Illner-Talk zum Abgasskandal Im Diesel-Dunst verfahren

Millionen Deutsche fragen sich, was der Dieselskandal mit ihren Autos macht. Ein prominent besetzter Illner-Talk sollte Erkenntnisse bringen. Es gab: dreiste Lügen und ein sehr beklopptes Statement.

Klaus Müller, Herbert Diess, Maybrit Illner (v.l.)
ZDF/ Harry Schnitger

Klaus Müller, Herbert Diess, Maybrit Illner (v.l.)

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Worum ging's?

Um den Dieselskandal. Um drohende Fahrverbote, Software-Updates oder Hardware-Umrüstungen. Um die Verquickungen von Politik und Industrie, um die Umbrüche in der Autoindustrie im Allgemeinen und Entwicklungsrückstände in Sachen Elektromobilität und Digitalisierung im Speziellen. In der Industrie mag es zur Zeit um alles oder nichts gehen. Bei Maybrit Illner ging es eher um alles und nichts.

Wer war da?

Herbert Diess, Markenvorstand von Volkswagen und sozusagen Abgesandter der dunklen Seite der Macht. Klaus Müller von der Verbraucherzentrale Bundesverband und damit Retter der Entrechteten, also Herold aller Diesel-Besitzer, die jetzt durch den vom Skandal ausgelösten Wertverlust ihrer Autos kalt enteignet werden und Fahrverbote fürchten. Außerdem Andreas Scheuer (CSU) als Crashtest-Dummy von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (der zwischendurch von der IAA zugeschaltet wurde) und Umweltministerin Barbara Hendricks von der SPD als Stimme der Vernunft. Auch in der Runde (warum eigentlich? - dazu später noch mehr): Ranga Yogeshwar. Edel-Joker war Marcus Hausser von der Baumot-Group, einem Hersteller von Adblue-Nachrüstsystemen, Stichwort Hardware-Umrüstung.

Und wie lief's so?

Wie es läuft, wenn man sich nicht auf ein Thema konzentrieren kann: verwirrend, diffus, unergiebig. Hier wurde auf alle Aspekte, die irgendwie mit Diesel, Autoindustrie und Politik zu tun haben, einmal draufgelatscht - und dann schnell weitergegangen. Verpasste Chance: Verbraucherschützer Müller hatte seinen Kontrahenten Diess argumentativ in die Ecke gedrängt. Es ging um die Frage der Ende 2017 auslaufenden Gewährleistungspflicht für betroffene Fahrzeuge, und ob VW nicht angesichts möglicher Folgeschäden durch sein Software-Update diese im Sinne seiner Kunden noch mal verlängern wolle.

Wenn er, Diess, diese hier vor laufender Kamera zusichern würde, wäre das die so dringend benötigte vertrauensbildende Maßnahme. Hier hakte Illner nach: "Werden Sie bei VW und mit VW sich dafür einsetzen, dass diese Frist verlängert wird?" Daraufhin erwiderte Diess mit einem schon fast unverschämten Selbstbewusstsein, man höre keine Klage von Kunden, das Software-Update sei fehlerfrei, die Beschwerdequote minimal. In diesem Moment lag die Pille auf dem Elfmeterpunkt, man hätte einfach noch mal nachsetzen müssen: "Super, dann verlängern Sie die Frist doch einfach."

Leider entstand in diesem Moment ein Durcheinander an Wortmeldungen, in dem sich ausgerechnet Rangar Yogeshwar durchsetzte. Warum der überhaupt in der Runde saß? Keine Ahnung. Vielleicht war er falsch gebrieft oder hatte sich im Studio geirrt, auf jeden Fall konnte er wenig Erhellendes beitragen. Stattdessen lenkte er die Diskussion immer wieder in allgemeine Richtungen, so auch - immerhin verlässlich - bei der Frage um die Verlängerung der Gewährleistungspflicht. Ob Bedrohung der etablierten Konzerne durch neue Player wie Google und Apple oder das Desinteresse junger Leute am Auto - Yogeshwar brachte zielstrebig jedes irgendwo aufgeschnappte Trendthema zum Autokomplex in die Debatte ein und zerrieb sie damit endgültig.

(Eine persönliche Anmerkung des Autors: Wenn ich als Beschreibung für die aktuelle Lage der Autoindustrie noch einmal den Vergleich mit Analogfilm-Hersteller Kodak höre, raste ich aus.)

Die zwei dreistesten Lügen:

Nummer eins: "Wir kaufen Fahrzeuge zurück", behauptete Diess (und auch Dobrindt später in der Schalte). Falsch! VW und andere Hersteller bieten Kunden mit Euro-4-Fahrzeugen einen Rabatt, wenn diese ein neues Fahrzeug mit der Euronorm 6 erwerben, was diese ohne die von den Herstellern verursachten Probleme wahrscheinlich nie kaufen würden. Mit Rückkäufen wie in den USA hat das nichts zu tun - darauf wies Illner ihn auch deutlich hin. Man sollte Diess beim Wort nehmen und als VW-Kunde sofort zum Händler gehen.

Nummer zwei: "Wir reden hier über ein Problem, das ein Hersteller allein verursacht hat", versuchte Scheuer immer wieder unterzubringen. Auch falsch! Etliche Hersteller haben mit ihrer Software getrickst, nur haben sie sich nicht gar so dreist angestellt wie VW.

Das bekloppteste Statement:

"Das Problem ist durch Software entstanden, also muss es auch durch Software behoben werden", orakelte der Verkehrsminister von der IAA. Dobrindt hat sich in der Dieselkrise bisher wahrlich nicht als hellste Kerze auf dem Leuchter profiliert, aber das ist die Krönung.

Die Erkenntnis:

Komplexe Sachverhalte, obendrein welche, die technisches Wissen erfordern, eignen sich nicht für Talkshows. Klar - der Schlagabtausch von Diess und Hendricks war unterhaltsam. Immer wieder korrigierte die Umweltministerin den Manager ruhig und beharrlich, wenn der argumentativ in die selbst erschaffene Mythenwelt abzugleiten drohte. Auch wenn IllnerAber das eigentliche Sparring hätte zwischen Diess und Baumot-Mann Hausser stattfinden müssen. Zwei Ingenieure, die sich ihr Nerd-Wissen zum Thema Software- vs. Hardwareumrüstung um die Ohren hauen.

Zugegeben: Da wären viele Zuschauer vermutlich nach kürzester Zeit ausgestiegen. Die, die drangeblieben wären, hätten aber vielleicht etwas erfahren können, was trotz aller Recherchen und Berichte noch ein Mysterium ist: Was das ominöse und umstrittene Software-Update von VW macht, und ob es ihrem Auto schadet.

In Sachen Aufklärung war diese Sendung also eher Software-Update als Hardware-Umrüstung: einfacher und schneller umzusetzen für den Hersteller, aber am Ende blieben viele Fragen offen.

insgesamt 191 Beiträge
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Seite 1
Hirnretter2.0 15.09.2017
1. Was gibt es da eigentlich noch zu diskutieren?
Der Diesel ist tot, den können weder Dobrindt noch irgendwelche Prämien wiederbeleben. Wer halbwegs rechnen kann, der steigt auf die sauberste Alternative um, und die hat CNG-Technik an Bord, feinstaub- und stickoxidfrei. Mit Biogas betankt sogar klimaneutral. Einen CNG-Kleinwagen bekommt man schon zum Preis eines i3-Akkus.
BennieBreeg 15.09.2017
2. Feiner Artikel
Sehr schöner Artikel! Toll geschrieben, sachlich, aber mit einem kleinen Augenzwinkern. Gefällt mir.
Epsola 15.09.2017
3.
"Das Problem ist durch Software entstanden, also muss es auch durch Software behoben werden" Unfassbar! Die CSU und jeder, der sich mit ihr einlässt, ist argumentativ schlicht Beihelfer des Betruges. Frau Merkel, sie mögen sich raus winden, aber auch Sie tragen die Verantwortung für die quasi Enteignung der Bevölkerung in vermutlich zweistelliger Milliardenhöhe. Es gab etliche Gelegenheiten den bayrischen Bierzelt-Mau-Maut-Provinzler abzusägen aufgrund offensichtlicher Amtseidbrüche.
didi2212 15.09.2017
4. Was für eine Logik!
Herr Dobrindt glaubt sicher auch, es reicht ein Software -Uptate in der Motorsteuerung eines 12-Zylinders, um den Verbrauch auf 1 Liter zu minimieren. Ich befürchte, es ist unmöglich, Dobrindt physikalisches Wissen einzutrichtern, damit er erkennt, dass so etwas nicht realisierbar ist... da muss schon die Hardware, also sein Gehirn ausgetauscht werden.
snoopye 15.09.2017
5. Danke, Herr Hengstenberg, für die aufschlussreiche Zusammenfassung.
Nachdem ich die Eingangsstatements bei Illbritt Mainer vernommen hat, es mir schon gereicht. Und Sie mussten es sich bis zum bitteren Ende anschauen. Dafür haben Sie meine Hochachtung. Und ich weiß jetzt, dass es sich nicht gelohnt hätte, vor dem Fernseher sitzen zu bleiben. Mit kritischen Publikumsfragen könnte man solche Sendungen bestimmt deutlich interessanter machen.
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