"Illner" zur Lage der Deutschtürken Riss durch die Community

Maybrit Illner diskutierte mit ihren Gästen über die Lage der Türken in Deutschland angesichts des anstehenden Verfassungsreferendums. In der Runde herrschte viel sorgenvoller Konsens. Die Sendung im Check.

imago/ Metodi Popow

Die Sendung: "Türken in Deutschland - spaltet Erdogan das Land?", titelte Maybrit Illner angesichts des Wahlkampfs für das Präsidial-Referendum, der auch Türken und Deutsche und Deutschtürken voneinander entfremdet. Im Kern ging es also wieder mal um die bekannte Frage, weshalb sich viele mehr für die alte Heimat mit ihrem repressiven System engagieren als für das freie Land, in dem sie leben. Das Zuschauen lohnte trotz gewisser Déjà-vu-Effekte.

Die Gäste: Paul Ziemiak, polnischstämmiger Vorsitzender der Jungen Union; Grünen-Chef Cem Özdemir, Schwabe mit türkischen Eltern; Mustafa Yeneroglu, in Deutschland aufgewachsener AKP-Politiker; Canan Topcu, deutsche Autorin und Journalistin türkischer Herkunft; Franziska Giffey (SPD), Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln mit 330.000 Einwohnern aus 150 Nationen; Ahmet Toprak, deutscher Professor für Erziehungswissenschaften mit türkischen Wurzeln.

Die Konstellation: Wenn drei Deutsche mit türkischen Wurzeln und sehr kritischem Blick auf die Politik Erdogans mit einem von dessen unbeirrbaren Propagandisten zusammentreffen, ist das oft aufschlussreicher als manche tiefschürfende Analyse - zumal, wenn jemand fast alle Negativ-Klischees derart perfekt bedient wie der AKP-Abgeordnete, in dessen Augen natürlich alles falsch ist, was Kritiker über seinen Chef sagen. Dazu gab es Anschauliches aus dem kommunalpolitischen Alltag, ein bisschen wissenschaftliche Belehrung und einiges an schwarz-grün-harmonischem Realismus.

Die Diskussion: Über weite Strecken war es eine ebenso nachdenklich-differenzierende wie bedenklich stimmende Runde, in der es - abgesehen von Yeneroglus notorischen Attacken gegen alle - kaum Streitstoff gab. "Die Spaltung ist krass wie nie", befand die Neuköllner Bürgermeisterin und brachte damit das Problem rasch auf den Punkt. Es gehe ein Riss durch die türkische Community, durch Familien und Nachbarschaften, und vielfach herrsche Angst, über Politik überhaupt zu sprechen. Topcu bestätigte das und merkte an, sie verstehe nicht, weshalb Menschen, die hier alle Vorteile in Anspruch nähmen, für Recep Tayyip Erdogan ("Ein pathologischer Fall") seien. Professor Toprak wusste darauf eine Antwort: Den Deutschtürken der dritten Generation gehe es weniger um die Politik Erdogans ("Ich kann den Namen nicht mehr hören") als um Protest und Provokation.

Özdemir wie auch Ziemiak beklagten Versäumnisse bei der Integration (Der CDU-Mann: "Ein Scherbenhaufen"). Der Grüne erregte sich über die Abschottung in einer Parallelwelt ("Alle türkischen TV-Sender sind gleichgeschaltet"), in der "Deutschland als Feindesland" gelte. Yeneroglu, der nach eigenem Bekunden einst glücklich in Köln lebte und früher mal in der SPD war, verstieg sich derweil zu der steilen These, es gebe hierzulande einen "institutionellen Rassismus", keine echte Religionsfreiheit und keine politischen Chancen für fromme Muslime wie ihn. (Dass die Deutschtürken in Politik, Wirtschaft und Hochschulen stark unterrepräsentiert sind, trifft zu, steht aber auf einem anderen Blatt.)

Özdemir und Topcak widersprachen energisch: Es herrsche keine pauschale Diskriminierung von Muslimen, allerdings zeige sich der Islam nicht immer von seiner besten Seite. Giffey beklagte den Einfluss der Türkei auf die Moscheen. Katholik Ziemiak zu dem AKP-Mann: "Sie betreiben einen politischen Islam, das ist gefährlich."

Akademisches: Migranten seien grundsätzlich konservativer und die türkischen aufgrund ihrer Herkunft aus ländlichen Milieus noch einmal besonders, erklärte Toprak, der selbst als Einwandererkind eine bemerkenswerte akademische Karriere gemacht hat ("Ein steiniger Weg"). Eigentlich eine verschenkte Klientel der CDU, warf Illner ein. Interessant war die Analyse der Wählerschaft, der zufolge die Zahl der Erdogan-Anhänger sich mit 300.000 dann doch eher gering ausnimmt. Als der Professor dem türkischen Politiker vorhielt, er vertrete hier exakt die typische Strategie, eine Opferrolle aufzubauen, reagierte der pikiert und behauptete, die AKP sei ein Erfolgsmodell.

Guter Rat: "Wir müssen Kopf und Herz der Deutschtürken gewinnen", warb Özdemir. Toprak empfahl Angela Merkel, ihnen die Hand zu reichen und zu sagen: "Ich bin eure Kanzlerin." Etwas pragmatischer machte sich Giffey für mehr Förderung der großenteils besonders schlecht gebildeten und armutsbedrohten Türken stark, politische Aufklärung inklusive. Wünschenswert sei ein Zusammenleben, "das nicht ständig die Unterschiede betont."

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