"Maybrit Illner" zu Erdogan Maximale Verschnarchung

Maybrit Illner ließ im TV-Studio über das deutsch-türkische Verhältnis diskutieren. Sigmar Gabriel inszenierte sich gänzlich bundesaußenministerlich. Ein anderer Gast entpuppte sich als Totalausfall.

Zu Gast bei Maybrit Illner (M.): Hasnain Kazim, Sabahattin Cakiral, Norbert Röttgen und Seyran Ates (v.l.). Zugeschaltet: Sigmar Gabriel
ZDF/ Svea Pietschmann

Zu Gast bei Maybrit Illner (M.): Hasnain Kazim, Sabahattin Cakiral, Norbert Röttgen und Seyran Ates (v.l.). Zugeschaltet: Sigmar Gabriel


Einen Monat noch bis zur Bundestagswahl. Und immer noch keine Spannung, nirgends. Laut letzter Umfragen haben sich die meisten Wähler zwar noch gar nicht entschieden, wissen aber eh schon, wie das Ganze ausgehen wird. Drama fühlt sich anders an. Diese maximale Verschnarchung konnte auch Maybrit Illner in ihrer ersten Sendung nach der Sommerpause nicht durchbrechen, obwohl sie und ihre Redaktion sich redlich bemüht hatten, die bundesdeutsche Wahl mit einem internationalen Konflikt aufzupimpen: "Erdogan und die Deutschen - Eskalation im Wahlkampf?" - so der Titel der Sendung.

Scheinbar schienen der Redaktion die plumpen Pöbeleien Erdogans in ihrer Krassheit angesichts der steinernen Ruhe im Land einfach unwiderstehlich. Dabei hätte man ahnen können, dass bei diesem Thema schnell die Luft raus sein würde. Weiß doch jeder Drehbuchautor: Starkes Drama braucht einen starken inneren Konflikt. Den versuchte Illner in Form des Fragezeichens am Ende des Sendungstitels zu behaupten. Dabei ist die Eskalation ja schon lange nicht mehr zu bestreiten und trägt Früchte in immer absonderlicheren rhetorischen Ausfällen.

Insofern stellte sich in der Runde von Beginn an eine Einmütigkeit ein, die zwar dem Thema angemessen, einem spannenden Verlauf der Sendung allerdings sehr abträglich war. Geladen waren CDU-Mann Norbert Röttgen; die deutsch-türkische Anwältin und Erdogan-Kritikerin Seyran Ates; SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Hasnain Kazim, der die Türkei 2016 wegen seiner kritischen Berichterstattung verlassen musste; Ahmet Toprak, deutscher Erziehungswissenschaftler mit türkischen Wurzeln; sowie zugeschaltet Sigmar Gabriel, jener Mann also, der sich von Erdogan kürzlich nach seinem Alter fragen lassen musste.

Immerhin kommt mit Gabriel dann doch fast so etwas wie Wahlkampfstimmung auf, denn der lässt sich die Gelegenheit nicht nehmen, sich so richtig bundesaußenministerlich zu inszenieren: Abgeklärt, wenn es um persönliche Beleidigungen und die seiner Frau geht ("ist man als Politiker gewöhnt"), kühl in der Analyse von Erdogans Verhalten ("Kalkül, um von inneren Widersprüchen in der Türkei abzulenken"), engagiert-emotional in der Einschätzung des deutsch-türkischen Verhältnisses ("wir sind den in Deutschland lebenden Türken zu Dankbarkeit verpflichtet, die Türkei ist nicht Erdogan").

"Kann ich nix mit anfangen"

Ihre Chance, Gabriels ausgeruhte Polit-Profihaftigkeit zu unterbrechen, sah Illner in der Frage, warum Deutschland erst jetzt entschlossener auf die Anwürfe aus der Türkei reagiere. Vielleicht stellte sie die Frage deshalb gleich drei Mal. Gabriels Antwort blieb trotzdem die immer gleiche, ja auch schon zur Genüge bekannte: Deutschland wolle den Gesprächsfaden eben nicht abreißen lassen, und überhaupt, die Gespräche zum EU-Beitritt der Türkei könne man gar nicht als solche bezeichnen. Etwas schrill mutete dann schon Illners Frage an, ob die Türkei die neue DDR sei (den Vergleich hatte zuvor Wolfgang Schäuble aufgestellt), wozu Gabriel nur ein gemurmeltes "Kann ich nix mit anfangen" einfiel.

Norbert Röttgen wollte anschließend zwar eine Diskrepanz zwischen Worten und Taten der Bundesregierung wahrnehmen und empfahl dringend einen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen. Er wollte aber ebenfalls nicht weiter an der Eskalationsschraube drehen.

Eine wichtige Frage wird kaum besprochen

Hasnain Kazim meinte, die Türkei-Politik Deutschlands müsse robuster werden, eine andere Sprache verstehe Erdogan nicht. Seyran Ates schilderte emotional und detailreich die Ausschaltung der Justiz in der Türkei. Und Ahmet Toprak nahm einer besorgt dreinschauenden Illner die Angst, Erdogans Wahlempfehlungen für Deutschtürken ("nicht SPD, Grüne oder CDU wählen") könnten von denen ernst genommen werden: "Dabei handelt es sich um Bürger mit deutschem Pass, die haben keinen Grund, sich reinreden zu lassen."

Und alle fühlten sich bemüßigt, im Fall des in Spanien auf türkischen Geheiß verhafteten Autors Dogan Akhanli ein wechselseitiges Versagen deutscher und spanischer Behörden sowie Interpols zu sehen. Merkwürdig nur, dass ausgerechnet die Frage nach dem fragwürdigen Flüchtlingsdeal mit der Türkei nur flüchtig gestreift wurde.

Bei so viel Einigkeit hatte die Redaktion natürlich auf einen Mann gesetzt, der bisher noch nicht erwähnt wurde und in der Sendungsdramaturgie wohl die dunkle Seite der Macht vertreten sollte: Sabahattin Cakiral, Generalsekretär der minikleinen BIG-Partei (2500 Mitglieder), die sich an Muslime in Deutschland wendet und der eine Nähe zu Erdogans Regierungspartei AKP nachgesagt wird. Allerdings entpuppte sich Cakiral in seiner Rolle als Totalausfall.

Gleich in seinem wirren Eingangsstatement verhedderte er sich in einem bizarren Vergleich der Fälle Akhanli und Murat Kurnaz, den niemand verstand - nicht nur, weil er sachlich so hanebüchen, sondern auch so wirr vorgetragen war. Davon erholte sich Cakiral nicht mehr und wurde für seine Versuche, die Situation in der Türkei herunterzuspielen ("da läuft ja niemand mit einem Kescher herum und schnappt Leute"), von der sehr robust argumentierenden Ates endgültig auf die Bretter geschickt.

Danach herrschte wieder berechtigte, aber wenig erkenntnisreiche Einigkeit.



insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
nofreemen 25.08.2017
1. es geht doch
Wenn man sich einig ist, ist das immer gut. Kultur in reinkultur. Echt deutsche Kante.
esgehtdoch1974 25.08.2017
2. und wieder mal nichts verpasst
Danke SPON, dass Ihr die Sendung zusammengefasst habt. So konnte ich mir die ersparen. Allerdings frage ich mich immer wieder, was der Sinn dieser politischen Dampfplauderstunden ist. Vielleicht Selbstdarstellung ... aber im deutsch türkischen Spannungsverhältnis hat die Sendung nichts verändert.
wrkffm 25.08.2017
3. Dankverpflichtung ?
Zitat : ("wir sind den in Deutschland lebenden Türken zu Dankbarkeit verpflichtet, die Türkei ist nicht Erdogan") Andersherum wird wohl eher ein Schuh draus. Die in Deutschland lebenden Türken sollten wohl eher den Deutschen zu Dank verpflichtet sein , da sie hier bei uns ihr Auskommen haben und hier leben dürfen. Warum wohl kamen sie Jahrzehntelang zu Hunderttausenden nach Deutschland ? Und Frau Merkel ist nicht Deutschland.
thorsten35037 25.08.2017
4.
Meiner Meinung nach. lässt Hr. Gabriel seinerseits keine Möglichkeit aus, Öl ins Feuer der angespannten deutsch-türkischen Beziehung zu gießen. Oder was soll die neuerliche Äußerung, dass längjährige Urlauber jetzt vorsichtiger sein müssten.
pascht 25.08.2017
5. "no go" Einschlaf Sndungen
schaue ich schon seit Jahren nicht mehr, obwohl ich die früher eifrig guckte. Solche Sendungen die NULL Information vermitteln, Illner, Maischberger, u.a. und nur dazu dienen insbesondere einem gewissen Damenprofil satte Gewinne einzubringen, egal welche Qualität sie abliefern. Das geht überall da, wo öffentliche Gelder verantwortungslos verschleudert werden dürfen. FAZ hatte diese Sendungen mal mit "Krawallsendungen" betitelt, denn das ist die erste Intention solcher Sendungen und weil dies auch die Protagonisten selber so sehen, ist die Qualität noch mieser. Bestenfalls kann man darüber palavern ob die letzte Rautenposition der Schamlosigkeit noch in Nabelhöhe ist, oder schon auf Schambeinhöhe abgesunken ist, wobei letzteres kaum möglich ist, da Scham und Schamesröte aus dem Vokabular dieser Republik gestrichen wurde.
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