"Maybrit Illner" über Terror "Wir produzieren die Kämpfer nach wie vor selber"

Wie kann Europa gegen den Terror kämpfen? Maybrit Illners Gäste hatten da ganz unterschiedliche Ideen. Ursula von der Leyen zeigte Desinteresse an Details zur Sicherheitslage. Und Daniel Cohn-Bendit plauderte über seinen illegalen Grenzübertritt. Der Schnellcheck.

Elmar Theveßen, Terrorismus-Experte, bei Maybrit Illner: Konstatiert aufgeräumt
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Elmar Theveßen, Terrorismus-Experte, bei Maybrit Illner: Konstatiert aufgeräumt


Zur Sendung: Nach den Anschlägen in Paris ist auch Deutschland in Alarmbereitschaft. (Hier lesen Sie mehr über den Streit um schärfere Gesetze und den Einsatz der Bundeswehr im Inland.) In der Talkshow von Maybrit Illner wurde am Donnerstagabend der islamistische Terror thematisiert. Titel der Sendung: "Angriff auf die Freiheit - wie bekämpft Europa den Terror?"


Die Religionspädagogin: Lamya Kaddor spricht schnell und aufgebracht über die Erwartung, gewöhnliche Muslime müssten nun "Stellung beziehen". Sie selbst werde aufgefordert: "Du musst im deutschen Fernsehen sagen, dass du dich vom Terrorismus distanzierst!" Und wenn sie das "hundertmal" betone, es nütze nichts. Wichtig sei, der hier lebenden Jugend Perspektiven zu bieten. Die Terroristen seien schließlich "Deutsche oder Franzosen, die wir exportieren und wieder reimportieren".

Der Experte: Auch Elmar Theveßen gibt sich konstatiert aufgeräumt: "Wir produzieren die Kämpfer nach wie vor selber". Frankreich sei von innen angegriffen worden, nicht von außen. Um davon abzulenken, spreche der Präsident von "Krieg". Diese Wortwahl schränke in ihrer Begrenzung auf das Militärische die Sicht auf die Dinge ein: "Wir müssen nicht den Sieg zum Ziel erklären, sondern erklären, wie es nach einem solchen Sieg in der Region weitergehen solle."

Wünschenswert sei übrigens "eine Gegenkampagne in sozialen Medien", die sich gegen den Erzählstrang wende, den die Islamisten versuchen, uns aufzuzwingen". Hier seien durchaus die Muslime gefordert.

Der grüne Franzose: Daniel Cohn-Bendit spricht an diesem Abend mehr als aufgeklärter Franzose, weniger für seine Partei. Die Grünen hätten beispielsweise viel zu lange damit gezögert, die Kurden im Nordirak zu unterstützen. Seine Sorge: "Eine verunsicherte Bevölkerung ist eine, die politisch ganz schön nach rechts gehen kann." Ein kurzer Seitenblick auf das Geschehen bei Twitter zeigt: Oha, stimmt.

Auch Cohn-Bendit fordert, wie Frankreichs Ministerpräsident Manuel Valls, eine Rückkehr zu kontrollierbaren Verhältnissen an den Grenzen: "Das sind wir nicht den Franzosen schuldig, das sind wir uns Europäern schuldig." Flüchtlinge würden immer verdächtigt, das könne man schon bei Hannah Arendt nachlesen. Wenn Polen keine Flüchtlinge aufnehmen wolle, sei das sein gutes Recht: "Gut, dann nehmen wir euch 40 Prozent Strukturreform weg, 40 Agrarsubventionen weg, weil: Das Geld brauchen wir für die Flüchtlinge."

Kippelnde Länder wie Algerien oder funktionierende Staaten der islamischen Welt müssten unterstützt werden, auch mit einem Erlass der Schulden: "Fünf Milliarden, mein Gott! Erlassen wir ihnen diese Schulden im Kampf gegen den Terror!", ruft Cohn-Bendit und wendete sich an Ursula von der Leyen: "Sagen Sie das mal der Regierung!" Und dem Herrn Schäuble solle sie ausrichten, dass Frankreich auch ein Defizit im Staatshaushalt vorweisen dürfe, sofern mit dem Geld ein breites Bündnis finanziert werde, das junge Muslime in Arbeit bringe.

Offene Grenzen? Geschlossene Grenzen? Er selbst, so plaudert er launig aus dem Nähkästchen, sei 1968 mit einem Einreiseverbot nach Frankreich belegt worden: "Ist gar nicht schwer, in so ein Land reinzukommen. Kein Problem. Ich zeig ihnen gerne, wie das geht!"

Die Ministerin: Ursula von der Leyen gibt sich präzise und beherrscht, aber natürlich wenig preis. Was würde Deutschland einem um Hilfe bittenden Frankreich nicht geben wollen? "So rum ist die Frage falsch gestellt", entscheidet von der Leyen und erklärt, den Einsatz für die Kurden im Nordirak verstetigen und die Hilfe für die Franzosen in Mali intensivieren zu wollen. Afrika gehöre "eben auch zu einer Region, die hoch verletzlich ist".

Als Verteidigungsministerin hält sie im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) sowohl Luftschläge als auch Bodentruppen für denkbar, "beides ist hilfreich". Zunächst werde es Konferenzen geben, und "dann wird Deutschland seinen Beitrag leisten, das ist sicher". Wenn auch sicher kaum mit Luftschlägen und Bodentruppen.

Als Verteidigungsministerin ist sie offenbar eine besonders solide Außenministerin, die Zustände hierzulande liegen ihr offenbar fern: "Ich kenne die Details zur Sicherheitslage nicht und will sie auch nicht kennen." Das kann man beruhigend oder beunruhigend finden, je nach Geschmack.

Der Journalist: Aktham Suliman kennt seine fundamentalistischen Pappenheimer sehr gut: "Die würden das gar nicht verstehen, wenn wir ihnen den Krieg erklären", weil die nämlich immer im Krieg seien. Trottel, die Pläne ausführten, fände man überall und immer wieder. Die strategischen Köpfe hinter dem Terror aber seien allerdings gar nicht so barbarisch, wie Ursula von der Leyen meine. Die wüssten mehr über unsere Gesellschaft als wir über den IS.

Die Führer seien gar keine Islamisten, sondern ehemalige Offiziere der irakischen Armee, Baathisten. Und Verbreiter einer Ideologie, die militärisch wie ideell bekämpft werden müsse: "Wo ist die Front? Wer ist mit uns? Wer ist gegen uns? Wer sind wir überhaupt?"

Dass Muslime sich angeblich nicht lautstark genug gegen den Terror verwahrten, sei übrigens eine Täuschung: "Sie würden nicht glauben, wie sehr das gemacht wird", sogar mit satirischen Mitteln, das bekämen wir in Europa nur nicht so mit: "Witze ohne Ende!"

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