Kultur

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"Maybrit Illner" zu Chemnitz

"Sorgen und Nöte und Angst und Trauer"

Maybrit Illner schafft das Kunststück, ausgewogen über die "Hetzjagd in Chemnitz" diskutieren zu lassen.

Von

Jule Roehr/ZDF

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen

Freitag, 31.08.2018   09:59 Uhr

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Mit den Worten "Wir müssen reden!" leitet Maybrit Illner traditionell ihre Talkshow ein, und selten war diese halb sportliche, halb drohende Floskel treffender als in der aktuellen Sendung über die Krawalle in Chemnitz. Wir müssen reden, schon klar. Aber worüber genau? Mit wem? Und mit wem nicht mehr? Über diese Fragen diskutierte bei "Maybrit Illner" eine ausgewogene Runde angenehm aufgeräumt.

Unschlüssigkeit des Abends: Einleitend möchte Illner von Marco Wanderwitz (Vorsitzender der CDU-Landesgruppe Sachsen) wissen, vor wem man in Sachsen im Moment mehr Angst haben müsse - den rechtsextremen Schlägern oder kriminellen Ausländern? Wanderwitz seufzt: "Tja, das ist eine schwierige Frage."

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Binse des Abends: Kam von Katarina Barley, SPD, Ministerin der Justiz und der klaren Worte: "Was hier in Chemnitz passiert ist, das hat mit Sorgen und Nöten und Angst und Trauer nichts mehr zu tun" und sei von rechtsextremen Gruppen instrumentalisiert worden. Gleichwohl schließt sie nicht aus, dass es Sorgen und Nöte und Angst und Trauer gibt. Tja.

Einschränkung des Abends: Antje Hermenau, früher bei den sächsischen Grünen, sieht viele Schuldige. Erstens hätte nach dem tödlichen Angriff auf Daniel H. das Stadtfest abgesagt werden müssen. Zweitens sei seit Monaten in einschlägigen Vierteln "immer schon etwas los gewesen", die Stimmung habe sich aufgeschaukelt: "Und jetzt hat's geknallt." Hermenau will in Chemnitz keine Lynchjustiz wahrgenommen und keine Hetzjagden gesehen haben, höchstens "zwei kleine Szenen, wo so was zu sehen war". Nach 24 Stunden "hatten die sich dann schon so weit organisiert, links wie rechts", dass das Kind dann halt in den Brunnen habe fallen müssen.

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Widerspruch des Abends: Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen e.V. hat sich am fraglichen Abend unter die Demonstranten gemischt. Der Experte für Rechtsextremismus hat dabei eigenen Angaben zufolge NPD-Funktionäre und Anhänger anderer neofaschistischer Kleinparteien gesehen, auch Pegidisten, und sagt: "Es wurden Leute durch die Stadt gejagt."

Katarina Barley mag das "links wie rechts" nicht stehen lassen. "Wenn sich Menschen den Rechtsradikalen entgegenstellen, dann ist das nicht rechts und links, sondern dann sind das Rechtsradikale und es sind ein paar Anständige." Chemnitz müsse als das benannt werden, was es gewesen sei: Rechtsradikalismus, Rassismus, Menschenfeindlichkeit, Gewalt und Kriminalität.

Bündnis des Abends: Matthias Manthei, Richter, war AfD-Chef in Mecklenburg-Vorpommern - bis ihm dämmerte, welchem Verein er da vorstand. Für ihn sind die Ereignisse von Chemnitz "einfach Kriminalität". Wer da mitlaufe, leiste "psychische Beihilfe". Michael Nattke drückt es ähnlich aus. Wer sich da einreihe, müsse "sich fragen lassen, mit wem er sich gemein macht".

Scharmützel des Abends: Antje Hermenau beklagt, dass sich nicht gleich zu Beginn Politiker "vor die 25.000 von Pegida" gestellt und das Gespräch gesucht hätten. Nattke widerspricht: Keine gesellschaftliche Gruppe würde in Deutschland seit drei Jahren mehr gehört und gehätschelt als die "besorgten Bürger, in Anführungszeichen". Und Wanderwitz ergänzt gewunden: "Das Fenster, in dem man hätte sprechen können, in diesem Format, Pegida, das hat es im Grunde nie gegeben."

Hinweis des Abends: Manthei springt Hermenau halbwegs bei. "Die hohen Umfragewerte bekommen sie", die Populisten von der AfD, "nicht aus dem radikalen Milieu". Sondern aus Kreisen "ganz normaler Bürger". Mit Aufrufen zum Aufstehen sei es nicht getan. Es brauche "gute Politik", die sich nicht vom Bürger entfernt. Barley paraphrasiert das berühmte Diktum von Böckenförde: "Der Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann."

Ratlosigkeit des Abends: Illner will wissen, wie den "normalen Bürgern die natürliche Abscheu abhandengekommen" sei, sich beim Pöbel einzureihen? Nattke macht dafür mangelnde Empathie verantwortlich, schon im Kindesalter. Für "faktenresistente" Kandidaten sei die Zivilgesellschaft nicht mehr zuständig. Mit denen könne man nicht mehr reden.

Formulierung des Abends: Wanderwitz muss die sächsische Polizei und Justiz verteidigen, klar. Deshalb erkundigt sich Illner ganz behutsam, ob es denn schon an sein Ohr gedrungen sei, "dass es den zarten Verdacht gibt, dass die sächsische Polizei auf dem rechten Auge ein wenig sehgestört ist". Wanderwitz wiegelt ab, das treffe auf "die große Mehrzahl der Polizistinnen und Polizisten" nicht zu. Sehr beruhigend.

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