GroKo-Talk bei "Maybrit Illner" Juso-Chef sieht SPD "meilenweit von der Spaltung entfernt"

Kurz vor dem entscheidenden Parteitag streiten sich Juso-Chef Kevin Kühnert und Pragmatiker in der SPD bei "Maybrit Illner" über den Kurs der Partei. Es geht auch um die Freude an der Zerschmetterung bestehender Verhältnisse.

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen
ZDF/ Harry Schnitger

Moderatorin Illner (3.v.l.) mit ihren Gästen

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Kevin Kühnert, 28 Jahre alt und Vorsitzender der Jungsozialisten, treibt derzeit die SPD vor sich her. Das "Milchgesicht" ("Bild") ist das an diesem Abend recht müde Gesicht der Gegner einer Großen Koalition, die Tränensäcke notdürftig überpudert. Opposition zehrt, auch wenn sie vorerst nur eine innerparteiliche ist. Deshalb steht er nicht nur in der Partei, sondern auch bei Maybrit Illner im Fokus, ihre Sendung steht unter dem Motto: "Machtkampf um die GroKo - Schulz und Merkel zittern". Vor Kühnert, wenn man so will.

Der Juso möchte, wie viele andere Mitglieder der SPD auch, dass "noch was übrig bleiben soll von diesem Laden, verdammt nochmal", wenn er und seinesgleichen ihn in ein paar Jahren übernehmen. Hat er auf dem Bundeskongress in Saarbrücken gesagt. Bei Illner weist er den Vorwurf von sich, mit seinem Nein zur Regierungsverantwortung zum Schwund der SPD beizutragen.

Genossinnen wie Manuela Schwesig fürchten angesichts der Dynamik der Debatte vor dem entscheidenden Sonderparteitag am Sonntag bereits eine Spaltung der Partei. Kühnert meint, die Sozialdemokraten seien "nun wirklich meilenweit von der Spaltung entfernt". Man streite in der Sache, lasse sich aber nicht auseinandertreiben.

Stephan Weil, SPD-Ministerpräsident von Niedersachsen, inszeniert sich im Kontrast zum jungen Idealisten an seiner Seite als Pragmatiker. Eine Erneuerung der Partei sei durchaus auch in Regierungsverantwortung möglich, betont er. Es müsse eben viel mehr mit der CDU gestritten werden "als in den letzten Jahren". Ohne Risiko sei "keiner der Wege, vor denen wir jetzt stehen". Die SPD aber sei "eine Verantwortungspartei".

Verdächtig sollte Kühnert das Garn sein, mit dem ihn Gabor Steingart umspinnt. Der Chefredakteur beim "Handelsblatt" hat sich gedanklich schon das Popcorn bereitgelegt, um dem anstehenden Clash beizuwohnen. "Revolte beginnt damit", zitiert Steingart frei, "dass jemand aufsteht und Nein sagt". Nur weil Kühnert diesen Mumm aufgebracht habe, "sitzen wir heute hier und diskutieren über Erstarrung und Status Quo". Schulz und Merkel zittern? Sollen sie!

Albrecht von Lucke, Politologe, kann davor nur warnen. Dabei mag er die Erzählung von einer SPD, die an der Verantwortung schrumpfe, gar nicht teilen. Schulz' entschiedene Absage an eine neue GroKo am Wahlabend sei nichts anderes gewesen als ein "Umschichten" der Verantwortung für den katastrophalen Wahlkampf. Kühnert habe diesen Ball lediglich aufgenommen.

Besonders misstraut Lucke der verbreiteten Lust nach "der großen Disruption", dem Gefühl, eine Zerschmetterung bestehender Verhältnisse könne helfen. Schulz und Merkel zittern? Und dann? Was, wenn sie kippen? "Glauben sie allen Ernstes, dass die CDU anschließend Herrn Spahn aufbietet? Und die CSU einen Dobrindt?" Nein, mit Merkel habe die Union "die allergrößte Chance, als die letzte aller großen Volksparteien übrig zu bleiben".

Zaghaft hält Kühnert dagegen, man müsse Politik doch "neu denken". Dazu gehöre auch, dass "inhaltliche Fragen nicht immer mit Personalfragen" verbunden sein müssten. Vorgeblich sieht er keinen Grund für Schulz oder Nahles, im Fall einer Abstimmungsniederlage ihre Ämter zu räumen.

Julia Klöckner, stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, gibt sich verständnisvoll. "Ich verstehe ja", wendet sie sich an den Rebell, "dass Sie diesen Abend auch benutzen als Aufgalopp zum Parteitag". Schließlich habe "bei uns die Junge Union natürlich auch ein bisschen Freiheit", also Narrenfreiheit.

Disruption aber ist mit ihr - und der CDU - natürlich auch nicht zu machen, ein Land will regiert werden, und zwar von Angela Merkel. Da will man sich auch nicht hetzen lassen. Europa? Ach, mit Frankreich und dessen Erwartungen braucht man Klöckner nicht kommen: "Herr Macron hat einen Aufbruch? Der muss so oft aufbrechen, bis er überhaupt da hinkommt, wo wir gerade stehen!"

Als anschließend in der Runde noch ein wenig über das Sondierungspapier geredet wird, Weil dessen sozialdemokratische Handschrift lobt und Klöckner seine christdemokratische, als es um Rente geht und Kindergeld und Bürgerversicherung, Pflege und Teilzeit, da ist es still geworden um Kühnert. Fast wirkt er, als habe ihn eine kleine Disruption ereilt.



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taxikutscherHH 19.01.2018
1. Ich dachte
Ich hätte die Sendung auch gesehen. Also in meiner Sendung war da ein junger unscheinbar wirkender Mann der sehr ausgeschlafen wirkte, zumindest im mentalen Sinn, geschickt und clever argumentierte, sich nur so weit aus der Reserve locken ließ wie er selbst wollte und der der nichtssagenden Klöckner, welche einfach nicht erklären wollte wofür Frau Merkel steht, wiederum clever Paroli geboten hat. So könnte ich mir die Zukunft der SPD vorstellen. Respekt. Aber ich war ja in der falschen Sendung.
WeissAuchAllesBesser 19.01.2018
2. Spaltung?
Die SPD ist seit beinahe drei Jahrzehnten gespalten. Und zwar in Sozialdemokraten und neo-sozialistische Klassenkampf-Populisten. Ein Teil der Letzteren hat mittlerweile eine neue Heimat in der ehemaligen PDS gefunden, aber eben bei Weitem nicht alle. Weil und Kühnert haben heute nur einmal mehr bewiesen, dass die Partei noch nicht einmal bereit ist sich dieser inneren Spaltung zu stellen.
Ra's al-'Ayn 19.01.2018
3. das braucht nur etwas Zeit
Wenn die SPD-Führungsspitze der Auffassung ist, dass sie sich am Ende ohnehin mit den besseren Argumente durchsetzen wird, weiß ich wirklich nicht, was dagegen spricht, falls noch Klärungsbedarf besteht, die Entscheidung auf dem Sonderparteitag auf einen späteren Zeitpunkt zu vertagen. Dann möge man den Delegierten und Parteimitgliedern doch bitte die erforderliche Zeit einräumen, dass Sondierungspapier etwas gründlicher zu studieren. Der Meinungsbildungsprozess ist ja noch gar nicht richtig abgeschlossen. Warum dieser Zeitdruck, diese Eile? Warum diese Vorgehensweise, die zu weniger eindeutigen Ergebnissen führt und letztlich eine größere Geschlossenheit verhindert?
Actionscript 19.01.2018
4. Civey Umfrage aqsehen!
CDU/CSU und SPD würden Stimmen verlieren und könnten vielleicht keine Mehrheit bei einer GroKo mehr erreichen. Sie müssten dann mit einer weiteren Partei koalieren vermutlich den Grünen. Die Torschlusspanik der CDU/CSU ist klar. Eins wird immer wieder vergessen bei Diskussionen. Die AFD würde die Opposition anführen bei einer GroKo und wichtige Posten in Ausschüssen besetzen.
hanbil 19.01.2018
5. Oh mein Gott...
Da wird ein 28-Jähriger, der eloquent und aufrecht seine Positionen vertritt, aber gerade so was von abgewatscht in diesem Artikel. Der Junge hat Mumm und wird gerade medientechnisch verheizt, dass einem Angst und Bange werden könnte. Meinen Respekt hat Kühnert jedenfalls, auch wenn er am Sonntag die Abstimmung verliert - hier hat einer Rückgrat gezeigt und das ist nicht das Schlechteste, was man in so jungen Jahren leisten kann. Anderswo las ich sogar, dass er Schulz beerben soll und 2021 als Kanzlerkandidat antreten solle... Das Defizit der SPD an charismatischen Führungspersönlichkeiten ist halt immens, da wird der gerade aufsteigende Stern eines potenziellen Politikers leicht für den Weihnachtsstern gehalten. Ich wünsche dem Kevin die Nonchalance, dass er das unbeschadet übersteht...
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