behauptet das. Der Weltuntergang wird sowieso immer wieder prophezeit und letztlich nervt mich diese ganze Euro-, Schulden- und Finanzkrise seit 2008 massiv. Ich ignoriere diesen Kram einfach. Ändern tut sich sowieso nichts.
2. komplex?
albrechtstorz 27.04.2012
Aus dem Artikel: ---Zitat--- Zugegeben, es gibt einfachere Aufgaben, als die Euro-Krise zu erklären. Sie ist inzwischen dermaßen komplex geworden, dass selbst redliche Wirtschaftsjournalisten manchmal verzweifeln, wenn sie die Zusammenhänge präzise und zugleich anschaulich darstellen wollen. Dennoch müssen sie es versuchen - zu umfassend und tiefgreifend sind die Folgen der Krise für die Bürger Europas. ---Zitatende--- Nein, die Eurokrise ist gar nicht komplex. Es ist einfach ein falscher Weg unter falscher Führung, von professioneller Desinformation begleitet. Europa ist ein Projekt von wenigen Machtmenschen. Der Mehrheit wird eingeredet, Europa wäre alternativlos. Zum Preis von Demokratie-Abbau, Ungleichgewicht, Einheits-Soße. Europa war vielleicht mal eine gute Idee, heute ist es ein Projekt der Rücksichtslosen, gegen die Interessen der Mehrheit.
3. Frau Illner
dalesmith 27.04.2012
Zitat von sysopDPARückkehr der Schuldenkrise, Europas Aufstand gegen Merkels Sparkurs: In Maybrit Illners TV-Runde sollten dicke Bretter gebohrt werden. Doch die Sendung geriet zu einem heillosen Tohuwabohu. Jetzt hilft nur noch ein Sparpaket für den ZDF-Talk. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,830070,00.html
ist wie Frau Christiansen war, überfordert mit dieser Aufgabe.
4. Frau Illner
dalesmith 27.04.2012
Zitat von sysopDPARückkehr der Schuldenkrise, Europas Aufstand gegen Merkels Sparkurs: In Maybrit Illners TV-Runde sollten dicke Bretter gebohrt werden. Doch die Sendung geriet zu einem heillosen Tohuwabohu. Jetzt hilft nur noch ein Sparpaket für den ZDF-Talk. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,830070,00.html
5.
willi2007 27.04.2012
von Talk-Gästen die auf Fragen sinvolle Antworten verweigern. Maybrit Illner und ihre Crew könnte eine Vorreiterrolle übernehmen, in dem sie künftig konsequent Talkgäste nicht mehr einlädt, die auf vernünftige Fragen keine Antwort geben. Dummschwätzern sollte man nicht mehr die öffentlich rechtliche Bühne zur Volksverarschung anbieten. Im Übrigen kann ich dem Kommentar nur zustimmen.
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