"Maybrit Illner" über Merkel Rücktritt auf Raten statt Big Bang

Maybrit Illner diskutierte mit ihren Gästen über den Streit um Merkels politisches Erbe. Die Diskussion entwickelte sich wie die Vorberichterstattung zu einem Fußballspiel. Zum Glück war Juli Zeh anwesend.

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen
ZDF/ Svea Pietschmann

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen

Von Klaus Raab


Worüber redet man, wenn man noch nicht weiß, worüber wirklich zu reden ist? Maybrit Illner hatte eine Sendung zu moderieren, die in ihrer Anlage an die Aufwärmberichterstattung vor einem Fußballspiel erinnerte: "Streit um Merkels Erbe - die CDU sucht Kurs" war das Thema. Die Talkshow suchte ihren Kurs allerdings auch.

Die Merkel-Deutung des Abends: Warum hat Angela Merkel erklärt, nicht wieder als CDU-Vorsitzende zu kandidieren? Die Schriftstellerin Juli Zeh, deren Teilnahme ein Glücksfall war, ordnete Merkels Entscheidung als Beitrag zur Stabilitätssicherung ein. Die Große Koalition sei nur gebildet worden, um Neuwahlen zu verhindern. Die "Seehofer-Krise" (Zeh) sei nur so gelöst worden, wie es geschehen sei, um die Koalition zu retten. In dieser Reihe sehe sie auch Merkels "Rücktritt auf Raten": Er ermögliche es, sich an ihr Verschwinden zu gewöhnen und nicht den "Big Bang innerhalb einer Sekunde zu haben". Weite Zustimmung in der Runde.

Die Wörter mit F des Abends: Fantasie, Flügel, Freispiel. Wie Merkels Rückzug zu bewerten sei, wollte Illner wissen. Fast reihum war von einer Beflügelung die Rede: von "viel Fantasie", die nun in Berlin freigesetzt worden sei (FDP-Chef Christian Lindner); von "Luft unter den Flügeln" der CDU (die stellvertretende Parteivorsitzende Ursula von der Leyen); von einem nun entstehenden "Freispiel der Kräfte" (Journalist Hajo Schumacher). CSU-Vorstandsmitglied Hans-Peter Friedrich sah auch nur Gutes, nämlich eine "Chance für die CSU, sich wieder auf den Weg zur Volkspartei zu machen".

Wer ausscherte, war Juli Zeh: Der Zeitpunkt von Merkels Ankündigung nach den zwei für die Union verlorenen Landtagswahlen in Bayern und Hessen lasse den Eindruck entstehen, es handle sich um ein Schuldeingeständnis. Merkels Politik und der Aufschwung der AfD seien aber unabhängig voneinander zu beurteilen.

Stimmenfang #72 - Merkels Rückzugsplan und wer ihn torpedieren kann

Die internationale Perspektive des Abends: Dabei blieb Zeh auch, als Friedrich die Position vertrat, die Union werde unter Merkels Führung keine Wähler von der AfD zurückgewinnen - was den Umkehrschluss zuließ: ohne sie schon. Zeh sagte mit Blick auf die Stärke rechter Parteien auch in anderen Ländern: Mit einem Aufschwung der Volksparteien zu rechnen, halte sie "für naiv". Auch Lindners These, der 2015 durch die Flüchtlingspolitik bei Konservativen entstandene "Eindruck eines Staatsversagens" lasse sich nun beheben, wies sie zurück: "Zu deutsch!" Lindner aber bestand darauf: In Frankreich habe "Macron gewonnen, nicht Frau Le Pen". Oder Mark Rutte in den Niederlanden: Beide hätten "aus der Mitte heraus" die Konkurrenzparteien vom rechten Rand "kleingemacht".

Lindner und Zeh bei "Maybrit Illner"
ZDF/Svea Pietschmann

Lindner und Zeh bei "Maybrit Illner"

Die Konservatismusdiskussion des Abends: Hans-Peter Friedrich kritisierte Merkel am deutlichsten und sprach von einer "Identitätskrise": Die Union habe die Wirtschaftsliberalen 2014 verloren und die Konservativen 2015. Schumacher stimmte zu: Der Schlachtruf "Merkel muss weg" verfangen nicht nur ganz rechts, sondern auch in Teilen der CDU - wegen des Umgangs mit Migration. Ursula von der Leyen allerdings widersprach der Ansicht, unter Merkel sei die Partei zu liberal geworden: Die Abschaffung der Wehrpflicht, der Atomausstieg, die Ehe für alle - "das ist alles nicht nach links rücken, das ist Modernisierung".

Die Favoritentipps des Abends: Um die Personen, die sich bislang um den CDU-Vorsitz beworben haben, ging es natürlich auch. Hier wurde die Diskussion dann tatsächlich zu einer Fußballstammtischrunde: Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Jens Spahn - wer ist favorisiert? Die Politiker in der Runde beantworteten die Frage selbstredend nicht, man weiß ja nie, mit wem man bald zusammenarbeiten wird. Kurzzusammenfassung: alle ganz toll. Aber Hajo Schumacher wurde konkret: Friedrich Merz sei für die CDU "eine Art Brückentechnologie" zwischen heute und dem so verehrten Gestern. Er und Spahn würden sich bei einem "Briloner Brunch", also in Merz' Heimatstadt, zusammensetzen und ausdealen, wer antrete. Spahn werde dann am Ende mit dem Fraktionsvorsitz belohnt. "Das ist aber nur eine These." Ach.

Die Bitte des Abends: Juli Zeh reichte es dann mit der Spekuliererei. Auf die Frage, wie lange die Große Koalition noch weitermachen könne, sagte sie, es seien drei Jahre vorgesehen, "und ich möchte wirklich bitten, nicht aus Lust an der medialen Randale jetzt schon anzufangen, die Lage zu vergiften". Das war deutlich. Maybrit Illner befand, sie glaube, es vergifte noch niemand. Aber dann kam ein Einspielfilm: Friedrich Merz bekam eine Darth-Vader-Maske aufmontiert, er sei der deutsche Aufsichtsratschef des Vermögensverwalters Black Rock, und der sei "für viele der Todesstern der Globalisierung". Dazu lief, klar, die "Star Wars"-Musik. Illner danach prophylaktisch: "Das ist jetzt zugegebenermaßen etwas überspitzt."

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Kapustka 02.11.2018
1. Die entscheidende Frage
....ist, wieso die CDU inzwischen auf 25 Prozent abgestürzt ist. Merkel hat wesentliche Teile der Wählerschaft vergrault. Und die wird die CDU nicht zurückgewinnen, wenn sie das „weiter so“ (AKK) wählt.
danielc. 02.11.2018
2.
Der Frau Verteidigungsministerin möchte ich in Bezug auf die Wehrpflicht Recht geben. Deren Aussetzung ist keine Bewegung nach links. Im Gegenteil bedeutet sie eine stärkere Ausrichtung nach rechts. Das bringt mehr Homogenität und Stabilität und ist kein Problem, so lange die Verankerung rechts der Mitte ist. Das linke Spektrum tendiert eher weg von dieser Art ordnender Einrichtung. Die Geschichte wäre anders verlaufen, wenn die gemäßigte Linke in Polizei und Militär verankert gewesen wäre.
mazzeltov 02.11.2018
3. Wir haben verstanden...
... und wenn "wir" verstanden haben, der Parteivorsitz könne in einem Gespräch im Hinterzimmer "ausgedealt" werden, Herr Friedrich, kann ich nur hoffen, dass Sie das tatsächlich ausprobieren. Damit wir denjenigen dann hinterher so richtig abwatschen können. Das soll, konservativer Lesart zufolge, bei Schwerhörigkeit nämlich ebenso wie bei Denkschwäche helfen.
stefan.p1 02.11.2018
4. Die gute Frau Zeh!
Passt mit Ihrer Argumentation dem Weltbild von Spon. Allein die Aussage: "Merkels Politik und der Aufschwung der AfD seien aber unabhängig voneinander zu beurteilen" ist von Grund auf falsch. In welcher Partei waren die Gründer der AfD und warum ist Lucke, Gauland und Co aus der CDU ausgetreten? Oder auch: Auch Lindners These, der 2015 durch die Flüchtlingspolitik bei Konservativen entstandene "Eindruck eines Staatsversagens" lasse sich nun beheben, wies sie zurück: "Zu deutsch!" Das der Staat durch Merkels Politik im August2015 versagt zeigt sich noch Heute am Zustand der Behörden und Gerichte die wegen der Überlastung nicht in der Lage sind Beschlüsse zu fassen oder die gefassten Entscheidungen( Abschiebung) umzusetzen. Und der Gipfel ist dann die Bitte es Abends, nach dem Motto, Es wird nicht über ein Thema diskutiert, das mir nicht in den Kram passt. Frau Zeh war kein Glücksfall sondern im besten Fall ein weitere Merkel Fan der die Fehler der Kanzlerin nicht sehen will.
alternativlos 02.11.2018
5. Auf der Suche nach dem Jedi-Meister
Wenn der Verursacher der Merkel‘schen Identitätskrise mit am Tisch sitzt, wie soll dann ganz im Sinne der Aufklärung eine Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit entstehen? Kaltherzig müsste sich Ex-IM Friedrich als Kanzlerkandidat der CSU in der Union in Stellung bringen, wenigsten hat er wesentliche Entscheidungen getroffen, bevor diese Krisen ausbrachen, die zu einem widerrechtlichen Sturm der Entrüstung der volksparteinahen Autokraten führte. Und wer glaubt, all dieses hatte von Anfang an nichts mit Merkel, AfD, EURO etc. zu tun, wird durch die Geschichte noch belehrt werden. Vielen Dank und weiterhin Alles Gute
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