"Maybrit Illner" zu Wahlen und Flüchtlingen "Das ganze System ist im Stresstest"

Von Nahles bis Petry, Rassismus bis Bürokratie, Ostfildern bis Halle: In einer Spezialausgabe vor dem Super-Wahlsonntag versuchte Maybrit Illner den großen Rundumschlag - mit mäßigem Erfolg.


Zur Sendung: Am kommenden Sonntag wird in drei Bundesländern gewählt - die Flüchtlingspolitik ist dabei eins der entscheidenden Themen (hier können Sie im Wahl-O-Mat herausfinden, wen Sie in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt wählen möchten). Maybrit Illner widmete sich den Themen in ihrer Spezialsendung mit dem Titel: "Streitpunkt Flüchtlinge - drei Wahlen, ein Thema".


Mag auch zum Flüchtlingsthema gefühlt schon alles gesagt sein - angesichts des bevorstehenden "Super Sunday" wollte es Maybrit Illner jetzt noch mal so richtig wissen. Das Ergebnis war eine ziemlich ambitioniert-choreografierte Spezialausgabe mit Überlänge und vor allem mit einem personellen Großaufgebot, das aber zum Glück nicht nur aus den üblichen Verdächtigen bestand. Die Idee war, Bürger und Parteipolitiker "in Duellen und Viererketten" (Illner) miteinander ins Gespräch zu bringen, und das, bitteschön, auf Augenhöhe. Schließlich ist es ja Volkes Stimme, um die es am kommenden Sonntag in gleich drei Bundesländern geht.

Am Ende erwies sich dieses Konzept - eine Art Reigen mit wechselnden Personen, Regionen und Aspekten - als durchaus interessant, auch wenn sich die Sache anfangs recht zäh und kleinteilig anließ. 20 Minuten vergingen damit, die Probleme Ostfilderns, speziell die des wohlmeinend-besorgten Einwohners Christian Snurawa, mit dem neuen Asylbewerberheim zu erörtern (Stichwort: Kriminalität).

Claudia Roth floskelte einen Appell zur "Willkommensinfrastruktur" und warb ein bisschen für Landesvater Kretschmann, während Polizeigewerkschafter Rüdiger Seidenspinner relativ Beruhigendes zur Gesetzestreue von jungen männlichen Ausländern beitragen konnte.

Über deren Motivation, ihr Leben zu meistern, wusste Norbert Scheiwe nur Positives zu berichten - der engagierte katholische Sozialpädagoge aus Baden-Württemberg ließ die neben ihm auftauchende Frauke Petry mit ihrem bebend vorgetragenen Beharren auf Unterscheidung zwischen Asylbewerbern und "Wirtschaftsflüchtlingen" einfach ins Leere laufen: "Not ist keine olympische Disziplin."

Kipping versus Petry

Merkels Parteivize Thomas Strobl ("Die AfD verstärkt die Sorgen, statt sie abzubauen") kam hinzu und damit jener Grundton von prinzipieller Zuversicht zum Tragen, der vom "Wir schaffen das" immer noch geblieben ist. Katja Kipping dementierte nicht ausdrücklich, dass sie für die Kanzlerin bete und warnte vor Rassismus infolge von Abstiegsängsten. Dann geriet sie mit Petry aneinander, die es einfach nicht fertigbrachte, sich richtig deutlich zu den mehr als tausend Angriffen auf Flüchtlingsheime zu äußern. Stattdessen ließ sie sich von der Linken in einen ebenso lautstarken wie weitgehend sinnfreien Disput über die steuerpolitischen Pläne der AfD verwickeln. Einzige Erkenntnis: Die AfD hat den alten FDP-Slogan "Leistung muss sich wieder lohnen" übernommen.

"Der Rassismus ist salonfähiger geworden", befand Emine Aslan, Studentin aus Rheinland-Pfalz. Immer noch gebe es viele Vorteile, würden "diskursiv viele Menschen von außen bewertet". Strobl attestierte ihr, natürlich sei es okay, dass sie ein Kopftuch trage, nannte Diskriminierung "verachtenswert" und pries die Zustände in seiner Heimatstadt Heilbronn: Dort hätten 50 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund, es gebe aber keinerlei Probleme.

Angela Papenburg, eine Bauunternehmerin aus Halle, hat in Eigeninitiative und ganz pragmatisch damit begonnen, sich um die Ausbildung junger Migranten zu kümmern. Sie investiert dafür ein Drittel ihrer Arbeitszeit und lässt sogar Flyer auf Arabisch drucken. Dafür gab es an diesem Abend "herzlichen Dank erst mal", und zwar von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles.

Die SPD-Politikerin gab erstens die Devise aus, man müsse "die Leute vom Nichtstun befreien" und zweitens ließ sie wissen: "Wir sputen uns, wir kümmern uns, wir arbeiten dran." Christian Lindner vernahm das eher skeptisch, schließlich ist Bürokratieabbau nach wie vor ein Lieblingsthema der FDP. Nahles konterte etwas spitz, erfahrungsgemäß meinten die Liberalen damit den Abbau von Arbeitnehmerrechten, räumte aber ein, gegenwärtig sei "das ganze System im Stresstest".

Arthur Mashuryan kam einst als Flüchtling aus Armenien und hat die einschlägigen Schwierigkeiten dadurch vermieden, dass er sich in Remagen als Konditor selbstständig machte. "Wir sind Teil dieser Gesellschaft", lautete sein so schlichter wie eindrücklicher Befund. Das Dilemma vieler Flüchtlinge, denen Integration abverlangt werde, brachte er so auf den Punkt: Fänden sie einen Job, heiße es, sie nähmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg. Arbeiteten sie nicht, heiße es, sie fielen dem Sozialsystem zur Last. Und zur Frage der Unterscheidung von Fluchtgründen hatte er den prägnantesten Satz der Sendung parat: "Wenn man verhungert, stirbt man trotzdem. Auch, wenn man nicht erschossen wird."

Super-Wahlsonntag

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