Angst-Talk bei "Maybrit Illner" Eine Debatte zum Fürchten

Müssen sich die Deutschen an ein Leben mit Angst und Terror gewöhnen? ZDF-Talkerin Maybrit Illner hatte sich ein interessantes Thema vorgenommen. Angst und bange wurde einem jedoch vor allem angesichts der Hilflosigkeit der Moderatorin und ihrer Gesprächspartner.

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Es klingt absurd, aber an diesem Donnerstag war ausnahmsweise mal der zumeist künstlich auf Hochtouren gebrachte Talk bei Markus Lanz die bessere Wahl für alle ZDF-Zuschauer, die sich erhofft hatten, in ihrer Verunsicherung etwas Orientierung zu erhalten. Obwohl sich Lanz Alice Schwarzer eingeladen hatte: Die raunte davon, ob es nicht verdächtig sei, dass es zu Silvester in so vielen deutschen Städten und europäischen Ländern, die zunächst eine "Willkommenskultur" gegenüber Flüchtlingen gepflegt hatten, gleichzeitig solche massiven Angriffe auf die Freizügigkeit der Frauen gegeben habe. Wenn da mal nicht der "Islamische Staat" (IS) hinterstecke, so Schwarzer. Die Emanzipation der Frau sei den ultrafundamentalistischen Terror-Muslimen ja schließlich der größte Dorn im Auge.

Zum Glück saß neben ihr der Pop-Philosoph Richard David Precht, der offen aussprach, was die ganze Runde dachte: dass sich Schwarzers Mutmaßungen arg nach Verschwörungstheorie anhöre. Ein bisschen von Prechts Abgeklärtheit hätte in der Stunde zuvor auch der Talk-Runde von Maybrit Illner gut getan, die ja eigentlich die seriösere TV-Veranstaltung hätte sein müssen.

"Leben mit Angst und Terror" hatte Illners Redaktion als Thema gesetzt. Entsprechend alarmistisch, und ein bisschen zu atemlos, leitete Illner in ihre erste Sendung des neuen Jahres ein: Sie hätte ja gerne über etwas anderes, Schöneres, gesprochen, aber die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht und das aktuelle Attentat in der Türkei mache einen besinnlicheren Jahresbeginn leider unmöglich: "Müssen wir uns vom guten Gefühl verabschieden, als Deutsche grundsätzlich in Sicherheit leben zu können?"

Die Gelassenheit ist futsch

Nun könnte man sagen: Davon sollten wir uns angesichts der globalen Terror- und Krisenlage eigentlich schon ein bisschen länger verabschiedet haben. Aber der Deutsche weigert sich bekanntlich gerne vehement, den Blick über den hübsch gepflegten Vorgarten hinaus schweifen zu lassen. Leider aber haben sich neben dem penibel beackerten Kartoffelfeld und der Rosenhecke einige unschöne Rummelecken gebildet. Sie kennen das: Ständig will man da endlich mal aufräumen, aber dann kommt wieder was dazwischen und naja, so schlimm ist es ja dann doch nicht, wenn ein bisschen Unordnung herrscht. Daran geht der Garten nicht zugrunde. Oder, wie Precht bei Lanz sagte: "Im letzten Jahr kamen Hunderttausende Flüchtlinge zu uns, davon sind noch nicht einmal ein Promille an Silvester straffällig geworden."

Stimmt. Aber diese Gelassenheit scheint eben tatsächlich seit Silvester futsch zu sein. Es wäre interessant gewesen, auf eine Meta-Ebene zu gelangen, um wirklich mal nüchtern und vernünftig zu erörtern, ob der Deutsche um seine persönliche Sicherheit und den Zusammenhalt seiner Zivilgesellschaft fürchten muss.

Leider aber scheinen wir uns schon allzu fest im Griff von Terror, Angst und Chaos zu befinden. Denn mehr als hilflose Rufe nach mehr Polizei, mehr Gesetzen, strengerer Abschiebepraxis und mehr Härte des Rechtsstaats war aus Illners Runde, zu der auch hochkarätige Politiker wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Grünen-Chef Cem Özdemir gehörten, nicht herauszuholen.

Illner verplempert zu viel Zeit

Das lag auch an Illner selbst, die viel zu viel Zeit ihrer ja nur einstündigen Sendung damit verpulverte, zu erörtern, wie denn die türkischen Behörden so schnell wissen konnten, dass es sich bei dem Selbstmordattentäter von Istanbul um einen IS-Kämpfer aus Syrien gehandelt habe. Anlass genug für ein parteipolitisches Gehakel zwischen Özdemir und de Maizière über die Frage, wie vertrauenswürdig denn eigentlich die Türkei überhaupt sei und ob es nicht einer der größten Fehler Angela Merkels gewesen sei, sich nach ihrer Regierungsübernahme nicht für die Türkei als EU-Beitrittskandidat zu interessieren. Rot-Grün sei da damals schon viel weiter gewesen, und so weiter und so uninteressant.

De Maizière ist als Merkels Mann für die unbequemen Ansagen ja Kummer gewohnt, was sich tief in seine Gesichtszüge gegraben hat. Er setzte also seinen sich immer sehr rührend in die Ferne sehnenden Geduldsblick auf und sagte irgendwas Pragmatisches.

Die anderen Gäste, Frauenrechtlerin Seyran Ates, Islam-Experte und Illner-Stammgast Guido Steinbach sowie "Zeit"-Politikchef und Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich hatten bis dahin auch noch nichts Substanzielles beitragen dürfen, und so blieb es leider auch bis kurz vor Schluss.

Wer sollte sich schämen?

Illner würgte das Türkei-Kleinklein dann ab - wahrscheinlich hatte sie gemerkt, dass schon 25 Minuten verstrichen waren, ohne dass es um das Metathema Angst ging. Das kam dann aber immer noch nicht zur Sprache, weil dann noch einmal Köln in all seinen komplexen Facetten verhandelt werden musste. Dazu gesellte sich Kripo-Lobbyist Sebastian Fiedler (Vizechef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter) in die Runde und wirkte mit seiner rheinischen Jovialität erst einmal erfrischend. Bis er das tat, was nun einmal sein Job ist, nämlich die Kölner Polizei in Schutz zu nehmen und sich bei de Maizière über die unzulängliche Ausstattung der Beamten zu empören.

Der Innenminister musste sich nun erst einmal von Illner daran erinnern lassen, dass er ja in einem ersten Interview nach den Silvester-Vorfällen gesagt habe, die Polizei sollte sich schämen. Er flüchtete sich in die wohlfeile Aussage, die ersten, die sich schämen müssten, "sind die Täter".

Das fand auch Özdemir, der noch einen draufsetzte, indem er volksnah an die Opfer erinnerte, nämlich die in Köln misshandelten Frauen, die bisher noch gar nicht vorgekommen waren. Die Redaktion spielte dann also noch einmal die Tafeln mit jenen Aussagen über begrapschte Busen und Schlimmeres aus den Polizei-Protokollen der Silvesternacht ein. Entsetzlich. Aber eigentlich wollte man ja in der Debatte einen Schritt über die Empörung hinaus kommen. So weit sind wir anscheinend noch nicht.

"Was ist eigentlich passiert in Köln?"

Zu diesem Zeitpunkt, es blieb noch etwa eine Viertelstunde, hatte die Runde den Blick auf das große Ganze vollends verloren, so dass Seyran Ates alles auf Null setzte: "Was ist eigentlich passiert in Köln? Was haben denn die Polizisten getan?" Tja, man weiß es, wie so vieles aus jener Nacht, immer noch nicht so genau.

Bernd Ulrich erinnerte dann daran, dass sein Blatt schon vor Monaten angesichts der sozialen Herausforderungen der Flüchtlingsankunft ein umfassendes Infrastruktur-Programm gefordert habe, denn es sei ja wohl jedem klar gewesen, dass es Probleme geben würde. Sämtliche Eliten, so Ulrich, hätten aber zu viel Angst davor, dass die Stimmung im Land gegen die Flüchtlinge kippe, Medien wie Politiker. Es gebe ein Vorurteil gegen die Deutschen, alles sei ständig "kurz davor, wieder ganz schlimm zu werden".

Wäre noch Zeit gewesen...

Immerhin war da auf einmal doch noch die Rede von Ängsten, vielleicht sogar von denen, um die es in Wahrheit geht. Wäre noch Zeit gewesen, oder hätte Illner eingehakt, womöglich wäre man etwas vorangekommen und hätte festgestellt, dass in diesem Fall der Blick in die Türkei oder nach Syrien und Nordafrika ausnahmsweise nicht zielführend ist, sondern dass nun wirklich erst einmal die Rummelecken im Vorgarten aufgeräumt werden müssten. Besonders wenn es um die Frage geht, welche Ressourcen geschaffen werden müssen, um eine schnelle und bessere Integration der bereits hier lebenden Ausländer und der neu Ankommenden zu leisten.

Dieser frustrierend hektische und unstrukturierte Talk bei Maybrit Illner hat gezeigt, dass bei dieser feinen Gärtnerarbeit noch viel Mühe, viel Ruhe und Souveränität vonnöten sein wird.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Hank Hill 15.01.2016
1. Die Deutschen
sind offenbar nicht in der Lage ein normales Maß zu finden. Erst ist es Bürgerpflicht mit einem Teddy am Bahnhof zu winken, und nach den Vorfällen in Köln tut man so als sei Deutschland in Gefahr. Warum können wir nicht einmal verhältnismäßig reagieren ? Oder der Wahnsinn "Integration" perfekt organisieren zu wollen. In den USA sagt man dem Neuankömmling: Gratuliere, Du bist jetzt in einem freien Land, mach was draus. Die Gesellschaft schert sich einen Dreck ob ein Einwanderer das schafft, oder nicht. Im Endeffekt liegt es an dem Einwanderer ob er in die Gänge kommt. In den USA ist wenig organisiert, bei uns möchte man alles perfekt organisieren, bekommt aber nicht viel in den Griff. Bei uns gibt es Taschengeld, aber evtl. auch ein Schwimmbadverbot. Von außen betrachtet ist Deutschland ein bizarres, seltsames Land welches sich langsam aber sicher vom Rest von Europa isoliert.
Mieze Schindler 15.01.2016
2. Frau Illner war wieder einmal vollkommen überfordert!
Schön, dass das auch andere merken. Warum darf sie dann im Öffentlich Rechtlichen TV immer weiter auftreten, wenn sie so einen schlechten Job macht?
qjhg 15.01.2016
3. So lange die Merkelregierung
Soldaten nach Syrien und den Irak schickt, müssen wir mit Anschlägen in Deutschland rechnen. Denn der vermeintliche Gegner in diesen Ländern wird den Krieg nicht so führen, wie die Merkelregierung glaubt. Das unsere Art der Kriegsführung keinen Erfolg haben wird, haben wir schon in dem langjährigen Krieg in Afghanistan erfahren müssen. Die Schröderregierung hat aus guten Grund eine Teilnahme am Krieg im Irak abgelehnt. Frau Merkel hat ihn immer gewollt, jetzt wird sich zeigen, mit welchem Erfolg.
stefan_eksihtam 15.01.2016
4. Maybritt Illner Talk
hat überhaupt nichts gebracht, wie so oft. Da werden ein paar Fakten auf den Tisch gelegt, jeder Gast darf das wiederholen was sowieso schon jeder weiss - ein wenig wie in einem Politikseminar - die Formulierungen werden noch etwas gepfeilt - das wars.
anne63 15.01.2016
5. dazu kommt...
... dass wir Deutschen uns immer nur dann empören, wenn unsere eigene kleine Welt gefahr läuft, sich etwas zu unseren Ungunsten zu verändern. Der Deutsche ist duldsam und so geprägt, lieber die Faust in der Tasche zu lassen. Dann passiert es natürlich schnell, dass aus einem Tropfen zu viel dann ein reißender Strom wird. Verhältnismäßigkeit und eine gelassene Nüchternheit wäre gut. Hank Hill hat das ganz treffend formuliert!
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