Neue Kultserien "Wir leben mit Soziopathen"

Seine Lieblings-TV-Serie gleich staffelweise schauen: Das hat einiges mit religiösen Kulten gemein, sagt Rainer Winter. Im Interview erklärt der Medienwissenschaftler, warum wir manche Serienhelden besser kennen als unsere Nachbarn - und warum das gar nicht schlimm sein muss.

ARTE/ Sony

SPIEGEL ONLINE: Herr Winter, Sie haben sich als Medienwissenschaftler mit neuen Qualitätsserien beschäftigt und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir beim Seriensehen kultisch, also quasi-religiös handeln. Wie hängen Fernsehserien und Religion genau zusammen?

Winter: Medienkulte wie das intensive Seriensehen schaffen Formen von Transzendenz, sie überhöhen vorübergehend unseren Alltag und verzaubern unsere Welt - alles Elemente, die man im religiösen Kontext mit dem Heiligen verbindet.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert diese Transzendenz?

Winter: Sie vollzieht sich vor allem auf der Gefühlsebene. Man taucht tief in erzählerische Welten ein, identifiziert sich mit den Figuren und hat Spaß daran, sie immer wieder aufs Neue zu erleben. Nicht jeder Serienkonsum ist deshalb gleich Kult: Dafür muss schon eine gewisse Intensität, Regelmäßigkeit und affektive Verbundenheit mit anderen gegeben sein.

SPIEGEL ONLINE: Von medialen Kulten sprach man zuerst im Zusammenhang mit Filmen. Wie funktionieren Kultfilme im Vergleich zu Kultserien?

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Winter: Kultfilme sind vor allem ein Phänomen der sechziger und siebziger Jahre. Sie orientierten sich an Subkulturen, formulierten Kritik am Establishment und hatten Rebellen als Hauptfiguren. Natürlich gab es zeitgleich auch erste Kultserien wie etwa "Star Trek" oder "The Prisoner", die auf ihre Art abweichend waren, weil beide eher phantastisch visionär oder - im Fall von "The Prisoner" - geradezu bizarr waren. Diese Serien und Filme hatten gemein, dass sie nicht als Kultprodukte konzipiert waren. Sie mussten quasi "unten" entdeckt werden, bevor sie zum Teil auch im Mainstream erfolgreich wurden. "The Rocky Horror Picture Show" hatte zum Beispiel erst Erfolg in der New Yorker Schwulenszene, bevor er zum globalen Hit wurde.

SPIEGEL ONLINE: Was ist bei den aktuellen Kultserien anders?

Winter: Der große Bruch kam mit "Twin Peaks" von David Lynch und Mark Frost. Die Serie war bereits so konzipiert, dass sie kultisch angeeignet werden sollte. Lynch als auteur der Serie führte Elemente aus seinen Filmen wie "Blue Velvet" in das Genre der Soap Opera über und mischte im Verlauf auch Horror und Science-Fiction darunter - alles mit dem Ziel, Fans der verschiedenen Genres an die Serie zu binden und sie zum Kult werden zu lassen. "The X Files" hat dieses Prinzip als erstes weitergeführt und damit letztlich die Basis für die aktuellen Kultserien gelegt.

SPIEGEL ONLINE: Neue Qualitätsserien, vor allem die aus den USA, sind teuer und müssen allein aus finanziellem Druck heraus ein möglichst großes Publikum ansprechen. Gleichzeitig gelten Fernsehserien als der neue Pop, weil jeder ständig eine neue Lieblingsserie am Wickel hat. Sind sie also per se Mainstream?

Winter: In jedem Fall funktioniert der Mechanismus des "in der Nische gedeihen und dann nach 'oben' durchgereicht Werdens" nicht mehr. Kultserien und -Filme sind heutzutage nicht mehr auf Science-Fiction oder subkulturelle Themen begrenzt, sondern zielen darauf ab, alle möglichen Formate und Genres zum Kult werden zu lassen. Die Zuschauer bekommen eine Vielzahl unterschiedlicher Serienwelten geboten, die sie sich gefühlsmäßig aneignen und über die sie jeweils miteinander ins Gespräch kommen sollen. Insofern wollen neue Serien gar nicht erst in der Nische verharren, sondern von vornherein für Gesprächstoff und Gemeinsamkeit sorgen - nicht zuletzt aus Marketing-Gründen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch werden Qualitätsserien nur von einem Ausschnitt der Gesellschaft geguckt, der über relativ viel ökonomisches und kulturelles Kapital verfügt, oder?

Winter: Ein Pay-TV-Sender wie HBO spricht in den USA primär Zuschauer und Zuschauerinnen an, die an kulturellen Innovationen interessiert und finanziell dazu in der Lage sind, die Programme des Senders zu abonnieren. Die Rezeption von "Quality TV" kann ein Element eines Lebensstils sein, mit dem man sich von anderen abgrenzt. Im Internet werden die Serien zwar relativ schnell dezentral verfügbar und vielen zugänglich. Gleichzeitig sind die neueren Serien aber voll von gesellschaftlichen Subtexten und Anspielungen auf ältere Serien. Man muss also einen gewissen Grad an Bildung und Medienbildung mitbringen, um sie differenziert verstehen und schätzen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die häufige Selbstreferentialität von Serien bereits angesprochen - warum gibt es so viele, die entweder in der Film- oder Fernsehbranche spielen oder in denen Schauspieler fiktive Varianten von sich selbst spielen?

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Winter: Damit bieten die Serienmacher einen zusätzlichen Zugang zum Stoff an. Manche Zuschauer sind vielleicht nur an den Innovationen einer Serie interessiert und können deren Anspielungen womöglich gar nicht erkennen. Andere Zuschauer schätzen vielleicht die alten Serien und finden dadurch überhaupt erst einen Zugang zu den neuen. Mit Selbstreferentialität versuchen die Macher also, die Zuschauerbasis zu verbreitern.

SPIEGEL ONLINE: Um noch einmal auf Kultfilme und rebellische Hauptfiguren zurückzukommen: Sind nicht auch die aktuellen Serien von Antihelden bevölkert - zum Beispiel dem Serienmörder Dexter oder dem Drogenbaron Walter White aus "Breaking Bad"?

Winter: Absolut, Tony Soprano ist ein weiteres Beispiel. Auch er steht in der Tradition des Antihelden: brutal und liebenswert, kalt und mitfühlend, stark und weich zugleich. Die großen Erzählbögen der Serien ermöglichen es, eine Persönlichkeit in ihrer Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit darstellen zu können. Serienmachern stehen ja - über mehrere Staffeln betrachtet - 60 bis 70 Stunden zur Verfügung, um eine Figur auserzählen zu können. Es ist interessant, dass vor allem Soziopathen im Zentrum stehen und unsere Aufmerksamkeit gewinnen. Sie brechen gesellschaftliche Regeln, deren Einhaltung vielen Zuschauern in ihrem Alltag anscheinend nicht die Welt hervorbringt, die sie sich wünschen.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig beschweren sich Kinoregisseure, dass das Publikum zunehmend ambivalente Figuren ablehnt. Warum sieht man Antihelden lieber auf dem Laptop als auf der Leinwand?

Winter: Im Kino erwarten wir, innerhalb von zwei Stunden von dem Held und seinen Fähigkeiten und Eigenheiten überzeugt zu werden. Serienkonsum können wir dagegen in unseren Alltag integrieren und ihm anpassen, weshalb wir mehr Geduld mit den Figuren haben und ihnen letztlich mehr Raum in unserem Leben geben, wir leben ja quasi mit ihnen. Dadurch entstehen auch die eigenartigen Sympathien, die man für einen Mafia-Boss wie Tony Soprano entwickelt, der nicht nur als Krimineller dargestellt wird, sondern auch als engagierter Familienvater.

SPIEGEL ONLINE: Anfangs hatten Sie gesagt, dass Serien den Ausbruch aus dem Alltag ermöglichen. Jetzt stellen Sie sie eher als Teil unseres Alltags dar.

Winter: Weil Serien tatsächlich beides zugleich sind. Sie sind Ventil für den Stress, der sich zu Hause und auf der Arbeit anstaut, weil sie es uns ermöglichen, Abstand zu uns selbst und unseren Problemen zu bekommen. Gleichzeitig bieten Serien uns einen sehr intimen und intensiven Blick in das Leben anderer, den wir so sonst nicht hätten. Zu den meisten Serienfiguren hat man ja ein engeres Verhältnis als zu seinem Nachbar. Hinzu kommt, dass viele Serien existentielle Themen wie Liebe, Tod oder Krankheit verhandeln. Indem wir uns durch die Serien mit solchen Themen individuell auseinandersetzen und mit anderen über sie reden, verweisen die Serien letztlich wieder auf uns und unseren Alltag.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk

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TangoGolf 26.06.2013
1. worüber man so forscht
Also mal ganz ehrlich: der Informationsmehrwert des Artikels geht gegen Null bzw. das Forschungsergebnis. Ist da irgendetwas neu, spektakulär? Muss man für jenen Erkenntnisgewinn tatsächlich "forschen". Die zumindest zweifelhafte Überhöhung "Transzendenz" mal dahingestellt, ist das Ergebnis doch so simpel wie bekannt: "Sie vollzieht sich vor allem auf der Gefühlsebene. Man taucht tief in erzählerische Welten ein, identifiziert sich mit den Figuren und hat Spaß daran, sie immer wieder aufs Neue zu erleben." Na, wie überraschend - und mithin auf Bücherlesen 1:1 übertragbar.
Rhonda Fizzleflint 26.06.2013
2. ...
Schade, dass die Öffentlichen nicht den Mut haben Qualitätsserien mit ambivalenten Helden in der Primetime zu zeigen. Sopranos oder Breaking Bad werden in den Spartensendern wie Arte und ZDFNeo versteckt, während auf ARD und ZDF dann doch lieber was mit Christine Neubauer gezeigt wird.
tetaro 26.06.2013
3. Serien verdrängen den Film
.. diese Beobachtung drängt sich langsam auf. Das Kino verliert an Bedeutung und deshalb etablieren sich Serien, die die Möglichkeiten des "Heimkinos" besser ausreizen. Zudem muss man Serien nicht mehr tröpchenweise konsumieren, sondern kauft sich den Schuber auf Blu Ray, der 20 Stunden Spaß im Stück verspricht. Serien ermöglichen eine Bindung an die Figuren, die dem Film nicht möglich ist. Und: Die Serienmacher sind *deutlich* kreativer als die Filmmacher. Viele Serien sind um Klassen anspruchsvoller als das, was seit Jahren durchs Kino geistert. Vielleicht, weil diejenigen, denen das Ganze zu hoch ist, eh nichts konsumieren würden, was länger als 120 Minuten ist. Fazit: Serien sind die mediale Alternative zum Buch.
MikeNaeheHamburg 26.06.2013
4. Tja ...
... und ich wette, dass in etwa einer halben Stunde hier etliche Foristen aufheulen werden, dass „ARD und ZDF sowas nicht mit ,unseren' Gebührengeldern hinbekommen“. Dass die neueren amerikanischen Serien allerdings auch nur so gut ausgestattet und besetzt werden können, hat allerdings mit dem System in den USA zu tun. Mal ganz grob geschrieben: Dort bekommen die Sender von den Kabelfirmen Geld für ihr Programm. Ist ein Pilot oder eine Serie erfolgreich, bestimmt der Sender ab der zweiten Staffel wieviel die Kabelfirma zu zahlen hat. Und die zahlt lieber, bevor ihre Kunden zu einem anderen Kabelanbieter wechseln um dort ihre Lieblingsserie zu sehen. Man kann das zwar irgendwie auch „Erpressung“ nennen, aber die Kabelfirmen verdienen immer noch ausreichend Geld.
erfuhrford 26.06.2013
5. ja, recht sinnfrei..
.. der Artikel. Aber er hat mich daran erinnert, dass ich mir die Sopranos und Dexter noch reinziehen wollte.. ;) Im August geht's übrigens weiter mit Walter White!
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