Griechenland-Talk bei Maybrit Illner Kampf der Ökonomen

Griechenland steht am Abgrund - und bei Maybrit Illner übernehmen die Wirtschaftsweisen die Macht. Im Gelehrtengefecht Peter Bofinger gegen Hans-Werner Sinn war kaum mehr Platz dafür, was Europa einmal bedeuten sollte.

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Ganz kurz klingt es, als wären wir hier bei "Game of Thrones" gelandet. Ob denn die "Völker des Nordens" andere Interessen als die "Völker des Südens" hätten, will Maybrit Illner von Peter Bofinger wissen. Der Wirtschaftsweise behält die Nerven und erklärt, nach seiner Einschätzung wollten die "Völker des Südens" ebenso leben und arbeiten wie die "Völker des Nordens". Gut, dass das mal jemand klarstellt. Und das ist nicht einmal der Tiefpunkt einer Diskussion, die über weite Strecken vom Grinsen des Großökonomen Hans-Werner Sinn beherrscht wird.

Den gesprächskulturellen Tiefpunkt setzt Wolfgang Bosbach von der CDU. Seit Jahren geht er mit seinem Kummer hausieren, diesen Griechen noch mehr Geld zu bewilligen. Wenn er einem Hilfspaket zustimmte, dann nur schweren Herzens. Nun scheint ihm der Zeitpunkt reif, dieses schwere Herz auszuschütten - mehr noch, es seinem Guru zu Füßen zu legen, weil der "gerade da" sei, und auch "wenn der erste Halbsatz jetzt weh" täte: "Es gibt nicht wenige, die mit den Augen rollten, wenn Sie in den letzten Jahren das Wort erhoben haben", so der angeblich schmerzliche Halbsatz, dem Hans-Werner Sinn bereits erwartungsfroh folgt: "Sie hatten immer recht gehabt", fährt Bosbach fort, seinen Kranz zu flechten. "Wir Politiker" hätten "gut daran getan, mehr auf die Wissenschaftler zu hören", auf populärwissenschaftliche Großökonomen wie Hans-Werner Sinn nämlich.

Dabei sitzt direkt neben Bosbach eben jener Bofinger, als Ökonom möglicherweise auch nicht gerade auf den Kopf gefallen, der seinem Kontrahenten zuvor in allen Punkten widersprochen hat. Und dabei wies Sven Giegold, für die Grünen in Straßburg, eben noch darauf hin, dass es heute längst keinen Euro mehr gäbe, hätten Politiker in der Vergangenheit bei vergleichbaren Krisen in Irland oder Portugal auf Hans-Werner Sinn gehört.

"Stellen Sie sich vor, es ist Oktoberfest"

In der Vergangenheit hätte es "Geld gegen die Zusagen von Reformen" gegeben, nicht gegen Reformen, so Bosbach. Nun dürften nicht länger "Litauen oder Slowenien" für griechische Schulden aufkommen - so schickt der CDU-Politiker mit rhetorischem Kalkül zwei Winzländer vor, um den Vorwurf des Chauvinismus zu entkräften.

Ein Trick allerdings, mit dem er bei einer so aufmerksamen Kontrahentin wie Kaki Bali nicht durchkommt. Die Journalistin arbeitet als Beraterin im Büro des griechischen Premierministers und verbittet sich, gegen "unsere litauischen oder slowenischen Freunde" ausgespielt zu werden. Auch weist sie das paternalistische Lob zurück, Griechenland hätte in der Vergangenheit durchaus unpopuläre Reformen durchgesetzt: "Es waren nicht nur unpopuläre Maßnahmen. Es waren auch Maßnahmen, die nichts gebracht haben!" Für fünf Jahre hätte die jeweilige griechische Regierung "unter der Aufsicht der weisen Leute gestanden, die gesagt haben: Wir retten das. Aber sie haben es nicht gerettet".

Dies sei auch der Grund, warum Griechenland das unendlich großzügige Angebot seiner Gläubiger abgelehnt und das Referendum anberaumt habe: "Stellen Sie sich vor, es ist Oktoberfest, und plötzlich muss jeder Wirt mit der Mehrwertsteuer von 7 auf 19 Prozent gehen. Da wird die Wirtschaft sprudeln!", fügte Bali nicht ohne Sarkasmus hinzu. "Ich erlebe das alles. Es gab zu viele Reformen und die falschen Reformen." Auch seien die geforderten Rentenkürzungen "ab sofort!" für die Betroffenen nichts anderes als "unmenschlich, eigentlich". Es ginge ihrer Regierung hier "nicht um Sozialismus", aber doch um "etwas Grundsätzliches".

Sinn mag dazu nicht "das Wort erheben". Dafür bemüht sich Bofinger um eine Antwort auf Illners Frage, wie "man aus Griechenland ein Land machen kann, das funktioniert". Zwar vermisse auch er "konstruktive Vorschläge" aus Athen. Das Land könne es aber schaffen, wenn man wachstumsorientiert vorgehe - und die unselige Austeritätspolitik beende. Dazu bedürfe es aber auch eines Umdenkens auf "europäischer Seite".

"Um dieses Europa müssen wir alle weinen"

Der Staat brauche eine funktionierende Wirtschaft, um über Steuereinnahmen… Weiter kommt Bofinger nicht, Hans-Werner Sinn fällt ihm mit Gelächter ins Wort: "Das ist Münchhausen, zieht sich am Schopfe aus dem Sumpf!" Sein Gegenvorschlag: "Schreiben wir die Sachen ab. Fertig, finito." Bofinger hält dagegen, bei einem Austritt Griechenlands hätte der Euro unwiderruflich "einen Sprung in der Schüssel" - sehr zum Leidwesen der brummfreudigen deutschen Wirtschaft. Darauf Sinn sinngemäß: "Das ist das berühmte Fass im Boden. Das Loch. Also das Fass."

Das Gefecht der Ökonomen geht noch eine Weile weiter, bis Sinn es unter Verweis nicht nur auf Zahlen, sondern auch auf sein hochmögendes Institut für Wirtschaftsforschung beendet: "Doch, das ist dokumentiert! Gehen Sie auf die Homepage, www, ifo, Punkt, de." Kaki Bali ist zu diesem Zeitpunkt nur noch müde: "Sie sind absolut sicher, alle hier am Tisch, dass der Grexit morgen da wäre? Und ich muss darauf antworten?"

Das übernimmt Sven Giegold, er wünscht sich für Europa neben der gemeinsamen Währung künftig auch eine gemeinsame Wirtschafts- und Steuerpolitik - und nicht nur Regeln, die in Hinterzimmern unter Regelbrechern nach Belieben außer Kraft gesetzt werden können. Für den Großökonomen Sinn ist die Forderung nach Transparenz statt klandestiner "Institutionen" freilich "alles nur Theorie, Herr Giegold".

Wobei es nicht falsch sein könnte, bei allem Sperrfeuer der Expertisen daran zu erinnern, was diese historisch einmalige Staatengemeinschaft ursprünglich mal bedeuten sollte. Es ist Kaki Bali, die das als einzige an diesem Abend tut. Und es klingt nicht gut: "Wir sind unfähig, 40.000 Menschen aus Syrien unter uns zu verteilen. Und um dieses Europa müssen wir alle zusammen weinen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Hans-Werner Sinn mit dem Satz "Schreiben wir die Sachen an" zitiert. Richtig ist: "Schreiben wir die Sachen ab".

insgesamt 448 Beiträge
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Seite 1
quidquidagis1 03.07.2015
1. Sorry..
..aber langsam kann ich den Spruch von Pofalla gegenüber Bosbach verstehen.Habe den Mann gesehen und abgeschaltet!
coyote38 03.07.2015
2. Was Europa einmal bedeuten sollte ...
... war ein "Europa der Vaterländer", wie es Adenauer und de Gaulle voreschwebt hatte ... ganz bestimmt nicht dieser Brüsseler Moloch, in dem völkerrechtliche Verträge nicht das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben wurden.
mustafa20 03.07.2015
3.
Die EU ist ein politisches Gebilde - zentralistisch und bürokatisch von einer kleinen Elite regiert, die - wie nun spätestens offensichtlich wird - zum Schaden der Bevölkerung ihre Macht mit imensen Schulden finanziert. Menschen in Europa habe in der EWG auch gut kooperiert - im Handel und freiwillig. Mehr braucht es nicht - es ist sogar der einzige Weg für ein friedliches Zusammenleben.
zynik 03.07.2015
4. brainwashing....
Die völlige Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist der zentrale Faktor für die Zersetzung der europäischen Idee. Vielleicht sollten die Talkshows mal ein paar Bürgerrechtler einladen statt die ewig gleichen Ökonomie-Ideologen?
LustigerPiet 03.07.2015
5. Tendentiös ohne Ende
Herr Frank lässt aber überhaupt gar keinen Zweifel daran, wie er zu dem Thema steht. So ein Artikel gehört als "Kommentar" gekennzeichnet. Dieses süffisante Belächeln von Herrn Sinn, der im Übrigen ein anerkannter Ökonom ist, dessen Voraussagen der letzten Jahre oft eingetroffen sind, ist unerträglich für einen "objektiven" Artikel.
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