"Maybrit Illner" zu Erdogan und Kurden Dann könnte es richtig knallen

Türkische Offensive in Syrien, Anschläge auf türkische Einrichtungen in Deutschland - Maybrit Illner fragt, ob mit Erdogans Kampf gegen die Kurden die Gewalt zu uns komme. Eine Sendung im Spekulationsmodus.

Moderatorin Illner (M.) mit ihren Gästen
Jule Roehr/ ZDF

Moderatorin Illner (M.) mit ihren Gästen

Von Klaus Raab


Es gibt mehrere Stränge, die Maybrit Illner an diesem Abend mit ihren Gästen zu entwirren versucht: Da sind Anschläge in Deutschland. Da ist ein völkerrechtswidriger Krieg in Nordsyrien. Und das alles wird auf der Folie der angeheizten deutschen Islamdebatte und der Waffenlieferungen an die Türkei verhandelt, die gegen die kurdische YPG-Miliz in Nordsyrien auch mit deutschen "Leopard 2"-Panzern kämpft.

Ihre Sendung stellte Illner unter den Titel: "Erdogans Kampf gegen die Kurden - kommt die Gewalt zu uns?" Und die Position der Runde ist recht klar: Das verbitten wir uns.

Cem Özdemir von den Grünen etwa: "Hier in Deutschland tragen wir die Konflikte mit dem Wort aus", sagt er und verurteilt so die Anschläge, die in den vergangenen Wochen auf Moscheen und andere türkische Einrichtungen verübt worden sind. 37 davon wurden 2018 bereits gezählt, deutlich mehr als im gesamten Jahr 2017. In einem Einspielfilm klingt der naheliegende Verdacht an, dass "Kurden so Rache für Erdogans Einmarsch" im mehrheitlich kurdischen Afrin nehmen könnten.

Video: Türkische Armee besetzt Afrin

Ali Ertan Toprak, Vertreter der Kurdischen Gemeinde, schließt sich Özdemir an: "Wir leben in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, wo Konsens besteht, dass Gewalt als politisches Mittel inakzeptabel ist." Und natürlich ist darüber niemand anderer Meinung - zumal es für derartige Pflichtäußerungen immer wieder Applaus gibt.

Das Problem ist nur: Dass Worte reichen, das glaubt dann halt doch niemand. ZDF-Terrorexperte Elmar Theveßen nicht, der sagt, man werde das geopolitische Problem, um das es hier gehe, nicht "mit Worten" lösen - "das geht nur mit politischem Druck". Und Cem Özdemir - einer der deutlicheren Kritiker der türkischen Regierung - glaubt das auch nicht.

Er wünsche sich von der Kanzlerin, die das türkische Vorgehen in Afrin scharf kritisiert hat, nicht nur Worte, sondern "dass Taten folgen", sagt Özdemir. Er meint wirtschaftlichen Druck, denn das sei die Sprache, die Erdogan verstehe.

Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter ist es, der es nach zehn Minuten einfach mal ausspricht: dass alles wirklich äußerst komplex sei. Er räumt einiges von dem wieder ab, was zuvor schon wie eine Gewissheit formuliert worden ist, etwa vom Vorsitzenden des Deutschen Islamrats, Burhan Kesici: Dass zwar keineswegs "die Kurden", aber doch die PKK oder PKK-nahe Organisationen hinter den Anschlägen auf türkische Einrichtungen stünden. Man wisse noch nicht viel, sagt Kriminalhauptkommissar Fiedler. Und wenn man eines vom NSU gelernt habe, dann, dass man sich nicht zu früh auf eine Tätergruppe festlegen dürfe.

Theveßen sekundiert und bringt Linksextremisten ins Spiel. Serap Güler von der CDU ergänzt, dass man auch Rechtsextremisten nicht ausschließen könne. Wie gesagt: alles hochkomplex.

Über die Frage aus dem Sendungstitel - "Kommt die Gewalt zu uns?" - kann letztlich nur im Spekulationsmodus verhandelt werden: Wenn die außenpolitische Entwicklung entsprechend ist; wenn Abdullah Öcalan, das Gesicht der auch in Deutschland verbotenen PKK, sterben würde - dann, ja dann…, sagt Fiedler, könnte es "richtig knallen". Die Botschaft, dass die Polizei nicht die Kapazitäten hätte, auf solche schnellen Entwicklungen angemessen zu reagieren, bringt er gern mit unter.

Video: Türkische Kurden zur Afrin-Offensive

REUTERS

Interessanter ist aber ein anderer Diskussionsstrang: die Frage, was man gegen die Spaltung, vor allem zwischen kurdisch- und türkischstämmigen Deutschen, tun könne. Hier verrutscht das Ganze kurz Richtung Trashtalk, als Burhan Kesici vom Deutschen Islamrat und Ali Toprak von der Kurdischen Gemeinde sich ins Gehege kommen und einfach gleichzeitig sprechen. Kesici behauptet, dass über die türkische Offensive in Afrin viel Unsinn erzählt werde. Toprak wirft Kesici vor, er verbreite als Vorsitzender des Islamrats "wieder die Propaganda des türkischen Staates". Kesici stellt Topraks Thesen infrage. Irgendwann fangen sie an, darüber zu streiten, wem nun welche Redeanteile zustünden, bis Maybrit Illner mit einem zackigen "Sagen Sie Ihr Argument!" Ordnung schafft.

Das Argument von Toprak: Es sei nicht in Ordnung, dass Kesici die Offensive und die Rolle der Moscheen in Deutschland verharmlose. "Ich habe noch nie gehört, dass Moscheen Erdogan kritisieren."

Serap Güler, Staatssekretärin für Integration in Nordrhein-Westfalen, pflichtet ihm bei: Kesici verteidige als Islamvertreter die türkische Politik, "und genau das ist mein Problem". Der deutsche Moscheeverband Ditib disqualifiziere sich zunehmend. Özdemir spricht von "Parallelstrukturen", von der Türkei aus würden etwa Ditib-Vorstände ausgetauscht. Toprak spricht, statt von Parallel-, gar von Gegengesellschaften und fordert: Wer gegen die PKK vorgehe, müsse auch gegen Erdogan vorgehen. "Von der Bundesregierung kommt bislang zu wenig."

Aber, das ist dann wirklich unglücklich: Für die "Absurdität der deutschen Außenpolitik" (Illner) bleiben am Ende nur noch vier Minuten.

Güler hat zuvor immerhin schon beklagt, dass Horst Seehofers Äußerung, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, spaltend wirke. Aber das war Innenpolitik. Özdemir sagt nun noch einmal, es könne nicht sein, dass deutsche Panzer durch Afrin rollen. Aber dann kommt auch schon Markus Lanz. Die Einhaltung der Fernsehprogrammzeiten gehört nämlich ganz sicher zu Deutschland.

insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pförtner 23.03.2018
1. Spkulationsmodus
Es bedarf keiner Spekulation. Wenn durch Krieg, mit einander verfeindete Ausländer, hier in Deutschland aneinander geraten, dann knallt es und kein Auge bleibt trocken. Auch kein Deutsches. Wer in Deutschland Krieg führen will, der soll und muss das Land verlassen.
idris_yapca 23.03.2018
2. Das Thema der Sendung stimmt nicht!
Ich weiß nicht warum die deutschen Medien es schwer tun die PKK zu benennen? Ich meine die Türkei begeht keinen Krieg gegen die Kurden. Wie soll das denn gehen? In der türkischen Armee sind Kurden und in der der FSA sind Kurden. Und das ist Fakt. Es ist eine Operation gegen Terroristen der PKK/PYD/IS Ich finde es sehr einseitig, dass man auch nur PKK Sympathisanten zu Wort kommen lässt. Die Mehrheit der Kurden sind gg die Terroristen und diese lässt man nicht zu Wort kommen. Und Herr Ali Toprak als ob Sie in die Moscheen gehen würden und wissen was alles geredet wird?
mkaemmer 23.03.2018
3. Konflikte
Cem Özdemir von den Grünen etwa: "Hier in Deutschland tragen wir die Konflikte mit dem Wort aus". Im Ausland verwendet man hingegen auch gerne deutsche Argumente wie z.B. Leopard2
jujo 23.03.2018
4. ...
Islam gläubige Menschen gehören heute zu Deutschland. Sie sind in Deutschland geboren, sind Deutsche. der POLITISCHE Islam gehört mit Sicherheit nicht nach oder zu Deutschland. Der politische Islam sieht alle anderen Menschen als Feinde und Ungläubige, die verfolgt und getötet werden können. Beispiele sind täglich zu sehen. (noch nicht, zum Glück, in Deutschland) DITIB und ähnliche in Deutschland tätige politsche islamistische Organisatione gehören nicht nach Deutschland. Sie denken und handeln respektlos gegenüber dem Gastland. Gastland deshalb, weil sie nicht neutral eigenverantwortlich handeln, sondern weisungsgebunden, durch von der Türkei nach Deutschland entsandtes Führungspersonal.
Sonia 23.03.2018
5. Ungewöhnlich Klartext gestern in der Sendung
gestern; Respekt allen, die da saßen. Was Erdogan in der Türkei treibt wurde ausgesprochen als das das, was es ist: Krieg eines NATO-Patners, Vertreibung Zehntausender, völlig folgenlos für den NATO-Partner, der lange Arm der Türkei in unsere Moscheen und die Tatenlosigkeit der EU u. unserer Regierung. Gestern schaltete ich nicht ab, das machte der Sender selbst, als die Diskussion am spannendsten war. Die aufrichtigen u. offenen Warnungen des Kriminalisten, mögen bei unserer Regierung ankommen. Warum fliegt die Türkei nicht aus dem Europarat? Wie kann so ein Aggressor, der ethnische Säuberungen durchführt, Mitglied der NATO sein? Wenn ich die letzte Maischberger-Sendung noch im Ohr habe, wo nicht nur ich sprachlos hörte u. sah, mit welchem blinden Hass u. Fanatismus der Europaabgeordnete Brock u. ein Brite argumentelos agierten, waren die sachliche und kluge Illner- Runde sehr interessant. Wer Kurden sind, woraus deren Verfolgung entstand, welchen Religionen sie angehören etc., dazu blieb leider keine Zeit, das zu erfahren.Ich las nach: Kurzform - als in deren Regionen, wo sie überwiegend lebten, Erdöl u. große Wasservorröte entdeckt wurden, weckte das die Gier der anderen. Immer wieder also diese Interessen. Sie sind Aleviten, Christen, Jesiden, Muslime ....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.