"Maybrit Illner" zum Tempolimit Zäh fließender Verkehr, leider

Maybrit Illner diskutierte mit ihren Gästen über Fahrverbot, Tempolimit und die nötige Verkehrswende überhaupt. Die Meinungen gingen dabei so weit auseinander, dass die Debatte keinen Zentimeter von der Stelle kam.

Moderatorin Illner (M.) mit ihren Gästen
ZDF/Svea Pietschmann

Moderatorin Illner (M.) mit ihren Gästen

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Biturbo des Abends: Andreas Scheuer, Bundesverkehrsminister von der CSU, und Bernhard Mattes vom Verband der Automobilindustrie (VDA). Kaum ein Wort von Scheuer zu den Segnungen der individuellen Mobilität oder den 800.000 Arbeitnehmern im Automobilsektor, das Mattes nicht eifrig abnickt. Nur hin und wieder, wenn Scheuer die Industrie angeht ("Liefern Sie!"), dann nickt Mattes nicht ganz so eifrig. Jaja, wir liefern schon. Hier sind sich zwei Menschen weitgehend einig.

Kolbenfresser des Abends: Scheuer hält den Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickoxide pro Kubikmeter Luft für "politisch und ideologisch festgelegt". Auf EU-Ebene würde er diesen Grenzwert gern mal überprüfen lassen. Cerstin Gammelin von der "Süddeutschen Zeitung" fragt fassungslos: "Was wollen Sie denn da noch überprüfen?" - bei etwa 70.000 recht eindeutigen Studien zum Thema.

Unfallschwerpunkt des Abends: Mattes will, wie Scheuer auch, "gern zwei Sachen" auseinanderhalten, und zwar die Sache mit dem Betrug und die Sache mit der sauberen Luft. Beides habe nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun. Robert Habeck von den Grünen hält mit migränischer Miene frontal dagegen, beide Sachen hingen ursächlich zusammen. Hätten die Hersteller die versprochenen Grenzwerte eingehalten, gäbe es in vielen Städten kein Stickstoffproblem - und damit auch keine Fahrverbote.

Stimmenfang #84 - Tempolimit und Fahrverbote - droht jetzt der Aufstand im Autoland?

Drängler des Abends: Als Grüner, blendet Scheuer auf, habe Habeck "immer das moralische Narrativ". Und als Umweltminister in Kiel, lichthupt Scheuer weiter, habe Habeck ein Fahrverbot für die Stadt nicht verhindern können. Der erläutert müde, dass er als Minister an Gesetze gebunden sei. Dann zieht er auf die rechte Spur: "Ich bin ein Jahr zuvor aus dem Amt geschieden!" Scheuer zieht triumphal vorbei: "Ja, Gott sei Dank!"

Schwertransport des Abends: Cerstin Gammelin hinterfragt das Verkehrskonzept einer Regierung, die nach wie vor die meisten Güter auf der Straße transportieren lasse: "Man fährt also die A9 von Berlin nach München", so Gammelin, und sehe dabei auf der rechten Spur die ganze Zeit einen Lkw hinter dem nächsten. Diese verteilten, so Scheuer mit schmalem Lächeln, eben den Wohlstand in Deutschland - und zählt dann auf, was sein Ministerium (in dessen Keller übrigens, leider, "keine Autos produziert werden") alles in die Schiene investiere.

Video: 3180, 265, 30 - Die wichtigsten Zahlen zum Tempolimit

Tempolimit des Abends: Gammelin versucht umständlich ihr Argument einzuparken, dass mit dem autonomen Fahren der Zukunft doch zwangsläufig das Tempolimit auf den Autobahnen komme - einfach, um einen homogenen Verkehrsfluss zu gewährleisten. Habeck argumentiert hier ebenfalls nicht mit Umweltschutz, sondern mit einer erwartbaren Reduzierung von Unfalltoten um etwa die Hälfte. Scheuer (und Mattes) scheibenwischen beide Ansätze beiseite - und gehen auf ein Tempo 130 gar nicht erst ein.

Autostadt des Abends: Stuttgart, wo Ioannis Sakkaros gegen Fahrverbote auf die Straße geht. Der Mechatroniker bei Porsche besitzt zwei Autos, darunter ein Diesel, und "ärgert sich dahingehend", dass "am Ende wir die sind, die draufzahlen müssen". Wenn's schlimm kommt, "dann fahre ich nur noch Fahrrad". Scheuer kann den Zorn des Bürgers gut verstehen und verweist auf seine Lieblingsmessstation am Neckartor. Die stehe, wie Scheuer mehrfach betont, "in einer Gebäudenische". Tja: "Wenn man sich selbst kasteien will, dann muss man es so machen wie in Stuttgart."

Fahrfreude des Abends: Geht eindeutig von Scheuer aus. Anstatt "hier noch ein Verbot und da noch ein Gesetz" würde er lieber "eine Mobilität organisieren, die begeistert und fasziniert". Ob er etwa den Grünen unterstellt, einen Kulturkampf gegen das Auto zu führen? Scheuer schlingert: "Es gibt eine Strategie, klar... was wird denn passieren?" Es wird wohl nach dem Diesel der Benziner ins Visier geraten. Dabei gibt es sogar fürs Land begeisternde und faszinierende Lösungen, sagt er und legt - als Symbol vernetzter Carsharing-Konzepte - sein Smartphone auf den Tisch.

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bambata 01.02.2019
1.
Na, Tempolimit kam in der Talkrunde ja zum Glück nur am Rande vor, sonst würden sich die SPON-Forenmoderatoren (verständlicherweise) die letzten verbliebenen Haare raufen (nicht aufgrund von Alopezie, sondern aufgrund des intensiven Raufens in den vergangenen 14 Tagen). Sei's drum, viel Erkenntnisgewinn gab's ja nicht bei Frau Illner. Scheuer, wie man ihn kennt (ich als TL-Gegner befürchte ja, dass Scheuer die schärfste Waffe der TL-Befürworter ist, das haben die nur noch nicht begriffen). Habeck hatte definitiv schon gekonntere Auftritte. Der Vorsitzende des Automobilverbands (kann mir den Namen nicht merken) so farblos (und das ist durchaus wörtlich zu verstehen), wie immer und so ziemlich das Gegenteil dessen, was ich mir - würde ich in der Branche eine verantwortungsvolle Position bekleiden - als Vorkämpfer für meine Industrie wünschen würde. Die Dame von der Süddeutschen war so konfus, ich glaube, die hat's irgendwann selbst aufgegeben, ihrem eigenen Gedankengang folgen zu wollen. Ich - jedenfalls - war überfordert. Und dem Porsche-Azubi wünsche ich, dass er morgen keine Abmahnung wegen geschäftsschädigenden Verhaltens bekommt.
izach 01.02.2019
2. Zügellose Gängelei.
Wenn es im Einzelfall keine Sicherheitsgründe gibt, soll sich der Staat heraushalten. Wir brauchen nicht für alles Verbote. Mündige Bürger sind durchaus in der Lage, selbst zu entscheiden welches die richtige Geschwindigkeit ist. Für mehr Sicherheit auf Autobahnen würde ein generelles und striktes Überholverbot für LKW wirklich helfen. Auch in dieser scheinheiligen Debatte geht es den Roten und Grünen nur darum, den Individualverkehr einzuschränken und die Bürger möglichst unsozial zu gängeln. Der Höhlenmensch ist vermutlich deren Ziel. Aber ohne Lagerfeuer (wegen CO2). Nicht mit mir!
Alfred +1 01.02.2019
3. 70.000 Studien...
...zum festgelegten Grenzwert? Und die hat Frau Gammelin alle bis zum letzten Wort gelesen und vor allem auch verstanden, oder war war das ein Einwurf des Autoren? Wie viele Seiten haben diese Studien? Wie lange braucht ein Mensch, all diese Studien verstehend zu lesen? Bei einer Lesezeit von 10 Minuten 11.667 Stunden = ca. 486 Tage! Die geführte Diskussion ist rein ideologischer Natur! Das war besonders auf die Reaktion der Veröffentlichung deutscher Lungenärzte zu spüren. Auf deren Nachfrage nach den sachlichen Hintergründen der Grenzwertfestlegung wurde auch seitens des Spiegels gar nicht erst eingegangen. Es reichte, dass ein Mitautor mal in der Autobranche tätig war! Schon war die fachliche Meldung ideologisch diskreditiert, ohne sich mit den Fakten auseinanderzusetzen. Die gleichen (Spiegel-) Leute, die informelle Filterblasen beklagen, leben selbst in einer!
tiger-li 01.02.2019
4. Sitzring
War wahrlich eine Eindrückliche Sendung: immer wenn Scheuer redete hat der Matthes gelächelt - so leicht anzüglich. Inhaltlich ist der Scheuer aber total schwach - nur heise Luft. Und während der Sendung fragte ich mich die ganze Zeit wie der Eigentlich sitzen kann so wie der sich von der Autoindustrie permanent in den... Wahrscheinlich hat ihm der Dobrint bei der Amtsübergabe einfach seinen Hämorrhoiden Sitzring in die Hand gedrückt...
baghira1 01.02.2019
5. deutsche Verkehrspolitik so verfahren wie Brexit
Die Bundesregierung weigert sich Maßnahmen zu ergreifen,die die Masse an Autos zu reduzieren hilft.Es gibt wenig Hilfen für Kommunen.die den Öpnv ausbauen wollen,die Bahn ist unterfinanziert,der Radverkehr wird stiefmütterlich behandelt,genauso wie die Fußgänger. Die CSu Verkehrsminister haben den Schutz der Autoindustrie so sehr verinnerlicht,so das man denken muss,das die Städte für die Autos da sein müssten.Eine weitere Plakette,um die Emissionärmeren Fahrzeuge unterscheiden zu helfen,gibts nicht,Tempolimit,das den Herstellern Gewicht sparen hilft,Leistungsbegrenzungen und Gewichtsbeschränkungen bei Kfz gibts nicht,obwohl das helfen würde,den Verbrauch und den Schadstoffausstoß zu reduzieren. Wenn die Verkehrsminister so weitermachen,wird über kurz oder lang die Autoindustrie Geschichte sein,da viele andere Länder keine Verbrenner mehr in den Städten dulden werden.
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