Putin-Talk bei "Maybrit Illner" "Wir stecken in einem furchtbaren Informationskrieg"

Syrien und der Fall Sergej Skripal dominieren derzeit die Schlagzeilen. Maybrit Illner nahm das zum Anlass, um zu fragen: "Steht Putin unter Generalverdacht?" Ihre Gäste fanden erstaunlich ausgewogene Antworten.

Maybrit Illner (Mitte) mit Gästen
ZDF/Svea Pietschmann

Maybrit Illner (Mitte) mit Gästen

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"Putinversteher" ist ein seltsamer Kampfbegriff. Sympathien jedenfalls flogen dem russischen Präsidenten aus Maybrit Illners Talkrunde nicht zu. Trotzdem bewegte sich die Debatte über "Skripal, Syrien und Sanktionen" in angenehm ausgewogenem Fahrwasser. Was sie, Dialektik ist eine vertrackte Sache, nicht eben beruhigender machte.

Alexander Rahr beispielsweise, Historiker und Publizist, hätte wohl kaum eine seitenreiche Biografie über Wladimir Putin verfasst, wenn er dessen Persönlichkeit nicht faszinierend fände. Und als Berater von Gazprom dürften ihm eigene Interessen nicht ganz fern liegen. Seine Position aber ist die des kalten Realisten in einer kalten Welt, der dennoch keinen neuen Kalten Krieg oder gar heißen Krieg heraufbeschwören möchte.

Im Video: Propaganda-Krieg - Putins Trollfabriken

SPIEGEL TV

Wir erlebten derzeit eher eine Deeskalation, sagt er. Allerdings steckten wir "in einem furchtbaren Informationskrieg, wo man keiner Seite mehr glauben kann". Dass auch "wir", also der Westen, uns in die Angelegenheiten Russlands eingemischt hätten und noch mischen, das sei nicht zu leugnen. Putins Plan für Syrien sei ursprünglich "sehr vernünftig gewesen", meint Rahr, mit Wahlen und dergleichen: "Warum arbeiten wir nicht gemeinsam?"

Lernen, mit einem Sieg von Assad zu leben

Im direkten Vergleich zu so viel Geschmeidigkeit ist es auf einmal Norbert Röttgen, CDU-Außenpolitiker und Transatlantiker, der ganz dogmatisch wirkt. Er sieht "uns an der Seite der Amerikaner" und vor allem derjenigen, die die Opfer dieses Kriegs sind. Verlangt recht wohlfeil "Politik, Diplomatie, und dass das nicht wieder aufhört". Man müsse übrigens "gar nicht über Giftgas reden", es gebe in Syrien auch so schon "eine bewusste Vertreibung und Tötung von Zivilisten, um der Milizen habhaft zu werden". Alles richtig. Und wie weiter?

Katja Gloger, ehemalige Moskau-Korrespondentin des "Sterns", empfindet derzeit den "Unsicherheitsfaktor größer als zu Zeiten des Kalten Kriegs". Im Hinblick auf Syrien sei der Westen verantwortlich dafür, dass der Krieg "überhaupt erst so massiv eskaliert ist". In diese Untätigkeit, dieses geopolitische Vakuum, sei Putin hineingestoßen. Wir müssten lernen, mit einem Sieg von Assad zu leben "und daraus vielleicht für die Zukunft Schlüsse ziehen".

Im Video: Putin und der Syrien-Krieg

Rossija 24

Ein Fatalismus, der gar nicht so weit entfernt ist vom Pragmatismus eines Alexander Rahr - während Gregor Gysi nicht falsch, aber doch in ermüdendem Whataboutismus immer wieder darauf hinweist, dass auch die USA mit schmutzigen Mitteln arbeiten. Siehe Irak, siehe Massenvernichtungswaffen. Und auch die Türkei führe einen aggressiven Angriffskrieg in Syrien, obendrein mit Unterstützung der Bundeswehr. Richtig ist aber auch: "Europa hat in Bezug auf Russland ein anderes Interesse als die USA."

Warum sollte Russland einen ausgetauschten Spion töten?

Der Fall des Doppelagenten Sergej Skripal wird allzu launig im James-Bond-Look und nicht untendenziös als "eine Theresa-May-Produktion" anmoderiert. Angesichts der fröhlich flottierenden Theorien und Nebelkerzen in dieser Affäre wird Gysi nicht bange, ihn schreckt kein Informationskrieg, er weiß Bescheid: "Ich habe als Anwalt eines gelernt: Immer wenn etwas passiert, steckt ein Motiv dahinter." Und Moskau habe kein Motiv, einem nicht mehr aktiven Spion an den Kragen gehen zu wollen. "Noch nie in der Geschichte" habe ein Staat "den Ausgetauschten hinterher getötet", so Gysi. Wenn Putin so etwas getan hätte, dann "müsste er so was von erzbescheuert sein".

Ein Motiv, insinuiert, hätte hingegen nur der kriegstreibende Westen. Dem widerspricht Christopher Nehring vom Deutschen Spionagemuseum mit einem interessanten Argument. Anders als seine Vergangenheit als Doppelagent sei das Handeln Skripals in den vergangenen Jahren nahezu unbekannt, gerüchteweise aber durchaus brisant. "Wenn es da etwas gab, was Russland als Geheimnisverrat betrachten könnte, dann wäre es wieder ein eindeutiger Fall."

Historiker und Publizist Alexander Rahr
ZDF/ Svea Pietschmann

Historiker und Publizist Alexander Rahr

Hierzu hat Alexander Rahr zwar keine erhellenden Argumente, aber doch "noch alternative Gedanken", die er gerne äußern würde. Allen voran: "Wenn eine Kalaschnikow aus russischer Produktion einen Menschen erschießt, heißt das nicht, dass das ein Russe gewesen ist."

Den Fakten folgen - und "den toten Russen"

Wieder ist es Katja Gloger, die erfreulich ausgewogen eine Mitte sucht: "Wir sollten dahin gehen, wohin uns die Fakten führen", und das sei: Moskau. Dennoch sei die sehr schnelle Verurteilung Putins und die beispiellose Ausweisung von Diplomaten "unglücklich und falsch" gewesen. Nun sei doch der richtige Zeitpunkt, Russland dazu einzuladen, gemeinsam den Fakten zu folgen. Dann würde man schon sehen, wie weit man komme.

Im Übrigen habe Putin mit seiner Politik vor allem im eigenen Land großen Erfolg. Indem er Russland als vom Westen "belagert" schildert, schicke er es auf einen "Sonderweg" weg von Europa, in eine postwestliche Welt. Dies sei zu verhindern, notfalls eben auch mit neuen Sanktionen gegen den kleinen Kreis der herrschenden Milliardärs. Solche Maßnahmen schnitten wirklich "ins Herz des Systems".

Gregor Gysi, Sandra Navidi
ZDF/ Svea Pietschmann

Gregor Gysi, Sandra Navidi

So sieht das zwar nicht Alexander Rahr, der Russland schon in Asien auf der Seite von China sieht, wohl aber Sandra Navidi. Die Unternehmerin und Publizistin stellt fest, gerade offene Gesellschaften seien von der "hybriden" Informationskriegführung des Kreml "gut zu durchsetzen". Zwei Dingen müsse man folgen, "dem Geld und den toten Russen".

Die toten russischen Dissidenten gerade in England, das wertet sie als "einfach eine erdrückende Beweislast". Und nur übers Geld könne man "Putin an den Kragen". Der russische Präsident habe ein Vermögen von geschätzten 200 Milliarden Dollar. Gysi im Reflex: "Und Trump? Dann ist doch Trump och 'n Oligarch!"

Im Video: Wladimir Ugljow und das Nervengift Nowitschok

SPIEGEL TV

Nun ist Trump im Vergleich zu Putin eine Kirchenmaus. Außerdem twittert Putin nicht heute Dünnpfiff, morgen sein Mittagessen und übermorgen den Weltuntergang, sondern so steif und offiziös, wie es das sowjetische Politbüro tun würde.



insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
Robert Fridolin 13.04.2018
1.
In der Tat, erstaunlich ausgewogen. Aber was soll denn Skripal getan oder verraten haben was der MI6 seit den 1990er Jahren nicht ohnehin schon wusste? Ein Vermögen Putins i.H.v. 200 Milliarden Dollar gehört wohl auch eher ins Reich der Legenden. Diese Schätzung von Bill Browder wird immer wieder mal herumgereicht, Belege gibt es dafür keine. Forbes weiß davon auch nichts.
neptun680 13.04.2018
2. Putin - Versteher - Hasser
Wenn einem diese jetzige Zeit etwas lehrt dann, dass es so etwas wie eine gute oder eine böse Welt nicht mehr gibt. Wahrscheinlich gab es sie nie doch, sieht man es positiv, haben wir zumindest einen Entwicklungsgrad erreicht in dem für eine größere Masse diese Polaritäten schwinden. Das ist gut so! Es zeigt einen aufgeklärteren und bewussteren Menschen. Putin und Trump sind Dinosaurier die einem diese Zusammenhänge besonders verdeutlichen.
hausfeen 13.04.2018
3. Ich bin da eher mit Sandra Navidi.
Obwohl ich ein Fan von Gregor Gysi bin. Erstaunlich ist, dass alle irgendwie ein Stück Wahrheit beitragen, sie aber unterschiedlich gewichten - ja nach eigener Gesinnungslage. Dass Gysi zu der traurigen Relativierungsklamotte greift ("aber die USA haben, ... aber Trump hat doch auch") war leider zu erwarten. Gleiches, also die Relativierung eines quasi-faschistischen Regimes in Russland, machen Knipping und Wagenknecht schießlich auch. Aus ostalgischen Gründen wohl. Das genau macht die Linkspartei für wirklich aufgeklärte linke Geister wie mich unwählbar.Schon vor der Wende waren die DDR und die Sowjetunion kein Thema für die westdeutsche Linke. Bis auf ein paar verirrte DKPler vielleicht.
steingärtner 13.04.2018
4. Geschichte 6
Zitat von hausfeenObwohl ich ein Fan von Gregor Gysi bin. Erstaunlich ist, dass alle irgendwie ein Stück Wahrheit beitragen, sie aber unterschiedlich gewichten - ja nach eigener Gesinnungslage. Dass Gysi zu der traurigen Relativierungsklamotte greift ("aber die USA haben, ... aber Trump hat doch auch") war leider zu erwarten. Gleiches, also die Relativierung eines quasi-faschistischen Regimes in Russland, machen Knipping und Wagenknecht schießlich auch. Aus ostalgischen Gründen wohl. Das genau macht die Linkspartei für wirklich aufgeklärte linke Geister wie mich unwählbar.Schon vor der Wende waren die DDR und die Sowjetunion kein Thema für die westdeutsche Linke. Bis auf ein paar verirrte DKPler vielleicht.
"...die Relativierung eines quasi-faschistischen Regimes in Russland..." Über ihre eigen Charakterisierung als "eigentlich wirklich aufgeklärter linker Geist", würde ich vor allem in Bezug auf "aufgeklärt" nochmal nachdenken. Faschismus mit dem heutigen Russland gleichzusetzen, ist einfach nur dumm und geschichtsvergessen. Dabei ist es auch egal, ob man sich links oder rechts verortet.
th.diebels 13.04.2018
5. Ich habe
in diesem Leben eines gelernt: es gibt verschiedenen "Wahrheiten" - je nachdem von wo man aus zuschaut ! Im Fall Skripal bleibe ich daher vollkommen offen, bevor nicht 1.000-%-tig der Verdacht nachgewiesen wird !
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