Illner-Talk zur Wahl "Kommen wir endlich zur Zukunft!" - Ach nee, noch nicht

Und weiter gehen die Koalitionsverhandlungen, diesmal moderiert von Maybrit Illner: In Sachen Postenvergabe erklärt Kubicki, "ich kann alles". Und nachdem das Thema AfD abgehakt ist, geht's endlich hoch her.

Moderatorin Illner (2.v.l.) mit ihren Gästen
ZDF/Jule Roehr

Moderatorin Illner (2.v.l.) mit ihren Gästen


Und weiter gehen die Koalitionsverhandlungen im TV, diesmal im ZDF, moderiert von Maybrit Illner: "Wenn vier sich streiten - mit Jamaika in die Zukunft?" Vorher aber wollen, weil noch nicht jeder überall alles gesagt hat, die üblichen Themen ritualisiert abgearbeitet werden.

In den ersten zehn Minuten also geht es um das Verarzten von Wunden, wird die "Schuld" am Schlamassel gleichmäßig auf Angela Merkel und Martin Schulz verteilt. Merkel, so wird die Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele später analysieren, geht in ihre vierte Amtszeit und ist in mancherlei Hinsicht "abgenutzt", vergleichbar offenbar mit einer seit zwölf Jahren laufenden Spülmaschine.

Gesine Schwan von der SPD meint, das großkoalitionär narkotisierte Parlament sei "nicht zureichend im Bewusstsein" gewesen. Eine "ganz andere Persönlichkeit à la Corbyn" hätte für die SPD mehr Punkte holen können. Cem Özdemir von den Grünen tritt kurzerhand den Rückspiegel ab und verkündet generös, ihm gefalle "diese Häme gegen die SPD gerade nicht". Jetzt schauen wir nach vorn?

Leider nicht. Schon um 22.25 Uhr, die Sendung ist gerade mal zehn Minuten alt, bringt Joachim Herrmann (CSU) ohne Not wieder die AfD und die "Flüchtlingsproblematik" ins Spiel. Und los geht's wieder mit der chronischen Analysitis, die inzwischen einer diskursiven Zwangshandlung gleicht.

Wolfgang Kubicki von der FDP stellt mit bösem Blick auf CSU, CDU und Grüne am Tisch fest, 60 Prozent der AfD-Wähler hätten nur ihren Protest ausdrücken wollen "gegen diese Paartherapie, die wir hier gerade erleben". Ansonsten übt er sich in markiger Herablassung: "Die glauben selbst schon, sie seien bedeutend", dabei handele es sich bei der AfD um "nicht mehr als einen Stein im Schuh der Demokratie".

Armin Laschet, CDU-Ministerpräsident aus NRW, verweist auf Münsterland und Sauerland, "katholisch geprägt", wo die AfD verhältnismäßig schlecht abgeschnitten hat. In Gelsenkirchen dagegen, wo die Rechten 17 Prozent abgeräumt haben, wären die Wähler "von ganz links nach ganz rechts" gewandert, das seien keine CDU-Wähler.

Schwan und Özdemir wiederholen daraufhin die Binse, man müsse die AfD "inhaltlich stellen" und dürfe ihr nicht hinterherdackeln. Da fühlt Herrmann sich angesprochen und weist den Vorwurf als "groben Unfug" zurück. Er sei "nicht zufällig in der christlich-sozialen Union" und dort als Innenminister für Recht und Ordnung zuständig, das habe nichts mit "rechtem Gedankengut zu tun".

Schwan, argumentativ auf Reserve: "Das ist wunderbar, sie sind ein starker Mann, sie reden immer lang und sie setzen sich immer durch, das wäre jetzt mal eine interessante Gender-Beobachtung hier."

Drolligerweise ist es Herrmann, der nun das Thema auch wieder beenden will: "Ich hatte ihre Einladung in diese Sendung falsch verstanden. Ich dachte, wir würden über die Zukunft reden, und nun nicht schon wieder mehr als 20 Minuten über die AfD."

Welche Schuld haben die Medien?

Da hat er aber nicht mit Illner gerechnet, die nun ihrerseits gerne geklärt wissen möchte, ob denn "die Medien" eine Schuld am Auftrieb der Rechten hätten. Dabei bringt sie das Kunststück fertig, ausgerechnet beim Zurückweisen des Vorwurfs erneut in eine der üblichen Fallen zu stolpern. Die AfD, erklärt Illner, spiele ihre Themen überwiegend über soziale Plattformen und nicht über - kurzes Innehalten, in die Luft gemalte Anführungszeichen - "Systemmedien".

Als die Unschuld zumindest des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland endlich geklärt ist, verkündet Illner um genau 22.54 Uhr erlösenderweise: "Kommen wir endlich zur Zukunft!" Und jetzt wird es tatsächlich lebhaft und spannend.

Interessant allein schon die unterschiedlichen Temperamente. Illner stellt Özdemir als "potenziellen Außenminister" vor, was der mit einem "Sie wissen mehr als ich" quittiert. Als sie Wolfgang Kubicki einen "potenziellen Finanzminister" nennt, sagt der: "Ich kann alles."

Kopfüber geht es danach in vorweggenommene Koalitionsgespräche, bei denen sich seltsame Fronten auftun. Da betont ein Laschet, worauf zuvor ein Özdemir hingewiesen hat: "Wirklich politisch Verfolgte nach Artikel 16 haben immer Schutz, ohne Obergrenze. Hört doch mit dem Wort auf!"

Herrmann geht es vorgeblich auch nicht um das Wort, sondern um eine "dauerhafte belastbare Lösung" nach "geltendem deutschen Verfassungsrecht seit 1993", womit die sicheren Drittstaaten gemeint sind. Worauf Özdemir das Fass aufmacht, Deutschland sei bei "Lampedusa" nicht solidarisch mit Italien gewesen, das sei "das grundsätzliche Problem", man treffe sich eben immer zweimal im Leben.

Sogar für die Europapolitik reicht die Zeit. Konfrontiert mit dem Zitat von Emmanuel Macron, bei einem Bündnis von Angela Merkel mit einer Ausgleichszahlungen skeptisch gewogenen FDP seien seine EU-Pläne "tot", gibt Kubicki sich so kokett wie konziliant: "Wenn wir so wirkmächtig wären, wie Macron sagt, dann würde Putin die Krim freiwillig rausrücken." Man solle erst einmal koalieren, dann würde man schon sehen.

Laschet, ganz prinzipiell zu Jamaika: "Wenn man das scheitern lässt, da hat Cem Özdemir völlig recht, steht wesentlich mehr auf dem Spiel." Worauf Schwan von der Seitenlinie einwirft, es wären bei einem Scheitern noch gaaanz andere Kombinationen möglich. Herrlich hoch geht's her. Beinahe bedauernd sagt Özdemir irgendwann zu Illner, "dass wir die Koalitionsgespräche wahrscheinlich nicht bei Ihnen in der Sendung zu Ende führen werden".

Schade eigentlich. Vielleicht sollte ein Sender sich rasch um die Übertragungsrechte an den Gesprächen bemühen. Denn unterscheidbare Parteien in inhaltlicher wie weltanschaulicher Auseinandersetzung - war es nicht das, was die Leute vermisst haben?



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bmvjr 29.09.2017
1. Laute Stille
Der Waehler hat gesprochen - und keiner hoert hin.
aschie 29.09.2017
2. Eine Erkenntniss
läßt sich aus der albernen Diskussion Gestern ziehen. Cem Özdemir und Herr Kubicki sind wie Hund und Katze. Wobei ich persönlich mit Herrn K in keiner Koalition zusammen arbeiten wollte. Ich komme leider nicht umhin dem gutem Man eine gewisse Aroganz zu konstatieren. Ansonsten das übliche um den Heißen Brei reden.Frau Ilner täte gut daran mal eine Talkshow ohne Politiker zu machen. Mein Vorschlag lasst doch das Wahlvolk mal eine Sendung lang Diskutieren. Also ein durchschnittswähler von jeder Partei .Ich finde zwar die Moderatorin Sympathisch aber die Sendung an sich mehr als Langweilig.
lasTorcas 29.09.2017
3. Wow !
Dieser Herr Kubicki kann einfach alles ! Warum kann er das ? Wissen Sie es ? Die richtige Antwort lautet: Er ist Jurist und Juristen können alles, deshalb werden sie Politiker, die können alles und sind für nichts verantwortlich.
timpia 29.09.2017
4. Bekloppte Demokratie verkompliziert alles
Es ist amüsant das Herumgestreite der Parteioberen über (selbstverursachte) Probleme zu verfolgen. Jede Partei hat eine eigene Ideologie, vermutlich wie im Verhältnis ihrer Wählerstimmen. Daraus eien Konsens zu erzwingen wird immer schwieriger und langsam auch lächerlich. Zwischen den Polen in der Flüchtlingsfrage ist alles vertreten, von der offenen Grenze mit Abgabe unserer Vermögen an alle Bedürftigen bis zur Abschottung unserer Grenze mit der Priorität sich um das eigen Volk zu kümmern. Früher hatte der Staat ganz klar die Aufgabe dem eigenen Volk verpflichtet zu sein. Humanistische Ideologien bewegen nun einige Politikter das Nationale abzuschaffen, Staaten zu vereinen um diese vermutlich auch abzuschaffen usw. Wenn aber alle gleich sind, wozu dann noch Demokratie, dann reicht eine Weltregierung mit einer Ideologie, der alle folgen (müssen). Also das Gehirn ausschalten und vegetieren. Kann das der Mensch? Oder es gibt die eine Welt, wo jeder frei aber nicht alle gleich sein müssen - westliche Welt, und die andere - nennen wir sie kommunistische Welt. So sollten sich links und rechtsdenkende Spinner in ihre Welt begeben um sich dort auszuleben. Während das Westmodell Reichtum und Kreativität erwirkt hat das Linksmodell bis dato nicht überzeugt. Aber jeder nach seiner Façon. Deutschland täte gut daran, sich seiner Stärken zu besinnen und das Erreichte zu würdigen als es ideologisch verklärt mit dem Rest der Welt teilen zu wollen. Hier wäre ein Machtwort erforderlich und nicht das Klein Klein der Jamaika Koalition. Deutschland verschenkt kostbare Zeit und Resourcen mit Themen, die nicht zwangweise deutsche Themen sind. Die eigentlichen Themen wie Bildung, künftige Technologien, Renten sind relevanter als über selbstgemachte Probleme wie Migration und Währungsproblematiken zu sprechen. Aufwachen!
HARK 29.09.2017
5. Themenvakuum
Wieder ging es nur um AfD, Flüchtlinge und ein bisschen Europa, aber nur mit dem Vorzeichen Transfers. Kein Wort zu Verkehr, digitale Infrastruktur, Zukunft der sozialen Sicherung und der Arbeitswelt, Bildung. Es ist zum Verzweifeln.
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