Illner-Talk über den Brexit Britannien wird nicht im Atlantik versinken

Maybrit Illner fragt, was der Brexit für Europa bedeutet. Das wisse nicht einmal Gott, sinniert Polit-Oldie Edmund Stoiber. Und Katarina Barley? Ja, Nein, Vielleicht. Ein etwas ratloser Talk zur "state of the union".

Illner-Talk zum Thema Brexit
Jule Roehr/ ZDF

Illner-Talk zum Thema Brexit

Von


Eine Sendung über Wohl, Wehe und den weiteren Weg der Europäischen Union nach dem Ausscheiden des Vereinigten Königreichs sollte man, eigentlich, mal mit 28 Teilnehmern aus allen Mitgliedstaaten machen. Sorry, mit 27. Die Briten sind ja nun bald raus. Maybrit Illner setzte dagegen auf politikwissenschaftliche und historische Expertise, mit einer englischen Britin, einer deutsch-britischen Europäerin sowie einem europäischen Urbayern.

Kontroverse des Abends: Keine. Es ist, wie es ist. Nun sei, da waren sich alle Beteiligten einig, das Beste daraus zu machen.

Applaus des Abends: Gab's für die Politikwissenschaftlerin Linn Selle und ihren Einwurf: "Ich finde es schade, dass nur von den Regierungen geredet wird", wenn es um die Drift weg von Europa gehe. Im Auge behalten müsse man "die Bevölkerungen", denen die Zugehörigkeit zu Europa immer auch eine Zugehörigkeit zu demokratischen Verhältnissen bedeutet habe.

Brüsselerin des Abends: Katarina Barley, Bundesjustizministerin mit britischem und deutschem Pass, ist SPD-Spitzenkandidatin für die Europawahl im kommenden Jahr. Sie hätte freilich "gegen den Austritt gestimmt". Dass Italien den Stabilitätspakt verletzen will, geschenkt, das haben sich schon andere Staaten geleistet (darunter Deutschland), aber: "Was wir nie tolerieren werden, ist, dass sich Länder vom rechtsstaatlichen Konsens verabschieden".

Binse des Abends: Kam von Andreas Rödder, Historiker: "Nur weil die Briten aus der Europäischen Union austreten, verschwinden die britischen Inseln ja nicht in den Tiefen des Atlantiks".

Einigung des Abends: Edmund Stoiber (CSU), der Historiker Rödder und die Politikwissenschaftlerin Selle weisen unisono darauf hin, dass es, beispielsweise in Italien, eine Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 40 Prozent gibt - und noch andere Missstände, die nicht nur von populistischen Kräften der europäischen Austeritätspolitik angerechnet werden.

Rückblick des Abends: Wieder der Historiker, hinweisend auf die unterschiedlichen Perspektiven auf Brüssel. Für Frankreich immer "eine Versicherung gegen Deutschland" gewesen, für Deutschland "ein Resozialisierungsprogramm", für die Osteuropäer ein Versprechen von Demokratie und so weiter. Hier sei "Flexibilität" gefragt und nicht mehr die leere Rede "von der Wertegemeinschaft". Stattdessen: "empathischer Realismus".

Appell des Abends: Gleichfalls Rödder, der im Grunde sofort als Spitzenkandidat irgendeiner sehr pragmatischen Partei bei der Europawahl antreten müsste. Der Brexit fordere "die Konstruktivität und Fantasie und Produktivität" der EU heraus, das Beisammensein künftig "flexibler" zu gestalten. Nicht als "ever closer union", sondern als Verein der Vielfältigkeiten.

Gegenrede des Abends: Linn Selle will eben kein pragmatisches Europa der kleinsten gemeinsamen Nenner: "Wir müssen uns überlegen: Wo wollen wir denn mal hin?"

Analogie des Abends: Anne McElvoy, Journalistin des "Economist", auf die Frage, warum Theresa May sich überhaupt so lange halte: "Tja, wer will den Job? In Deutschland will ja jeder den Job der Bundeskanzlerin, zurzeit".

Star des Abends: Edmund Stoiber. Er streute nicht nur Erkenntnisse wie jene, dass der Austritt sei, "als würden da zehn, zwölf andere Länder austreten", weil es einfach so groß ist, dieses Britannien. Er gab auch zu, sich zuletzt zweimal kräftig geirrt zu haben, beim Brexit und bei Trump: "Die beiden Entscheidungen, die hintereinander getroffen worden sind, waren irre". Und er bringt champagnerhafte Klarheit in italienische Verhältnisse, wo derzeit die faschistoide Lega Nord mit Fünf-Sterne-Bewegung koaliert: "Die haben eine Regierung, wenn ich das mal so sagen darf, aus AfD und Piratenpartei".

Dialog des Abends: Rödder: "Was da im britischen Parlament entschieden wird oder auch nicht, dass weiß niemand, nicht einmal " Stoiber von der Seite: "Gott!" Rödder gnadenlos: "Nein, der auch nicht!"

Tenor des Abends: Und? Ist der Brexit das Ende der Europäischen Union? Ja. Nein. Vielleicht. Und wenn, wird unser winziges asiatisches Vorgebirge schon nicht untergehen.



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hausfeen 23.11.2018
1. Ja, das war schwach von den Politikern.
Dabei zeichnet sich doch jetzt klar ab, dass die Briten am Ende fast alles so arrangieren werden, wie schon als EU-Mitglied. Nur eben in 100en von Einzelabkommen. Nur ohne Mitsprache in den EU-Gremien eben. Wird sich zeigen, wer davon profitiert.
fatherted98 23.11.2018
2. Farblose Runde....
....ohne jede Expertise oder Ahnung. Wer diese Gäste wohl ausgesucht hat? Naja....vielleicht hat Illner nicht mehr bekommen. Diese Sendungen werden immer uninteressanter und bleiben ohne jede neue Erkenntnis. Ausschalten trotz Gebührenzahlung ist angesagt.
Rupert Neve 23.11.2018
3. Binse
"Binse des Abends: Kam von Andreas Rödder, Historiker: "Nur weil die Briten aus der Europäischen Union austreten, verschwinden die britischen Inseln ja nicht in den Tiefen des Atlantiks"." Wenn man die aktuelle Berichterstattung verfolgt, ist das keineswegs eine Binse. Die Deutsche Medienlandschaft scheint sich ja sicher zu sein, dass der Brexit zu katastrophalen Verhältnissen in GB führen wird.
kritischer-spiegelleser 23.11.2018
4. Die Erwartungen sind nicht allzu euphorisch.
Aber wie auch? Die EU hat versäumt, ihre Arbeit zu machen und nur Geld verteilt und neue Mitglieder dazugekauft. Deren Interessen sie jetz nicht mehr unter einen Schirm bringt. Hoffentlich trauen sich unsere Parteien vor dieser Schein-EU-Wahl endlich einmal ihre Sicht der EU offenzulegen.
AxelSchudak 23.11.2018
5. AfD und Piratenpartei? - Nö...
Der Vergleich der Piratenpartei mit der 5*-Bewegung ist eher eine Beleidigung für die Piratenpartei. Die Piratenpartei war im Kern politisch pragmatisch und modern, konnte aber aufgrund organisatorischer (und teils menschlicher) Unfähigkeit keine Durchsetzungsfähigkeit entwickeln. Die Fünf Sterne sind das genaue Gegenteil - keinerlei politische Perspektive, nur Getöse und dagegen sein, dafür aber eine effiziente Führung. Ich wage mal zu behaupten, dass zweiteres deutlich schädlicher für Italien ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.