Streit über Rundfunkbeitrag: Wie ARD und ZDF über sich selbst berichten

Von

Die Empörung über die Einführung der Haushaltsabgabe bringt die öffentlich-rechtlichen Sender in die Defensive. Das ZDF reagiert mit einer bemerkenswert freimütigen Diskussion bei Maybrit Illner. Die ARD begegnet der Kritik dagegen mit einem subtilen Propagandafeldzug.

Illner, Gäste Bellut, Pocher, Keese: ZDF-Chef als Punktsieger Zur Großansicht
ZDF

Illner, Gäste Bellut, Pocher, Keese: ZDF-Chef als Punktsieger

Berlin - Hätte man doch bloß nicht daran gerührt. Stoßseufzer dieser Art dürften des Öfteren zu hören sein, wenn die Granden der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in trauten Zirkeln zusammensitzen. Noch vor drei Wochen waren die Rundfunkgebühren allenfalls ein Thema für Expertenrunden, die Nation der Fernsehzuschauer hatte sich mit der ungeliebten Zwangsabgabe abgefunden, notgedrungen.

Doch dann, zum Jahreswechsel, wurde eine kleine aber wesentliche Änderung wirksam. Jetzt gilt nicht mehr die Anzahl der Geräte, sondern nur noch die Wohnung oder das Haus. Jeder, der irgendwo wohnt, muss jetzt 17,98 Euro bezahlen, ganz gleich, ob er fernsieht, Radio hört oder eben auch nicht: Der neue Rundfunkbeitrag hat die alte Rundfunkgebühr abgelöst.

Auch wenn sich für die Allermeisten nichts ändert, sehen sich die Anstalten nun einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt. Längst hat sich die Diskussion verselbständigt - weg von der Frage, ob die neue Regelung wirklich zu mehr Gerechtigkeit führt, hin zum ganz Grundsätzlichen: Brauchen wir öffentlich-rechtliches Fernsehen überhaupt noch? Und wenn ja - muss es tatsächlich jährlich 7,5 Milliarden Euro kosten?

Der Umgang mit dem Rundfunkbeitrag ist für die Sendeanstalten ausgesprochen heikel. Denn das ungestüme Wachstum der letzten Jahrzehnte und die Vielzahl von neuen Sendern bis hin zum Digitalfunk haben sie angreifbar gemacht. Die Kritiker kommen selbst aus den Reihen derer, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für einen essentiellen Bestandteil der Demokratie halten.

ZDF-Intendant Bellut räumt Handlungsbedarf ein

Umso bemerkenswerter ist die unterschiedliche Art und Weise, wie die Redaktionen der beiden Fernsehanstalten sich dem Problem stellen. Die größte Überraschung lieferte in dieser Hinsicht Maybrit Illner am Donnerstagabend im ZDF. Für ihre Diskussionsrunde hatte die Talkmasterin mit Springer-Außenminister Christoph Keese sowie Autor und "Handelsblatt"-Redakteur Hans-Peter Siebenhaar die Crème der Kritiker geladen, denen der unberechenbare Comedian Oliver Pocher sekundieren sollte. Auf der anderen Seite saßen ZDF-Intendant Thomas Bellut und der Erste Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz. Illner führte charmant, aber konsequent Regie und sparte keinen der heiklen Punkte aus.

Der Schlagabtausch hatte am Ende einen klaren Punktsieger: Thomas Bellut. Der ZDF-Boss parierte Angriffe, rückte Zahlen zurecht und räumte bei einigen Problemzonen Handlungsbedarf ein. Siebenhaar, der zunächst recht forsch seine Angriffe vorgetragen hatte, schien schließlich die Luft auszugehen. Keese ließ sich in einem schwachen Moment sogar zu dem Kompliment hinreißen, das ZDF halte sich vorbildlich an die im Staatsvertrag festgelegten Vorgaben. Am Ende stritt man lediglich noch über Feinheiten, etwa ob sich die Öffentlich-Rechtlichen am Wettbewerb um die Übertragungsrechte an den großen Sportveranstaltungen beteiligen sollten.

Eines dürfte dem Zuschauer schließlich klar geworden sein: Die Diskussion um schlankere Strukturen und spürbare Kostensenkungen dürfte noch sehr schwierig werden.

Ein offener Schlagabtausch, garniert mit Pointen von einem wie Oliver Pocher, der sich sichtlich bemühte, der Runde zumindest ein bisschen peinlich zu sein - das hätte sich auch die eine oder andere ARD-Anstalt ruhig einmal trauen dürfen. Doch dort geht man weit weniger souverän mit dem Thema um. Einzig die Kultursendung "Zapp", die in ihrem Haussender NDR eine Art Experimentierfeld darstellt, lieferte einen vertiefenden Beitrag über die mangelnde Transparenz in dem weit verzweigten Sendernetz. Sonst beschränkte sich die überwiegende Mehrzahl der zu diesem Thema gesendeten Beiträge auf schlichten Service: die Frage, was sich im neuen Jahr ändert.

Subtile PR-Aktion in eigener Sache

Ungleich problematischer ist jedoch die Reaktion auf die Kritik, die seit Beginn des Jahres die öffentliche Diskussion beherrscht. In der Regionalsendung "Mein Nachmittag" spulte der NDR-Intendant und ARD-Vorsitzende Lutz Marmor ungerührt sein Standardprogramm zu diesem Thema ab, mit dem wiederholten Hinweis, man bekomme für 60 Cent pro Tag viel geboten. Das nach außen hin nützlich scheinende Interview zur Aufklärung der Zuschauer entpuppte sich als subtile PR-Aktion in eigener Sache.

Auch der Bericht über die Klage der Drogeriekette Rossmann gegen den neuen Rundfunkbeitrag am 11. Januar in der Abendsendung "NDR aktuell" verletzte grundlegende journalistische Spielregeln. Speziell große Filialbetriebe fühlten sich benachteiligt, hieß es dort scheinbar nachrichtlich. Doch dann stellte der Autor die Position der Öffentlich-Rechtlichen in den Mittelpunkt und ließ Marmor zu Wort kommen, ganz so, als wäre dieser ein unabhängiger Experte - eine engagierte Selbstverteidigung im Gewand eines redaktionellen Beitrags. Der gleiche Film lief auch in den Abendschauen anderer ARD-Sender.

Dabei hat der Unmut betroffener Unternehmen über die zusätzliche Belastung gute Gründe. Für mittelständische Filialbetriebe - dazu gehören Bäckereien oder auch Handwerksbetriebe mit einem größeren Fuhrpark - beträgt der Aufschlag mehrere hundert Prozent. Der Einzelhändler Rewe etwa rechnet damit, künftig das Fünffache der ursprünglichen Gebühr bezahlen zu müssen. Die Deutsche Bahn plant mit 3,5 Millionen statt einer Million Euro.

Objektive Wahrheit vorgaukeln

Ebenso wie der NDR zieht auch der BR alle Register, um den Standpunkt der Kritiker mit scheinbar journalistischen Beiträgen zu widerlegen. Die "Wutwelle" nimmt die "Radiowelt" von Bayern 2 zum Anlass, noch einmal die Vorteile der neuen Regelung aufzuzeigen. Als Interviewpartner kommt der Verfassungsrechtler Paul Kirchhof zu Wort, der den Zugewinn an Gerechtigkeit preist. Der Heidelberger Rechtsprofessor musste sich allerdings nicht aufwendig in die Materie einarbeiten - er selbst hat das entscheidende Gutachten für die Rundfunkgebühr verfasst. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei als unabhängige Informationsquelle für den Staat extrem wichtig, betont Kirchhof. In diesem Punkt widersprechen ihm selbst die meisten Kritiker nicht.

In "B5 aktuell" verspricht der Moderator Aufklärung, wofür die ARD-Sender so viel Geld ausgeben. Chefredakteur Thomas Baumann funktioniert den angekündigten Rapport jedoch ungeniert zum Werbefeldzug um. Er verweist auf das dichte Korrespondentennetz und das Gewicht der "Tagesschau", dann lobt er die "hochwertige" Unterhaltung und preist die Sportschau als Kultsendung.

Und doch ist das Interview viel ehrlicher als viele der anderen Beiträge zu diesem Thema: Baumann versucht keine Sekunde, dem Zuschauer vorzugaukeln, es handle sich um eine objektive Wahrheit.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 595 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. nein
brehn 18.01.2013
"Brauchen wir öffentlich-rechtliches Fernsehen überhaupt noch?" Ganz Klar: Nein! insbesondere ARD und ZDF können von mir aus getrost abgeschafft werden. Aus Sicht des Regierungsfilzes sind aber gerade ARD und ZDF unersetzliche Propagandakanäle, weshalb sich wohl nix ändern wird...
2.
!!!Fovea!!! 18.01.2013
Zitat von sysopDie Empörung über die Einführung der Haushaltsabgabe bringt die öffentlich-rechtlichen Sender in die Defensive. Das ZDF reagiert mit einer bemerkenswert freimütigen Diskussion bei Maybrit Illner. Die ARD begegnet der Kritik dagegen mit einem subtilen Propagandafeldzug. Maybrit Illner: ZDF-Talk mit Diskussion zu Rundfunkbeitrag - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/maybrit-illner-zdf-talk-mit-diskussion-zu-rundfunkbeitrag-a-878277.html)
Die ÖR sollen mit ihrer Selbsbeweihräucherung aufhören, sich selber als wichtig darzustellen und ihre Existenz sichern. Warum soll ich für ein ÖF zahlen, wenn die umliegenden Länder in Deutschland dieses frei empfangen können. Warum soll ich für ÖR einen "Beitrag" zahlen und habe keine Mitbestimmung? (Fazit: Es ist eine Steuer!). Überhaupt, mir wird vorgeworfen, dass ich etwas nutze, für was kein Beweis vorliegt. Außerdem, wenn z. B. die Sportschau läuft, warum ist diese mit ca. 5 Werbeblöcken a 7 Min. unterbrochen? Warum darf das ÖR soviel Werbung senden (Zusatzeinnahmen?). Ich fühle mich im Demokratischen Gleichheitsgrundsatz hintergangen, wenn WG`s einen Beitrag zahlen und nur weil ich Single bin einen deutliche monatliche Mehrkosten habe.... Meine Forderung daher: ÖR verschlüsseln, dann kann der/diejenige das Angebot der ÖR kaufen. Mal sehen, wieviel das machen würden, ein Probelauf würde klarheit bringen. Warum macht man das nicht? Auch die Aussagen, das ÖR hätte über 20 Sender, ja wofür? 20 Sender, um tageweise die Wiederholung von ARD und ZDF nochmals zu schauen??? Das ÖR könne man im Internet schauen, ja und im Internet kann ich auch Zeitung lesen! Das ÖR ist überholt und sollte verschlankt werden und als Ergebnis, keinen "Solidarbeitrag", Zwangsabgabe. Alle die dagegen sind, sollte die online Petition gegen GEZ unterzeichnen.
3. WDR 4000 Mitarbeiter -Was machen die den lieben langen Tag.
rjrauschffm 18.01.2013
Eine Intendatin mit 320.000 Jahres-Einkommen. In der freien Wirtschaft undenkbar. Welche Mitsprache-Rechte haben die Zwangs-Gebührenzahler. Wir wollen Leute im rot-grünen Sumpf auch abwählen können. Wenn ich eine Mioska oder Slompka über den Bildschirm kaspern sehe, wird mir ganz schlecht und es stellen sich die Nackenhaare. Wie lange noch?Gez. R. R.
4. optional
spon-facebook-10000283853 18.01.2013
"Objektive Wahrheit vorgaukeln" - das ist grundsätzlich ein Problem von Journalismus. Damit es keine parteische Propaganda wird, muss man einen Wettbewerb erzwingen und Monopole mit Staatlicher Hilfe unterbinden. Denn genau das sind die ÖR in Deutschland.
5. Autobahngebühr für alle Fahrerlaubnisinhaber
Bernhard.R 18.01.2013
Das ist die Fortsetzung des Rundfunkbeitrages für alle Wohnungsbesitzer. Und zwar unabhängig davon, ob sie die Autobahn benutzen und sogar unabhängig davon, ob sie überhaupt ein Kraftfahrzeug haben. Soviel Gerechtigkeit steckt in dem Rundfunkbeitrag. Die Staatssender erhalten mit den 7,5 Milliarden Euro eine wettbewerbsverzerrende Beihilfe. Werbung machen sie trotzdem und damit den Privatsendern Konkurrenz. Ich rechne damit, daß ein Gericht diese Steuer kippt. Wer bis dahin "unter Vorbehalt" gezahlt hat, bekommt seine Leistung vielleicht zurück.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Televisionen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 595 Kommentare