Frage: Sie selbst treten schon seit 1991 mit dem Konzept ihrer Satiresendung "Kalkofes Mattscheibe" auf. Sollten Sie nicht mit gutem Beispiel vorangehen und selbst etwas ändern?
Kalkofe: Für mich und viele meiner Kollegen kann ich sagen, dass momentan auch großer Ideenreichtum in die Sackgasse führt. Ich mutmaße, dass Sender selbst die besten Ideen ausschlagen, weil sie anderes günstiger produzieren können. Würde ein Produzent das Geld bereitstellen und in Eigenregie eine Neuentwicklung realisieren, gäbe es sicherlich viele interessierte Abnehmer. Solange das nicht geschieht, wird nicht viel Neues und Innovatives auf Sendung gehen, weder von mir noch von anderen.
Frage: Castingshows jedenfalls werden uns vermutlich noch länger erhalten bleiben…
Kalkofe: Ja, Castingshows wird und darf es auch immer geben. Jeder soll das Recht haben, so einen Versuch zu starten. Nicht jeder, der dort auftritt, muss eine Nummer eins werden. Menschen können dadurch vielleicht kleinere Erfolge feiern, den Spaß am Singen stärken und eine gute Band finden. Jeder soll auch das Recht haben, an einer harschen Kritik zu wachsen: Es ist nicht verboten zu lachen, wenn ein Kandidat schief singt. Nicht gut ist jedoch, dass Menschen, die dort auftreten, für ihr Aussehen oder ihre Fehler, die sie natürlich machen, zum Pausenclown der Nation abgestempelt werden und dass Mängel und Fehler durch Animationen künstlich verstärkt werden.
Frage: "Kalkofes Mattscheibe" läuft seit längerem auf ProSieben. Mehrere Formate, die Sie parodieren, laufen ebenfalls auf diesem Sender, darunter "TV Total" oder "Popstars". Sind Sie nicht selber Teil dieser Maschinerie?
Kalkofe: Ja und nein. Ich arbeite gern im Fernsehen und mache mich auch gern darüber lustig. Wo sonst soll man ein Massenmedium parodieren, wenn nicht eben in diesem Massenmedium? Wenn ich dort ein Millionenpublikum habe, wieso soll ich meine Kritik auf Papier niederschreiben? Ich möchte ja auch die Zielgruppe erreichen, die das Programm anschaut, das ich parodiere. In der Zeitung erreiche ich die Mehrzahl des Fernsehpublikums nicht, weswegen die meisten Produzenten auf solche Fernsehkritiken auch nicht viel geben.
Frage: Gefallen Sie sich in der Rolle des Hofnarren? Der Narr durfte den König kritisieren, lebte aber auch gefährlich.
Kalkofe: Heute wird man glücklicherweise nicht gleich umgebracht, wenn man etwas zu deutlich war. Man bekommt aber eventuell keine neue Sendung oder diejenige, die einem bleibt, wird jeglichen Bisses beraubt. Ich muss häufig abwägen, wie sehr ich mich aus dem Fenster lehne. Das kann mich schon mal an den Rand einer Entscheidung zwingen, in der mir eine Pointe so wichtig ist, dass ich danach nichts mehr sagen darf. Manchmal halte ich mich bewusst zurück, um an anderer Stelle ein bisschen derber sein zu können. Das gehört zur Maschinerie dazu.
Das Interview führten David Lütke und Henrik K. Rang
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