#MeToo-Doku Eigentlich können Mädchen alles

Was haben eine Managerin und eine Friseurin gemeinsam? Beide erleben, dass ihre Weiblichkeit im Beruf ein Nachteil ist - eine NDR-Doku zeigt, wie sich männliche Macht durch alle Bereiche der Gesellschaft zieht.

NDR

Von Katharina Schipkowski


Die zehnjährige Julika zählt vor der Kamera auf, was Mädchen genauso gut können wir Jungs: "Rumschreien, Fußballspielen, operieren, Autos reparieren." Sie kommt zu dem Schluss: "Ich glaube, es gibt keinen Unterschied, was Mädchen werden können und was Jungs werden können."

Wie weit sie damit von der gesellschaftlichen Realität entfernt ist, wird der Zehnjährigen wohl erst in einigen Jahren bewusst werden - eine durchaus bittere Bestandsaufnahme darüber, was es heute bedeutet, eine Frau zu sein, bilden die NDR-Autorinnen Pia Lenz und Anna Orth in ihrer Dokumentation "Der kleine Unterschied 2018" ab.

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"Der kleine Unterschied 2018": Der Kampf gegen etwas Unsichtbares

Sie haben mit 18 Frauen aus unterschiedlichen Berufsfeldern gesprochen: eine Frisörin ist darunter, eine Polizistin, eine Köchin, eine Chirurgin, eine Top-Managerin, eine Politikerin. So unterschiedlich ihre Berufserfahrungen sind - sie alle eint die Erfahrung, an einem - oder mehreren - Punkten ihrer Karrieren schmerzlich auf ihre Weiblichkeit zurückgeworfen worden zu sein. Sie berichten von Alltagssexismus, Übergriffen, von der Missachtung weiblicher Kompetenz, es geht um gläserne Decken, männliche Netzwerke und um Rollenbilder, von denen viele denken, wir hätten sie längst überwunden.

Sexismus hat immer mit Macht zu tun

"Das erste Erwachen kam mit dem ersten Job", sagt etwa die Filmproduzentin Saralisa Volm. Die Chirurgin Miriam Prang sagt: "Nach einigen Jahren merkt man, man kämpft gegen etwas Unsichtbares." Auch in der Politik ist es nicht anders: "Sobald man anfängt, Erwartungen zu stellen, in gewissen Bereichen Einfluss üben zu wollen, wird es schwierig", sagt die Grünen-Abgeordnete Anna Gallina.

Sexismus hat nicht immer mit Sex zu tun, aber immer mit Macht - das ist ein Fazit, das die Journalistinnen aus den Interviews mit den Frauen ziehen. Und über dessen Tragweite sie mitunter selbst überrascht scheinen.

Zwar hat die #MeToo-Debatte der vergangenen Monate sichtbar gemacht, wie Männer Machtpositionen missbrauchen, um Frauen sexuell gefügig zu machen. Aber was bei der Debatte häufig zu kurz kommt, ist das Alltägliche: Die männliche Vormachtstellung in der Gesellschaft ist ein Problem, das sich durch alle Schichten zieht.

Die Interviews machen deutlich: Die Frisörin leidet ebenso unter dem herabwürdigen Verhalten ihres Chefs wie die Polizistin, die Chirurgin kämpft mit den gleichen Vorurteilen ihrer Patienten wie die Bauleiterin. Um sich gegen ihre männlichen Kollegen durchzusetzen, müssen viele Frauen bei weniger Gehalt mehr Leistung bringen - und dazu noch Erniedrigungen aushalten.

"Frauen, was hält euch ab?"

Wenn dann auch noch Kinder ins Spiel kommen, wird es noch finsterer: "Für Frauen endet die Karriere eigentlich, wenn sie Kinder kriegen", sagt die Köchin Simone Haselier: Viele gehen in Elternzeit (Frauen nehmen im Schnitt fast 14 Monate, Männer, wenn sie denn überhaupt welche nehmen, höchstens vier) und danach in Teilzeit. Die Folge ist nicht selten Altersarmut - im Schnitt bekommen Frauen in Deutschland 53 Prozent weniger Rente als Männer.

"Frauen, was hält euch ab?" fragen die Reporterinnen während ihrer Recherche. Bei ihrer Suche nach den gesellschaftlichen Strukturen, die die Machtverhältnisse zugunsten der Männer aufrechterhalten, sind die Filmemacherinnen dabei auch durchaus selbstkritisch: 80 Prozent aller Experten im deutschen Fernsehen sind Männer, bei Panorama ist es nicht anders. Ebenso wenig bei den Filmen, die Orth und Lenz selbst gemacht haben.

Um die ungleiche Machtverteilung in Deutschland zu erklären, wälzen sie auch Ratgeber. "Spiele mit der Macht", oder "Schlagfertigkeitsqueen" heißen die etwa, richten sie sich direkt an Frauen. "Technik eins: Nicht zu viel denken", liest Orth vor. Das Fazit aus der Ratgeberrecherche: Frauen sind defizitär und sollten sich, wenn sie eine Rolle in der Berufswelt spielen wollen, wie erfolgreiche Männer verhalten - ein neues Korsett: "Foulen Sie zurück", liest Lenz aus einem anderen Ratgeber vor, "und zwar so hart, dass Sie nicht noch einmal gefoult werden." Auch zu viel zu lächeln sei schädlich.

43 Jahre ist es her, dass Alice Schwarzer für ihr Buch "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen" 17 Frauen interviewte und damit Wut- und Hasstiraden auslöste, aber auch viele ermutigte und feministische Diskurse in die Öffentlichkeit brachte. Heute sind die Probleme nicht mehr die gleichen. Zu tun aber, das zeigt die Doku eindrücklich, gibt es immer noch genug.


"Der kleine Unterschied 2018", am Dienstag, 5. Juni um 21.15 Uhr im NDR, danach in der Mediathek.

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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
ayee 05.06.2018
1. Spiel nicht verstanden
Ich glaube eher, das Problem der gläsernen Decke ist, dass Frauen entweder das Spiel nicht verstehen, es nicht verstehen wollen oder nicht mitmachen wollen. Frauen könnten genauso aufsteigen wie Männer, wenn sie das dafür nötige Spiel so spielen würden, wie die Männer. Auf den Aufstieg fokussiert, weitgehend rücksichtslos, dem alles unterordnend, auf sich allein gestellt. Sicher, das ist nicht bequem, man ist nicht everybodies darling, aber darum geht es Männern nicht, die nach ganz oben wollen und auch kommen. Wenn Männer das Spiel genauso wie die meisten Frauen angehen, steigen auch sie nicht auf.
muellerthomas 05.06.2018
2.
"Zu tun aber, das zeigt die Doku eindrücklich, gibt es immer noch genug." Ja, aber es ist eben auch ein Prozeß über Generationen und das Problem hat viele Ursachen und entsprechend viele Stellschrauben müssen verändert werden. Ja, es gehen weit mehr Frauen und für einen längeren Zeitraum in Elternzeit als die Männer - aber das ist doch in den allermeisten Fällen auch der Wunsch der Mütter. Und ich kenne diverse Familien, wo die Mütter halbtags - vorzugsweise in einem sozialen Beruf - arbeiten und das den Töchtern - aber nicht den Söhnen - durchaus nahegelegt wird, dass das doch eine prima Berufswahl ist. Also nichts gegen soziale Berufe, aber ein Ingenieur verdient eben mehr als eine Krankenschwester. Oder wieviele Mütter wünschen sich ihre Tochter als rosa Prinzessin? Um z.B. den Gender Paygap zu reduzieren, müssen da auch und vor allem die Mütter umdenken.
realist114 05.06.2018
3.
Das einzige, was wirklich gegen die Benachteiligungen und Vorurteile, die Karriereknicks und Altersarmut helfen würde, wäre ein gesellschaftliches Selbstverständnis, dass Haushalt under Kindererziehung gleichermaßen Männer- wie Frauensache ist. (Sogar um den Anteil mehr Männersache um den Frauen schwangerschaftsbedingt zu Hause sind) Nun mag sich jeder und jede sich persönlich fragen, ob sie dazu bereit sind. Das gilt nicht nur für Männer, die pro Kind 8 Monate Elternzeit machen müssen und anschließend Teilzeit arbeiten, sondern auch für Frauen, die 4 Monate nach der Geburt das Kind an den Vater abgeben und wieder voll arbeiten gehen. Ich kenne einige Familien, die das so machen, ich vermute aber dass viele von dieser Idee nicht so begeistert wären.
durcheinandi 05.06.2018
4. Ah ja, diese unsichtbare Macht
Der bin ich als genauso Unterworfen. Wie viele andere auch! Mir ist schon klar das es Frauen immer noch schwerer haben als wir Männer. Aber nicht jede/r kann 4K+ verdienen. Das heißt also im Umkehr Schluss... Mindestrente. Mich ärgert es wenn eine Spiegel Redakteurin so unreflektiert schreibt und meint das wäre es. Machtkonzentration ist immer ein Problem. Aber das gilt für die weibliche genauso. So, und nun?!? Ich weiß es leider auch nicht. Ach übrigens. Der männliche Friseur verdient auch nicht mehr!
pepe83 05.06.2018
5. Immer dieses selbstreferentielle Gejammer
Frauen müssen bei weniger Gehalt mehr Leistung bringen. Alleine diese Aussage zeigt die ganze Krux des Themas. Es wird gnadenlos pauschalisiert und eine subjektiv gefühlte, unbewiesene Wahrnehmung als eine Wahrheit hingestellt. Die ewige Fokussierung auf die vermeintliche Opferrolle wird keine Frau voran bringen. Da hilft es auch nicht, wenn Frauen politisch und strukturell noch weiter bevorteilt werden. Erfolg und Karriere erreicht man meist durch hohen Aufwand an Zeit und Energie. Das gilt für alle Geschlechter gleichermaßen.
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