Von Arno Frank
Manchmal verfällt Sandra Maischberger in eine charmante Duldungsstarre. Dann macht sie ein sehr lustiges Gesicht. Sie senkt den Kopf, runzelt die Stirn, ihre Augenbrauen bilden zwei ironische Rundbögen, und ein spöttisches Lächeln spielt um ihre Mundwinkel, während sie das Kinn auf ihren Kugelschreiber stützt und darauf wartet, bis sich zwei ineinander verbissene Gesprächspartner voneinander gelöst haben oder Alice Schwarzer endlich die Hand von ihrem Schenkel nimmt.
Es sind die Momente, in denen ihr kurzfristig die Gesprächsführung entgleitet und sie der Eigendynamik der erhitzten Runde ihren Lauf lassen muss - so wie in der Sendung mit dem etwas unbeholfenen Titel "Muslime verhöhnt, Botschaften brennen" und dem bezeichnenden Untertitel "Wie gefährlich ist dieser Zorn für uns?".
Dabei waren die Rollen so schön auf drei Paare verteilt. Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) gab den besorgt besonnenen Sicherheitspolitiker, dem mit dem hessischen Fraktionschef der Grünen, Tarek Al-Wazir, ein liberaler Politiker mit jemenitischen Wurzeln gegenüberstand. Die junge Journalistin Khola Maryam Hübsch repräsentierte sehr eloquent die ansonsten eher schweigsame Mehrheit der moderaten Muslime in Deutschland; neben ihr saß der doppelte Proselyt Barino Barsoum, der als Christ geboren wurde, für fünf Jahre dem radikalen Islamismus anhing und sich nun wieder als gläubiger Christ bezeichnet, der aus dem Nähkästchen religiöser Indoktrination erzählen kann. Und mit den Publizisten Alice Schwarzer und Peter Scholl-Latour waren schließlich zwei besonders schwere Geschütze geladen, illusionslose Generalisten für die umfassende Welterklärung.
Was also bedeutet es, wenn extrem Bekloppte auf ein extrem beklopptes Filmchen extrem bekloppt reagieren? "Muss man einen Flächenbrand fürchten?", fragt Sandra Maischberger, und mit Peter Scholl-Latour fragt sie glücklicherweise den Richtigen.
"Offene islamische Verbände in Festungen verwandelt"
Der wischt bürgerliche Sorgen nach persönlicher Sicherheit unwirsch beiseite und schaltet seinen bewährten geopolitischen Fernabtaster ein: "Da, wo sich das abspielen wird, das ist Syrien, Irak, Iran, das ist das Schlachtfeld der Zukunft." Und, damit keine Missverständnisse aufkommen: "Die ein, zwei Bomben hier, die tun uns doch nicht weh."
Alice Schwarzer kann dem Haudegen nur beipflichten, wenn auch auf ihre Weise: "Dieser Film wird doch morgen von gestern sein, und dann wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben." Es drohe die viel größere Gefahr einer gesellschaftlichen Umwälzung, an deren Ende die Scharia warte. Schon zeichne sich ab, dass vormals "offene islamische Verbände in Deutschland sich in Festungen verwandeln".
Da muss Uwe Schünemann widersprechen, der sich viel mehr Sorgen "um die Salafisten in unserem Land" macht, die eben nicht in Verbänden organisiert sind. "Wo sind die denn?", blafft Scholl-Latour: "Bis auf diese jungen Männer aus dem Sauerland habe ich noch keinen salafistischen Terrorist gesehen!" Und während Schünemann noch erläutert, wie die Initiative Sicherheitspartnerschaft (Slogan: "Gemeinsam mit Muslimen für Sicherheit") den Terrorismus mit Broschüren und den Mitteln der Suchtprävention aufhalten will ("Woran erkenne ich, dass er/sie einer extremistischen Vereinigung angehört oder auf eine Radikalisierung zusteuert?"), schüttelt gegenüber Khola Maryam Hübsch schon energisch den Kopf. Die fragliche Broschüre aus dem Innenministerium spiele einer Vorverurteilung aller Muslime in die Hände: "Es sind nur kleine Gruppen von Extremisten", die sich da radikalisierten. Der Islam sei eine Religion "für Freiheit, für Toleranz", es gebe unzählige Stellen im Koran, die das belegten.
"Was ist denn das für ein Unsinn, denn Sie da erzählen?!"
Und wahrlich, im Koran gibt's unzählige und auch sehr poetische Stellen, die alles Mögliche belegen. Schon bringt Barsoum ganz andere Zitate in Stellung, mit denen er in der Moschee auf den Dschihad vorbereitet werden sollte. Worauf Hübsch den Dschihad aufgrund einer anderen Stelle im Koran als tugendhaften "Kampf gegen das eigene Ego" interpretiert, was wiederum Barsoum so poetisch nicht stehen lassen kann, und zwar wegen einer bestimmten anderen Stelle im Koran...
Mit ihrem lustigen Gesicht folgt Maischberger den exegetischen Exzessen. Eben führt Hübsch aus, der Islam pflege "eine Kultur der Toleranz und des zivilisatorischen Umgangs auch mit anderen Religionen", als endlich Alice Schwarzer das Proseminar in islamischer Theologie beendet: "Ja? Dann reden Sie doch mal mit diesen Jungs da!" Für Schwarzers beherzte Vorstöße, die Gewalt mit der erwiesenen Jungmännlichkeit der Gewalttäter in Verbindung zu bringen, fehlen ihr an diesem Abend leider die an feministischen Diskursen interessierten Gesprächspartner.
Das Problem "gewaltbereiter" Minderheiten, die dann doch eben "massenhaft" Botschaften stürmen, wäre damit auch noch nicht gelöst. Natürlich steigt mit dem Arabischen Frühling die Gefahr, dass zuvor unterdrückte Islamisten an Einfluss gewinnen. Zu diesem Zweck will Al-Wazir mit der Zweistaatenlösung den Nahost-Konflikt bereinigen, "erstens, und dann müssen wir zweitens diesen Leuten helfen, wirtschaftlich auf die Beine zu kommen". "Aber die sind doch reich!", schimpft Scholl-Latour und versenkt Al-Wazirs schönen Friedensplan: "Die sind doch reicher als wir! Was ist denn das für ein Unsinn, den Sie da erzählen?!"
Für Scholl-Latour ist völlig illusorisch, dass so unterschiedliche Kulturen sich "aufeinander zubewegen" könnten. Im Gegenteil. Selbst zur Zeit der Kreuzzüge hätten sich Christen und Muslime weit näher gestanden: "Die einen schrien 'Allahu akbar' und die anderen 'Deus vult', die waren sich ähnlicher als heute der säkulare Westen und der doch tief religiöse Orient." Es ist die einzige ehrliche Antwort auf Maischbergers provokanten Frage, ob denn die Muslime einfach lernen müssten, mit dem Spott umzugehen.
Scholl-Latour: Dieses therapeutische Sprechen ist ihm zuwider
Scholl-Latour freilich ist dieses therapeutische Sprechen von Umgang, Vertrauen, Verständnis, Rücksicht und Dialog zuwider, zudem ihm anderes auf dem Herzen liegt: "Wo kommt denn der Salafismus her? Das ist der Wahhabismus, und der kommt aus Saudi-Arabien, wohin wir 400 Leopard-Panzer liefern, damit die Saudis in Bahrain den Protest unterdrücken können. Darüber sprechen wir nie. Wir sind Teil dieser Probleme, wir sind doch mittendrin."
Zunehmend verlagert sich die Debatte auf "zündelnde" Hetzer nicht nur im rechten, sondern im fundamental christlichen Lager. Die gebe es nicht nur in den USA, sondern auch hier. Hübsch nutzt die Gelegenheit, treuherzig das "soziale Klima in diesem Lande" zu beklagen, "in dem das Heilige lächerlich gemacht wird". Wieder wird mit dem "Titanic"-Cover gewedelt, das sich dem brisanten Thema päpstlicher Inkontinenz widmete. Kann denn heilig sein, was nicht einmal dem Anprall der Lächerlichkeit standhält?
Diese und andere Fragen aber können an diesem Abend nicht mehr verhandelt werden. Im Grunde ist sich die Runde einig: Ja, der fragliche Film ist schlecht, weil weder Satire noch Kunstwerk, soll aber selbstverständlich gezeigt werden dürfen, wenn's denn unbedingt sein muss. Es wäre trotzdem besser, wenn wir alle ein wenig entspannter mit uns umgingen. Von Sandra Maischberger sollten wir lernen, wie man den Dingen für eine Weile ihren Lauf lässt. Die Dinge halten das schon aus. Und wir auch.
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