Klima-Talk bei "Maybrit Illner" Im Weinbergschneckentempo

Anlässlich der Uno-Klimakonferenz in Katowice diskutierte Maybrit Illner mit ihren Gästen über die Erderwärmung. Bei aller Einigkeit über das Ziel wurden die Konflikte in der Runde gut deutlich.

Moderatorin Illner (M.) mit ihren Gästen
ZDF/Svea Pietschmann

Moderatorin Illner (M.) mit ihren Gästen


Seltsam kleinlaut, so der Befund der Illner-Redaktion, habe sich Deutschland in Katowice präsentiert: Der einstige Klimavorreiter falle inzwischen hinter seine eigenen Ziele zurück. Zudem habe Deutschland auf der Konferenz den Negativpreis "Fossil des Tages" erhalten. "Klimaretter Deutschland - gut gedacht, schlecht gemacht?" lautete daher das Thema, zu dem neben den Politikern Peter Altmaier, Annalena Baerbock und Christian Lindner noch drei weitere Gäste geladen waren: Matthias Dürbaum, Betriebsratsvorsitzender des Tagebaus Hambach, der Klimafolgenforscher Stefan Rahmstorf und der Fintech-Unternehmer Philipp Schröder.

Der Konsens des Abends: "Klimaskeptiker", also Leugner des menschengemachten Klimawandels, gab es keine in der Runde. Diese Sichtweise war nur in Einspielern mit US-Präsident Donald Trump präsent, der sich Ende 2017 angesichts einer Kältewelle in den USA auf Twitter ironisch wünschte, vielleicht könne man ja ein wenig von dieser "guten alten Erderwärmung" profitieren. Die Diskussionsteilnehmer bei "Maybrit Illner" waren da erfreulicherweise weiter - auch Gewerkschafter Dürbaum wollte den Klimawandel nicht kleinreden, sondern nur seine Sorge um wegfallende Arbeitsplätze ausdrücken. Was nicht hieß, dass Einigkeit über die zu ergreifenden Maßnahmen bestand.

Die Konfliktlinie des Abends: Verlief am deutlichsten zwischen Christian Lindner und Annalena Baerbock. Während die Grünen-Vorsitzende forderte, die Politik müsse "Leitplanken setzen" und sagen, "wo die Reise hingeht", plädierte der FDP-Chef für die Selbstregulierungskräfte des Marktes. Während Baerbock für einen klaren Fahrplan zum Kohleausstieg und für eine CO2-Besteuerung eintrat, verwies Lindner darauf, dass es nirgendwo auf der Welt so teuer sei, eine Tonne CO2 einzusparen wie hierzulande - und dass es daher darum gehe, wie man Klimaziele in globaler Perspektive erreichen könne. Es sei auch keine Scheckbuch-Diplomatie, wenn Deutschland 1,7 Milliarden Euro aufwende, um armen Ländern beim Klimaschutz zu helfen, sondern die Größenordnung sei im Gegenteil "viel zu gering". Lindner monierte "planwirtschaftliche Politik", die auf Subventionen für Windstrom setze, der gar nicht gespeichert und weitergeleitet werden könne, weil die Leitungen fehlten.

Uno-Klimakonferenz in Katowice

Altmaier positionierte sich dazwischen: Es gehe nicht um Dirigismus, sondern darum, Initiativen zu fördern. Zur Kohle sagte er: "Andere Länder steigen schneller aus, aber wir steigen auch als einziges großes Industrieland aus der Atomenergie aus." Darum gelte es, das "organisch zu machen". Altmaier: "Die Herausforderung ist: Wie können wir einen Ausstiegspfad definieren, der lang genug ist und dazu führt, dass wir mehr und nicht weniger Arbeitsplätze haben?"

Der Schlagabtausch des Abends: Entstand ebenfalls zwischen Baerbock und Lindner. "Wie wollen Sie denn bitte den Klimavertrag von Paris einhalten?", wandte sich die Grüne an den FDP-Chef. "Sie wollen keinen Kohleausstieg, Sie wollen keine Verkehrswende, Sie wollen das nicht über den CO2-Preis machen, wie denn dann?" Ganz viel sei falsch von diesen Anwürfen, konterte Lindner, "bis an die Grenze der Propaganda". Er wolle sehr wohl einen CO2-Preis, aber den solle der Markt festlegen. "Das ist der Unterschied zwischen uns beiden: Ich will auf die bewährten Methoden der sozialen Marktwirtschaft setzen, und wenn ich Sie höre, hört sich das nach DDR an."

Die Veranschaulichungen des Abends: Gefragt, wer in Deutschland mehr bremse, Politik oder Unternehmer, fiel Philipp Schröder, Ex-Deutschland-Chef von Tesla und Ex-Geschäftsführer des Speicherherstellers Sonnen GmbH, ein interessantes Bild ein. Die Klimakatastrophe sei wie ein Feuer, vor dem Politiker wie Peter Altmaier stünden, um es zu löschen - "und um sie herum hüpfen Lobbyverbände, die sagen: 'Bitte mach mir den Teppich nicht nass, während du löschst.'"

Christian Lindner wiederum unterstrich seine Forderung nach einem zügigeren Ausbau des deutschen Stromleitungsnetzes mit einem Vergleich aus der Tierwelt: "Wir brauchen noch 6000 Kilometer Stromleitungen, und im letzten Jahr sind 28 Kilometer gebaut worden. Eine Weinbergschnecke legt die gleiche Strecke im Jahr zurück. Das funktioniert nicht." Und Peter Altmaier veranschaulichte sein Credo, alle Maßnahmen müssten sozialverträglich sein, mit diesem nicht ganz exakt gerechneten Vergleich: "Wenn eine Rentnerin im Monat fünf Euro mehr für ihren Strom zahlen muss, ist das die Tasse Kaffee und das Stück Kuchen, das sie einmal die Woche mit ihren Bekannten im Café in der Fußgängerzone einnimmt."

Die Klarstellung des Abends: "Es bringt nichts, Ziele zu proklamieren, die man dann nicht einhält", erklärte Wissenschaftler Stefan Rahmstorf und machte klar, dass die Zeit drängt: "Hätten wir im Jahr 2000 begonnen, die Emissionen zu reduzieren, hätten vier Prozent pro Jahr gereicht, um die 1,5-Grad-Linie zu halten. Jetzt müssen wir schon 18 Prozent pro Jahr reduzieren, um noch dasselbe Klimaziel zu erreichen." Daher sei es auch keine Entweder-Oder-Frage, woanders den Regenwald zu retten oder hier aus der Kohle auszusteigen. "Wenn wir weltweit auf null Emissionen kommen müssen, und das ist einfach so, dann müssen wir das auch bei uns."

Der Rausschmeißer des Abends: Nachdem sie sich in eine dreiwöchige Pause bis zum 10. Januar verabschiedet hatte, wünschte Maybrit Illner den Zuschauern "hoffentlich friedliche, entspannte und... warme Weihnachten". Ähm - sehr tröstlich, vielen Dank!

Video: Umweltschutz mit Sturmgewehr - Brasiliens Klima-SEK im Einsatz

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insgesamt 44 Beiträge
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fahrgast07 14.12.2018
1. Lindners Glaube
Lindner glaubt an den freien Markt. Soso. Das haben wir 2008 gesehen. Und dass der Markt irgendein Interesse an Umweltschutz hätte, das glaubt er doch selbst nicht. Aber jeder, der sein Markt-Mantra in Frage stellt ist Sozialist oder DDR.
fleischwurstfachvorleger 14.12.2018
2. Konzern-Lindner
Wie die Selbstheilungskräfte der Industrie wirken, sieht man eindeutig am Dieselbetrug, den uns VW-AUDI und Konsorten eingebrockt haben. Wenn die Industrie nicht von der Politik zu Änderungen gezwungen wird, indem man geltende Gesetze auch gegen Konzerne anwendet, passiert gar nichts. Mövenpick-Lindner als Chef-Lobbyist der Industrie, wird bei den notwendigen Veränderungen in diesem Land keine Hilfe darstellen. Wenn Leitungen fehlen, dann müssen eben Leitungen gebaut werden. Herr Altmaier, das ist doch Ihr Job, machen Sie den einfach mal. Appell an die Verantwortlichen in der Politik: Hört endlich auf, ausschließlich die Interessen der Wirtschaft in den Vordergrund zu stellen. - Wir haben Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel, da ist es schlicht unglaubwürdig mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen zu argumentieren. Politik und Wirtschaft konnten sich die letzten 15 - 20 Jahre auf den Klimawandel vorbereiten und entsprechende Schritte einleiten, aber sie wollten leider weiter Geld scheffeln. So ist sie, die Industrie. Gell, Herr Lindner?
TRicKeY 14.12.2018
3.
Ja, sehr gut. Regulierung wird endlich wieder mit Sozialismus gleichgesetzt. toll dass die FDP zur Hochform aufläuft und dazu beiträgt, dass die Debattenkultur hier genauso giftig wird, wie in den USA. toll auch der Ruf nach dem Markt. Da warten wir seit 200 Jahren drauf, dass der mal was reguliert - stattdessen ist der Klimawandel DAS Paradebeispiel für "externe Effekte" in der Marktwirtschaft, also Schäden, die von Gütern und ihrem Gebrauch angerichtet werden, die aber niemand bezahlt, weil diese Schäden im Preis nicht enthalten sind. Würde man die Kosten, die ein Flug von A nach B, durch seinen Beitrag zum Klimawandel und dadurch auftretende Schäden z.B. durch Extremwetter anrichtet in den Preis des Tickets mit aufnehmen, würden vermutlich wesentlich weniger Menschen fliegen. weshalb kein unternehmen der Welt das freiwillig machen würde. Der Markt reguliert sich also, nur eben zu unseren Ungunsten...
cyberpommez 14.12.2018
4. Komisch
Altmayer hat in der Sendung ausgeplaudert, dass er für die Bundesregierung einen Deal in Höhe von 1,4 Mrd Euro für Lithium in Bolivien gemacht hat. Wie muss ich mir das jetzt vorstellen? Kauft die BRD das Lithium und verkauft es an die Industrie weiter, oder sponsert die BRD mal wieder die Industrie mit Steuergeldern? Da hätte man mal näher drauf eingehen sollen. Abgesehen davon richtet der Lithiumabbau in Bolivien fürchterliche Umweltschäden an, Na egal, ist ja nicht bei uns. Die ganze Runde hat sich im Kreis gedreht und nur zwei Leute in der Runde haben verstanden worum es geht. Lindners Kommentare haben offen gezeigt, das er nichts verstanden hat und ich weiß auch nicht genau warum er eingeladen wurde. Na ja, so bleibt alles beim Alten und wir machen weiter wie gehabt.Wenn wir auf nichts verzichten wollen, dann sind wir auch nicht mehr zu retten, Der Konsum muss massiv eingeschränkt werden. sofort. Vor ein paar Jahren hat eine indische Politikerin es auf den Punkt gebracht: Full Stop now! Alles andere ist Zeit und Energieverschwendung.
droptableall 14.12.2018
5.
Die Fluggesellschaften werden also aif Umsatz und Gewinne freiwillig verzichten damit wir unsere Klimaziele erreichen? Wie soll ein Markt das von sich aus regeln, der auf Gewinn und Wachstum ausgelegt ist? So kann man am Ende die Verbraucher als die Schuldigen aismachen, die hätten den CO2 Ausstoß schließlich gewollt und gekauft.
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