Griechenland-Talk bei Illner "Ich habe die Faxen dicke"

Bei Maybrit Illners Talk zum Dauerthema Eurokrise platzte Martin Schulz der Kragen. Die Tsipras-Regierung gehe ihm auf die Nerven, bekannte der SPD-Politiker. Doch nicht nur der Chef des EU-Parlaments war ziemlich gereizt.

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Martin Schulz (Archivbild): "Griechen sollen die ausgestreckte Hand nehmen"
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Martin Schulz (Archivbild): "Griechen sollen die ausgestreckte Hand nehmen"


Euro-Optimismus ist eine schöne Sache. Doch wenn es zum gefühlt etwa 27. Mal um die nun wirklich allerletzte Chance für Griechenland geht, kann es in der mindestens 28. Talkshow zum Thema schon mal passieren, dass selbst einem Martin Schulz der Kragen platzt. Bei Maybrit Illner war es dann so weit.

Wieder einmal hatte jemand von der griechischen Regierungspartei Syriza die ganze Rettungsrichtung für falsch erklärt und statt Debatten über neue Kredite eine politische Lösung gefordert - da sah sich der Präsident des EU-Parlaments veranlasst, dann doch mal ein bisschen undiplomatisch zu werden.

Die Tsipras-Regierung gehe ihm "zuweilen erheblich auf die Nerven", sagte der Sozialdemokrat, erinnerte Giorgos Chondros daran, dass die Athener Linken es immer noch nicht geschafft hätten, "die Großkapitalbesitzer endlich dranzukriegen" und brachte es unter Hinweis auf jüngstes Entgegenkommen in puncto Entschärfung der Reformliste knapp auf den Punkt: "Ich habe die Faxen dicke." Die Griechen hätten auch eine Verantwortung, die ausgestreckte Hand anzunehmen, versuchte Schulz es später noch einmal im Guten.

"Der Ehrliche ist der Dumme"

Doch Syriza-Vorstand Chondros dachte offenbar gar nicht daran, das so ohne Weiteres zu tun, zumal er von der Politologin Ulrike Guérot engagierten Beistand erfuhr: Ja, es müsse politisch hingeschaut werden, schon aufgrund der sehr vielen und eben nicht mehr nur nach Ländern definierbaren Interessen. "Nationale Kriterien ziehen nicht. Wir sind Bürger von Euroland." Dem konnte dann allerdings auch Schulz nur beipflichten, indem er die armen Hafenarbeiter in Piräus ebenso ins Spiel brachte wie die deutschen Kleinanleger.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die weithin nach bekanntem Muster verlaufende Diskussion bereits die themengemäß typische leicht erhöhte Temperatur erreicht, unter anderem auch deswegen, weil Publizist Wolfram Weimer unbedingt ein paar der üblichen populistischen Phrasen loswerden musste ("Sirtaki tanzender Elefant im europäischen Porzellanladen"). Nicht zuletzt aber, weil in Gestalt des Politikers Richard Sulik aus der braven Slowakei jemand am Tisch saß, der erkennbar ziemlich verbittert war ("der Ehrliche ist der Dumme") und den Griechen jegliche Überlebenschance in der Eurozone absprach.

Dabei hatte Gastgeberin Illner eigentlich vorgehabt, nicht abermals nur einen weiteren Aufguss zur Finanzkrise zu servieren, sondern das besorgniserregende Gesamtbefinden des Kontinents zu erörtern und zu fragen, ob durch die "Union der Egoisten" - seien es die Briten oder problematische politische Kräfte wie in Ungarn oder Frankreich - Europas Einheit in Gefahr sei. Doch als schließlich die Frage nach dem Zustand des Europäischen Hauses kam (Guérot: "Extrem einsturzgefährdet"), war die Sendezeit schon fast um.

Paulus bringt kontrollierte Insolvenz ins Spiel

Erst musste noch Professor Christoph Paulus die Idee eines "staatlichen Schuldregulierungsprozesses" aufs Tapet bringen, zu Deutsch und weniger charmant: der kontrollierten Insolvenz. Sie sei jedenfalls besser als ein "fünfjähriges Dahindämmern" wie dasjenige Griechenlands und könne neue Kräfte freisetzen.

Noch größeres Interesse fand der Jurist allerdings mit einer semantischen Anmerkung: Die Verwandtschaft der Begriffe Schulden und Schuld "deformiert unser Denken", dozierte er, und das führe zu einer "sehr pietistischen Pfarrhaus-Atmosphäre".

Das große Plädoyer für eine "europäische Republik", die in erster Linie für die Bürger und nicht für die Unternehmen da zu sein habe und vollständig demokratisch legitimiert sein müsse ("kein Frankenstein-Europa!"), blieb der wortgewaltigen Politikwissenschaftlerin vorbehalten. Trotz bereits "komplett symbiotischer Beziehungen" seien die Debatten immer noch nationalstaatlich konturiert, klagte sie.

Ein Beispiel dafür wurde prompt auch noch geliefert, als Europäer Schulz sich ganz zum Schluss mit der Frage konfrontiert sah, wer denn nun der nächste Kanzlerkandidat der deutschen Sozialdemokraten werde. Die diplomatische Antwort "Sigmar Gabriel" dürfte aber kaum jemanden wirklich überrascht haben.



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joG 05.06.2015
1. Ich bin sicher, wie es von einem....
.....hungrigen Griechen ohne Arbeit gesehen wird, wenn ein deutscher Mann mit sicherem Staatseinkommen von der Eu den Dicken Max heraus hängt. Ich hingegen frage mich ob Schulz so wirken will und wer sein Publikum ist. Mit Sicherheit ist es keine, die auf Keynes sich versteht.
marthaimschnee 05.06.2015
2.
dafür müßte die Troika aber die Waffe aus der ausgestreckten Hand legen
klyton68 05.06.2015
3. Guten Morgen,
Scheingefechte. Denn das Salär und die Rente von Herrn M. Schulz sind sischer. Jetzt weiß ich , was Mobbing gemeint hatte. Nicht dran aufhalten. Interessiert die SPD eh nicht. Und nur so weit, als das die gekünzelze Rhetorik irgendwie, irgendwann verfängt. Wir werden nicht drum herum kommen und bezahlen müssen. Schade eigentlich um Hartz4 und andere Reformen. Es sind alle anderen zu spät dran. Egal, in D und bei anderen Idioten geht noch was. Mich interessiert nur eins. Die überviele Kohle, die wir auch für andere werden zurückzahlen müssen, wo kam die eigentlich her?
joG 05.06.2015
4. Ohne kritisieren zu wollen,.....
.....aber das ist ein furchtbares Bild in diesem Zusammenhang.
Eckfahne 05.06.2015
5. Diese Politikwissenschaftlerin, die...
.... sich später als Historikerin outete, war komplett fehl am Platz. Ihr Hinweis auf ein Gesamteuropa mag in zig Jahrzehnten zutreffen, nur unter den heutigen Bedingungen, nicht noch ein Jahrzehnt halten. Deutschland als Zahlmeister, hätten alle gerne, ist ja so einfach, nur, ob man den Deutschen dieses Spiel noch länger zumuten kann, ich glaube nicht. Der Europa-Abgeordnete aus Slowenien hat doch in wenigen Worten die Situation treffend beschrieben. Griechenland hat keine Chance im Euroraum zu verbleiben, es meistert wirtschaftlich die Anforderungen nicht.
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