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09. Mai 2012, 07:59 Uhr

Europa-Talk bei Maischberger

Senioren, denkt auch mal an die Gegenwart!

Von Arno Frank

Alle gegen Merkel? Bei ARD-Talkerin Maischberger ging es um die Folgen der Wahlen in Griechenland und Frankreich. In der Seniorenrunde trafen Ü-80-Haudegen und Alt-Präsident Weizsäcker, 92, aufeinander - unterhaltsam verlief vor allem der Zusammenprall von Peter Scholl-Latour und Arnulf Baring.

Europa hin, Europa her. Nun hat Frankreich links gewählt (und ein bisschen faschistisch), Griechenland hat links gewählt (und ein bisschen faschistisch) - und bei Maischberger wurde daraus der leicht alarmistische Titel: "Alle gegen Merkel - Europa in Gefahr?" Eine interessante Frage, bei deren Beantwortung bisweilen mehr als 300 Jahre Lebenserfahrung durcheinander redeten an diesem Abend.

Geladen waren der altersmilde Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker, 92, der wutbürgerliche Historiker Arnulf Baring, 80, das journalistische Urviech Peter Scholl-Latour, 88, - und der Verleger Jakob Augstein, mit 44 das Nesthäkchen in der Runde. Später wurde, warum auch immer, auch noch Helmut Schmidt, 93, eingespielt, der Richard von Weizsäckers Rede von der Befreiung durch das Kriegsende 1945 wohlwollend kommentierte.

Dazu gesellten sich, wie in einer Séance, immer wieder geisterhaft Gestalten wie Winston Churchill, Valéry Giscard d'Estaing, Charles de Gaulle, Lech Walesa, François Mitterrand, Otto von Habsburg oder auch Otto von Bismarck. Immer dann, wenn es konkret zu werden drohte, drehte einer der Älteren in der Runde sozusagen am diskursiven Weitwinkelobjektiv, um die historischen Dimensionen und entlegenste Details der Debatte ins Bild zu bekommen.

Richard von Weizsäcker schaute weise aus der Wäsche und forderte, man müsse erst einmal "historisch weiter zurückgehen", um dann, beginnend mit der Reichsgründung 1871, den rabaukenhaften Schlingerkurs unserer verspäteten Nation durch die Jahrzehnte noch einmal Revue passieren zu lassen, bevor er endlich bei der Frage landete, ob Deutschland heute für seine Nachbarn überhaupt erträglich ist. Ist es, so sein Resümee, und zwar selten so sehr wie heute. Seine enorme wirtschaftliche Macht stelle keine Bedrohung dar für Europa, im Gegenteil.

Scholl-Latour platzt der Kragen

Arnulf Baring dagegen wunderte sich über die jahrelange "Windstille" in der Diskussion darüber, welche Rolle dem vereinigten Deutschland in der Welt eigentlich zukommt. Er wiederholte seinen alten Hit vom Scheitern des Euro, das notwendigerweise wieder in ein "Europa der Vaterländer" münden müsse, weil dieses riesige Europa keine "handlungsfähige Einheit" sei. Über antideutsche Ressentiments im Ausland gab er sich "erschrocken", nur um im nächsten Atemzug ein paar eigene Ressentiments vom Stapel zu lassen: "Ich bin viel in Südeuropa gewesen, die ticken da völlig anders!" Er, Baring, wünsche sich bekanntlich einen neuen Euro, den "Neuro" der "zuverlässigen Nordländer".

Das war dann der Moment, als Scholl-Latour erstmals der Kragen platzte. Scholl-Latour ist gut, wenn ihm der Kragen platzt. Baring verbreite da ein plumpes "Vorurteil gegenüber den romanisch-katholischen Südländern", und was, bitteschön, sei denn ein zuverlässiges Nordland? "Island, ja?"

Während sich Weizsäcker präsidial abseits hielt und aufs Mahnen verlegte, verlief die unterhaltsamste Front an diesem Abend tatsächlich zwischen dem gelassenen Gaullisten Scholl-Latour und Baring, der stellenweise geradezu wilhelminische Tendenzen an den Tag legte. Scholl-Latour beruhigte, die Wahl in Frankreich habe "mit Europa gar nichts zu tun", die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland würden sich dadurch "nur ganz wenig ändern".

"Es geht doch um die Gegenwart!"

Weizsäcker zitierte Churchill, der einmal von der Wichtigkeit der deutsch-französischen Beziehungen für Europa gesprochen hatte, worauf Baring geradezu kaiserlich lospolterte: "Die Engländer haben ja noch nie mitgemacht". Perfides Albion! Bald flogen die "Ich war dabei, als …", "Ich habe damals ja noch erlebt, dass …" und "Ich erinnere mich noch gut, wie …" nur so hin und her.

Irgendwann warf Sandra Maischberger nur noch milde lächelnd Stichworte in die Runde. Osterweiterung der EU? Unsinn! Vereinigte Staaten von Europa? Schön wär's! Überhaupt waren sich die historisch versierten Haudegen mit Blick auf China, Russland und die USA erstaunlich einig, dass Europa auch militärisch wehrhafter sein müsse. Ansonsten würde, wie Scholl-Latour warnte, unserem armen alten Kontinent die Rolle der "Graeculi" zufallen, der hilflosen alten "Griechlein" in den Stürmen der Spätantike.

Jakob Augstein bemühte sich unterdessen nach Kräften, die Diskussion von ihrem seltsamen Gleis wieder herunterzuschieben: "Es geht doch um die Gegenwart!" Die Wahlergebnisse in Paris und Athen bereiteten ihm keine Sorgen: "Sie können die Demokratie in Europa nicht abschaffen, damit die Banken zufrieden sind." Seine Hoffnung auf eine neue gesamteuropäische Sozialdemokratie, einen Kurswechsel für Europa und einen Abschied vom Spardiktat der Bundesregierung mochten die skeptischen Senioren allerdings nicht teilen. Es geschieht ja allerhand, damit die Banken zufrieden sind. Warum nicht auch die Abschaffung der Demokratie?

Apropos Demokratie und weil es sich gerade so schön anbot, wurden zuletzt noch minutenlang Meinungen über die Piratenpartei ausgetauscht, bis endlich Richard von Weizsäcker den verdächtig defensiven Vorschlag zur Güte machte, "doch wenigstens Schengen zu den guten Dingen in Europa" zu rechnen. Es war der bescheidenste Satz dieses diffusen Abends. Der lustigste Satz übrigens entfuhr wie immer Scholl-Latour, der ihn schmunzelnd, aber ohne Anzeichen von Ironie aussprach: "Es ist doch bemerkenswert, dass die vernünftigen Dinge von alten Männern gesagt werden."

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