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Medienkritiker Oliver Kalkofe "Das deutsche Fernsehen wird von Jahr zu Jahr schlimmer"

Oliver Kalkofe: "Rächer der Fernsehzuschauer"
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dapd

2. Teil: "Auch großer Ideenreichtum führt in die Sackgasse"

Frage: Sie selbst treten schon seit 1991 mit dem Konzept ihrer Satiresendung "Kalkofes Mattscheibe" auf. Sollten Sie nicht mit gutem Beispiel vorangehen und selbst etwas ändern?

Kalkofe: Für mich und viele meiner Kollegen kann ich sagen, dass momentan auch großer Ideenreichtum in die Sackgasse führt. Ich mutmaße, dass Sender selbst die besten Ideen ausschlagen, weil sie anderes günstiger produzieren können. Würde ein Produzent das Geld bereitstellen und in Eigenregie eine Neuentwicklung realisieren, gäbe es sicherlich viele interessierte Abnehmer. Solange das nicht geschieht, wird nicht viel Neues und Innovatives auf Sendung gehen, weder von mir noch von anderen.

Frage: Castingshows jedenfalls werden uns vermutlich noch länger erhalten bleiben…

Kalkofe: Ja, Castingshows wird und darf es auch immer geben. Jeder soll das Recht haben, so einen Versuch zu starten. Nicht jeder, der dort auftritt, muss eine Nummer eins werden. Menschen können dadurch vielleicht kleinere Erfolge feiern, den Spaß am Singen stärken und eine gute Band finden. Jeder soll auch das Recht haben, an einer harschen Kritik zu wachsen: Es ist nicht verboten zu lachen, wenn ein Kandidat schief singt. Nicht gut ist jedoch, dass Menschen, die dort auftreten, für ihr Aussehen oder ihre Fehler, die sie natürlich machen, zum Pausenclown der Nation abgestempelt werden und dass Mängel und Fehler durch Animationen künstlich verstärkt werden.

Frage: "Kalkofes Mattscheibe" läuft seit längerem auf ProSieben. Mehrere Formate, die Sie parodieren, laufen ebenfalls auf diesem Sender, darunter "TV Total" oder "Popstars". Sind Sie nicht selber Teil dieser Maschinerie?

Kalkofe: Ja und nein. Ich arbeite gern im Fernsehen und mache mich auch gern darüber lustig. Wo sonst soll man ein Massenmedium parodieren, wenn nicht eben in diesem Massenmedium? Wenn ich dort ein Millionenpublikum habe, wieso soll ich meine Kritik auf Papier niederschreiben? Ich möchte ja auch die Zielgruppe erreichen, die das Programm anschaut, das ich parodiere. In der Zeitung erreiche ich die Mehrzahl des Fernsehpublikums nicht, weswegen die meisten Produzenten auf solche Fernsehkritiken auch nicht viel geben.

Frage: Gefallen Sie sich in der Rolle des Hofnarren? Der Narr durfte den König kritisieren, lebte aber auch gefährlich.

Kalkofe: Heute wird man glücklicherweise nicht gleich umgebracht, wenn man etwas zu deutlich war. Man bekommt aber eventuell keine neue Sendung oder diejenige, die einem bleibt, wird jeglichen Bisses beraubt. Ich muss häufig abwägen, wie sehr ich mich aus dem Fenster lehne. Das kann mich schon mal an den Rand einer Entscheidung zwingen, in der mir eine Pointe so wichtig ist, dass ich danach nichts mehr sagen darf. Manchmal halte ich mich bewusst zurück, um an anderer Stelle ein bisschen derber sein zu können. Das gehört zur Maschinerie dazu.

Das Interview führten David Lütke und Henrik K. Rang

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insgesamt 229 Beiträge
frubi 09.09.2010
Kalkofe kann man nur zustimmen. Allerdings Teile ich sein Mitleid mit Castingteilnehmern nicht. Nach 10 Jahren Casting-Wahn in Deutschland, und die meisten Teilnehmer werden sich das ja mindestens einmal angesehen haben, sollte [...]
Zitat von sysopUnser Fernsehprogramm ist grauenhaft. Wie sollte es auch anders sein, wenn die Macher ihre Sendungen nicht mal selbst mögen, fragt sich der TV-Kritiker Oliver Kalkofe. Im Interview ruft er zu mehr Experimentierfreude auf - auch wenn er weiß, dass es eigentlich aussichtslos ist. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,715978,00.html
Kalkofe kann man nur zustimmen. Allerdings Teile ich sein Mitleid mit Castingteilnehmern nicht. Nach 10 Jahren Casting-Wahn in Deutschland, und die meisten Teilnehmer werden sich das ja mindestens einmal angesehen haben, sollte auch der letzte Hinterwäldler wissen, was da auf einen zukommt.
talvisota 09.09.2010
Das finde ich auch. Deshalb hab ich auch gar keinen Fernseher. Und als noch grauenhafter empfinde ich die GEZ mit ihren Mafia-Methoden.
Das finde ich auch. Deshalb hab ich auch gar keinen Fernseher. Und als noch grauenhafter empfinde ich die GEZ mit ihren Mafia-Methoden.
dubvader 09.09.2010
Herr Kalkofe wird alle paar Monate mit genau dem gleichen Statement zitiert. Mich nervt das vor allem deshalb, weil ich seine eigenen Sendungen und Filme, wie etwa den unsäglichen Wixxer, wahnsinnig platt und uninspiriert finde. [...]
Herr Kalkofe wird alle paar Monate mit genau dem gleichen Statement zitiert. Mich nervt das vor allem deshalb, weil ich seine eigenen Sendungen und Filme, wie etwa den unsäglichen Wixxer, wahnsinnig platt und uninspiriert finde. Aber: Wer schaut denn heute überhaupt noch fern?
Silvia 09.09.2010
Kalkofe hat vollkommen Recht. Aber das Programm ist nicht nur grauenhaft, sondern es ist mittlerweile ein totlangweiliger Einheitsbrei, den man in USA und England genauso findet wie hier. Alles abgekupfert vom großen Bruder. [...]
Zitat von sysopUnser Fernsehprogramm ist grauenhaft. Wie sollte es auch anders sein, wenn die Macher ihre Sendungen nicht mal selbst mögen, fragt sich der TV-Kritiker Oliver Kalkofe. Im Interview ruft er zu mehr Experimentierfreude auf - auch wenn er weiß, dass es eigentlich aussichtslos ist.
Kalkofe hat vollkommen Recht. Aber das Programm ist nicht nur grauenhaft, sondern es ist mittlerweile ein totlangweiliger Einheitsbrei, den man in USA und England genauso findet wie hier. Alles abgekupfert vom großen Bruder. Diesen ganzen Schmonzes, die vielen Kochsoaps, Sternchen-Suchprogramme, Wohnungssuchsendungen, Gerichtsshows und voyeuristischen Familiendramen in Haus und Garten, egal, wohin man zappt, gehen einem nur noch auf die Nerven. Es interessiert mich nicht die Bohne, was in anderen Familien abläuft und wie sie ihr Schlafzimmer streichen. Und die 27. pseudowissenschaftlich aufgemachte Sendung über ausgedachte, zukünftige Katastrophen will ich auch nicht mehr sehen. Deswegen ist bei mir der Fernseher meist aus.
Schinkenfisch 09.09.2010
Ich liebe Kalkofe - weniger für seine Filme oder "Onkel Hotte" als für seine Mattscheibe. Er schafft es selbst Absurdes noch absurder darzustellen.
Ich liebe Kalkofe - weniger für seine Filme oder "Onkel Hotte" als für seine Mattscheibe. Er schafft es selbst Absurdes noch absurder darzustellen.
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Buchtipp

Dieses Interview ist ein für SPIEGEL ONLINE bearbeiteter Vorabdruck aus dem Buch "Die Casting-Gesellschaft".

Bernhard Pörksen, Wolfgang Krischke (Hrsg.):

Die Casting-Gesellschaft
Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien.

Halem Verlag; 352 Seiten; 18 Euro.


Zur Person
Oliver Kalkofe, 1965 in Hannover geboren, wuchs in Peine auf. In Münster studierte der gelernte Fremdsprachenkorrespondent Publizistik, Anglistik und Germanistik. Seine ersten humoristischen Schritte macht er in der sonntäglichen Radioshow "Frühstyxradio" beim niedersächsischen Privatsender radio ffn. Mit der Satiresendung "Kalkofes Mattscheibe" (ProSieben) schaffte er den Sprung ins Fernsehen, das bis heute sein liebstes Medium ist. 1996 erhielt er für diese Sendung wegen ihrer "konstruktiven Medienkritik" den Grimme-Preis. Neben seinem Engagement als Filmemacher schreibt Oliver Kalkofe regelmäßig Kolumnen für TV Spielfilm und Kino.de.





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